Der UN-Sicherheitsrat tagt

UN-Sicherheitsrat zu Flugzeugabsturz "Zu jedem Verbrechen, zu jeder Provokation fähig"

Stand: 26.01.2024 04:00 Uhr

Eine von Moskau beantragte Sicherheitsratssitzung brachte wenig neue Erkenntnisse - aber heftige Debatten. Die Ukraine wirft Russland vor, von seiner Verantwortung ablenken zu wollen.

Als die Dringlichkeitssitzung startete, war der, der sie vom Sicherheitsrat gefordert hatte, schon wieder abgereist. Russlands Außenminister Sergej Lawrow hatte unmittelbar nach dem Absturz des russischen Militärflugzeugs den Vorwurf des Kremls bei einer Pressekonferenz in New York unterstrichen: Die Ukraine habe das Flugzeug abgeschossen.

Im Sicherheitsrat selbst ließ Moskau diese Vorwürfe dann nur noch von seinem stellvertretenden UN-Botschafter erheben: Dmitri Poljanski sprach von einem "hinterhältigen Terrorakt" und sagte: "Alle Informationen, die wir haben, zeigen, dass wir es hier mit einem vorsätzlichen, gut durchdachten Verbrechen zu tun haben."

Im UN-Sicherheitsrat machen sich Russland und Ukraine angesicht des Flugzeugabsturzes gegenseitig Vorwürfe

Tobias Dammers, ARD Kiew, tagesschau, 26.01.2024 12:00 Uhr

Geplanter Gefangenenaustausch

Die ukrainische Führung habe die Route des Flugzeugs sehr gut gekannt, über die die Kriegsgefangenen zu dem Ort geflogen werden sollten, an dem der angebliche Austausch stattfinden sollte.

Dass ein Gefangenenaustausch geplant und dann abgesagt worden war, hatten die ukrainischen Behörden bestätigt. Jedoch gab es keine gesicherten Informationen darüber, wer sich an Bord der abgestürzten Maschine befand, so die stellvertretende UN-Generalsekretärin Rosemary DiCarlo.

Raketen oder Kriegsgefangene?

"Nach Angaben der russischen Behörden waren darin 65 ukrainische Kriegsgefangene, sechs russische Crew-Mitglieder und drei russische Militärs", so DiCarlo. "Nach ukrainischen Angaben könnte das Flugzeug jedoch Raketen für das russische Militär transportiert haben." 

Beide Länder hätten Untersuchungen angestoßen. Doch für die Vereinten Nationen bleibe es schwierig, aufgrund gegenseitiger Behauptungen der Kriegsparteien tatsächlich Licht in die Umstände des Flugzeugabsturzes zu bringen.

Unabhängige Untersuchung gefordert

Die Ukraine forderte eine unabhängige internationale Untersuchung. Kiews stellvertretende UN-Botschafterin Khrystyna Hayovyshyn unterstrich: "Seit Russland vor fast zehn Jahren die Krim überfallen hat, seit es vor zwei Jahren einen Krieg gegen die Ukraine begonnen hat, haben wir so oft erlebt, dass Russland zu jedem Verbrechen und jeder Provokation fähig ist, um seine Verletzungen zu rechtfertigen und vom Eigentlichen abzulenken." Dem Krieg nämlich, den Russland begonnen habe, um die ukrainische Staatlichkeit zu zerstören.

Auch der stellvertretende UN-Gesandte aus Washington, Robert Wood, argumentierte ähnlich. Wie viele UN-Diplomaten warf er Moskau sinngemäß vor, erneut die UN-Bühne zu nutzen, um von seinen kriegerischen Handlungen abzulenken. Russlands übereilter Ruf nach einer Dringlichkeitssitzung zum Flugzeugabsturz folge einem bekannten Drehbuch, sagte Wood.  

Russland habe immer wieder versucht, die Verantwortung für Tragödien dieses sinnlosen Kriegs seiner Wahl wegzuschieben und sich als Opfer darzustellen - und nicht als der Aggressor. 

 

Antje Passenheim, ARD New York, tagesschau, 26.01.2024 05:40 Uhr

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. Januar 2024 um 09:00 Uhr.