Obdachlose schlafen in Decken eingehüllt auf einer Straße in Sao Paulo. | ARD Rio de Janeiro
Weltspiegel

Obdachlose in Brasilien Corona-Elend im reichen São Paulo

Stand: 22.08.2021 04:30 Uhr

Die sozialen Folgen von Corona in Brasilien sind verheerend. Viele Geringverdiener haben ihre Jobs verloren - und dann auch ihre Wohnung. Auch im reichen São Paulo hat die Zahl der Obdachlosen dramatisch zugenommen.

Von Volker Schwenck, SWR Stuttgart

Ramon Almeida knöpft sorgfältig seine weiße Bäckerjacke zu, zwischen Haarnetz und Mundschutz sieht man nur die dunklen Augen blitzen. "Das Gefährlichste auf der Straße ist, dass man es sich zu bequem macht", sagt er etwas überraschend. Es gebe Hilfsorganisationen, die einen mit dem Überlebensnotwendigen versorgten. "Die Gefahr ist, dass man sich damit zufrieden gibt."

Obdachlose gibt es in Brasiliens reicher Wirtschaftsmetropole São Paulo schon seit Jahren, doch Corona hat den Kontrast zwischen dem Wohlstand der einen und der Armut der anderen ins fast Unerträgliche gesteigert.

Außer in den Vierteln der Reichen sieht man überall in der Stadt Menschen, die ihre wenigen Habseligkeiten bei sich tragen und unter Brücken, in Parks, vor Kirchen oder Bahnhöfen eine provisorische Bleibe gefunden haben. Seit der Pandemie landen immer mehr Menschen in Brasilien auf der Straße, die vor kurzem noch eine halbwegs normale Existenz hatten - allerdings meist am Rande der Armut.

Ramon war auch nicht reich, doch von seinem Job in der Diskothek konnte er leben. Als das Etablissement wegen Corona schließen musste, suchte er verzweifelt neue Arbeit - ohne Erfolg. Das Geld war rasch zu Ende und dann auch die Wohnung weg. Von da an lebte Ramon auf der Straße.

Roman Almeida

Aus der Disko auf die Straße - und dann in ein Hilfsprogramm: In der Pandemie änderte sich Ramons Leben dramatisch.

Geschockt vom Leben auf der Straße

Morgens wartete er auf den VW-Bus einer Hilfsorganisation, die Brötchen und Kaffee verteilt. Mittags ging er in eine Suppenküche und abends kämpfte er um einen Schlafplatz in einem Obdachlosen-Asyl - was nicht immer gelang. "Ich muss mich nur um mich alleine kümmern, habe weder Familie noch Kinder, da ist das Leben auf der Straße einfacher", sagt Ramon. Aber trotzdem war es für ihn ein Schock.

Gewalt, Drogen und Hoffnungslosigkeit sind allgegenwärtig, und wegen Corona finden sich ganze Familien mit Kleinkindern plötzlich in diesem Umfeld wieder. In Brasiliens Dienstleistungsgesellschaft ist der sogenannte informelle Sektor Normalität. In Gastronomie oder Handwerk sind viele praktisch als Tagelöhner beschäftigt, ohne Arbeitsvertrag und damit ohne Anspruch auf selbst minimale staatliche Unterstützung.

Nach Angaben der Stadtverwaltung São Paulo soll es vor der Pandemie fast 25.000 Obdachlose gegeben haben. Hilfsorganisationen halten diese Zahl für zu niedrig und schätzen, dass die Zahl der Obdachlosen wegen Corona zusätzlich um 50 bis 60 Prozent zugenommen hat. Das liegt auch an der Corona-Politik von Präsident Jair Bolsonaro, der die Pandemie selbst nach 570.000 Corona-Toten in Brasilien noch immer verharmlost und Impfungen für überflüssig hält.

Menschen "wie Müll" behandelt

Einer der schärfsten Kritiker des rechtsextremen Präsidenten ist Padre Júlio Lancellotti, ein Priester aus São Paulo, der sich für Obdachlose engagiert. Er wirft Bolsonaro vor, sich der ärmeren Bevölkerungsschicht in Brasilien schlicht entledigen zu wollen. "Die Regierung behauptet oft, dass sie Politik für alle mache, aber das tut sie nicht", wettert Padre Júlio im Gespräch mit der ARD.

Manchmal würden Menschen entsorgt wie Müll: "Leute, die man loswerden will, weil man sie als nutzlos betrachtet. Und genau das erleben wir hier." Padre Júlio spricht von einem "mörderischen Kapitalismus" in Brasilien, und tatsächlich treffen in dem Land mehrere sozialpolitische Missstände aufeinander.

Niedrige Löhne, hohe Mieten

Der Ballungsraum São Paulo mit seinen 21 Millionen Einwohnern zieht wie ein Magnet Menschen aus den ländlichen Teilen Brasiliens an, die in der Megastadt auf Arbeit und Wohlstand hoffen. Es fehlt Wohnraum, bezahlbarer sowieso. Gleichzeitig sorgt das Heer von konkurrierenden Arbeitswilligen dafür, dass die Löhne für einfache Arbeit extrem niedrig sind.

Corona bringt auch für die Wohlhabenden in den Villen-Vierteln São Paulos Einschränkungen, doch die Menschen am unteren Ende der Einkommensskala stürzen von heute auf morgen ins Elend. Die staatliche Corona-Nothilfe der brasilianischen Bundesregierung wurde mehrfach gekürzt, vor allem aber ist sie zu gering, die Empfänger vor Armut zu bewahren. Für die Miete eines Zimmers reicht das Geld ohnehin nicht.

Obdachlose stehen in der Innenstadt von São Paulo (Brasilien) Schlange, um ein Mittagessen zu erhalten. | AFP

Seitdem die Obdachlosigkeit in São Paulo stark zugenommen hat, verteilt die Stadt Mittagessen an Betroffene. Bild: AFP

Raus aus dem Elend

Ramon hat nach drei Wochen auf der Straße den ersten Schritt raus aus dem Elend geschafft. Die Hilfsorganisation, die täglich Tausenden Armen in São Paulo kostenlos Brot und Kaffee zum Frühstück ausgibt, bildet Lehrlinge aus und bringt sie für die Dauer der Lehre in Zimmern unter. Solch eine Stelle konnte der Mitdreißiger mit Geduld und Energie ergattern.

Ramon lernt jetzt Bäcker, schiebt süße Brötchen in den Ofen, wie er sie einst selbst als Obdachloser zum Frühstück bekam, und hofft, dass die Corona-Krise in Brasilien vorüber ist, bevor seine Ausbildung endet.

Über dieses Thema berichtete die ARD am 22. August 2021 um 19:20 Uhr im "Weltspiegel".