Ein Wandgemälde mit dem Gesicht Mohamed Bouazizis (Aufnahme vom 8. Dezember 2010) | REUTERS

Besuch in Sidi Bouzid Was von Tunesiens Revolution bleibt

Stand: 17.12.2022 12:06 Uhr

Vor zwölf Jahren steckte sich ein junger Tunesier selbst in Brand - und löste damit eine Revolution im Land aus. Die Erwartungen an die Zeit danach haben sich aber kaum erfüllt. Ein Besuch in dem Ort, wo alles begann.

Von Dunja Sadaqi, ARD-Studio Nordwestafrika, zzt. in Sidi Bouzid

Majeddine Badri zeigt auf das Mahnmal - ein recht einfaches Denkmal aus Stein - der hölzerne Handkarren des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi. So einen Handkarren mit großen Rädern voll beladen mit Gemüse fährt auch der 21-jährige. Er trägt einen kurz gestutzten schwarzen Bart, eine dunkle Baseballkappe, Jeans und Sneaker.

Dunja Sadaqi ARD-Studio Rabat

"Das hier ist das Mahnmal für Mohamed Bouazizi, das ist sein Karren. Viel mehr haben sie nicht gemacht", sagt Majeddine. Außer noch dieses große Bild seines Gesichts an einem Gebäude, erzählt er, das soll 40.000 Dinar gekostet haben - gut 12.000 Euro.

Gemüsehändler Bouazizi steckte sich in Brand

Majdeddine ist aus Sidi Bouzid, einer Stadt etwa vier Autostunden von der Hauptstadt Tunis entfernt. Vor zwölf Jahren sorgte der Gemüsehändler Bouazizi hier für Schlagzeilen: Am 17. Dezember 2010 steckte sich der damals 26-Jährige selbst in Brand - aus Verzweiflung über seine wirtschaftliche Lage und Polizeiwillkür.

"Ich war in der vierten Klasse, meine Schule, war nicht weit davon entfernt, wo Bouazizi sich verbrannt hat", erzählt Majdeddine. Er sei gegen 16 Uhr aus der Schule gekommen und erinnere sich an einen Menschenauflauf, den Krankenwagen, die Polizei. "Ich war klein und habe nicht wirklich verstanden, was los war. Aber dass sich jemand verbrannt hat, das war irgendwie nicht normal."

"Wir haben von der Revolution nicht profitiert"

Die Selbstverbrennung von Bouazizi, an der er wenige Wochen später verstarb, löste Massenproteste im Land aus - und damit die Revolution. Was von der Revolution in Sidi Bouzid geblieben ist, fragen wir. Nicht viel, sagt Majdeddine.

"Das hat eine Katastrophe hier ausgelöst. Die Leute in Sidi Bouzid haben wirklich gelitten", so der junge Gemüsehändler. Es gebe immer noch kein gutes Krankenhaus, keine Arbeit, die Arbeitslosigkeit habe zugenommen, die Analphabetenrate. "Immer mehr Kinder brechen die Schule ab. Es gibt viele große Probleme hier. Wir haben von der Revolution nicht profitiert."

Das einzige sei, dass man seitdem reden könne. "Doch ein Mensch, der redet, aber kein Geld hat, nicht arbeiten kann, sich nicht weiterentwickeln kann, wie soll man denn da leben?", fragt Majdeddine. Die Revolution habe tiefe Spuren hinterlassen, "aber wir haben nichts gewonnen".

Wünsche nach der vorrevolutionären Zeit

Die Erwartungen an die Zeit nach der Revolution haben sich nicht erfüllt. Viele in Sidi Bouzid sagen sogar, sie wünschen sich die Zeiten vor der Revolution und zu ihrem Ex-Diktator Ben Ali zurück. Grund dafür ist die wirtschaftliche Situation.

Am Morgen, an dem ich Majdeddine treffe, sagt er, habe er 15 Dinar verdient - das sind knapp fünf Euro. Den Monat über habe er quasi überhaupt nicht gearbeitet. Seinen Freunden gehe es ähnlich. "Vor zwölf Jahren war noch alles billig, nicht so wie heute. Die Leute hatten noch Geld und der tunesische Dinar war stark", sagt er. Aber jetzt falle die Währung und das Leben werde immer teurer.

Majdeddines Reisen nach Europa scheiterten

Deswegen hat auch Majdeddine schon zweimal versucht, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Heimlich. Zweimal ist er gescheitert, einmal, weil die Motoren den Geist aufgaben, ein andermal, weil der Schlepper mit dem Boot gar nicht erst auftauchten. Es nochmal versuchen, will er nicht, sagt Majdeddine - seiner Mutter und den kleinen Geschwistern zuliebe.

Es sei alles eine Frage des Geldes. Wenn Majdeddine das hätte, würde er gerne ins Ausland gehen. Aber am liebsten auf eine reguläre, organisierte Art und Weise. Nicht nochmal so ein Risiko. "Meine Mutter hat damals geweint und das Haus geputzt, weil sie dachte, die Leute würden vorbeikommen, um zu kondolieren", sagt er. "Sie dachte, ich wäre tot, denn mein Telefon war zweieinhalb Tage ausgestellt. Ich will nicht, dass sie das nochmal erleben muss."

Keine Hoffnung mehr

Hoffnung auf Veränderung in seinem Land hat Majdeddine trotzdem schon lange nicht mehr. Von den Parlamentswahlen hält er gar nichts. "Was soll ich denn von den Wahlen erwarten, so viele, wie es schon gab seit damals? Die ganzen Präsidentschaftswahlen - die Troika." Er erinnere sich noch nicht mal mehr an die Namen, denn sie hätten nichts für ihn getan, nichts verändert.

Mit seinem Frust ist Majdeddine nicht allein. Viele junge Menschen wollen aus Tunesien weg. Aufgeben will der 21-Jährige aber nicht. Er spare Geld, hat angefangen Deutsch zu lernen - mit Videos aus dem Internet, erzählt er, während er ein kleines Heft mit akribisch säuberlich geschriebenen deutschen Vokabeln vorzeigt. Majdeddine will seine Zukunft selbst in die Hand nehmen. Von seinem Staat erwartet er keine Unterstützung.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 17. Dezember 2022 um 11:11 Uhr.