Frau in Kapstadt geht mit Mundschutz an einem Graffiti mit Injektionsspritze vorbei | AP

Corona-Krise in Afrika Südafrika fordert Impfgerechtigkeit

Stand: 06.02.2021 08:20 Uhr

Südafrika hat die ersten Impfdosen erhalten, andere Staaten des Kontinents warten weiter. Zu wenig Impfstoff zum doppelten Preis - das will Präsident Ramaphosa nicht hinnehmen. Er fordert eine eigene Produktion.

Von Richard Klug, ARD-Studio Johannesburg

Nur das Wetter spielte nicht mit, als die erste Million Impfstoffe für Südafrika vor ein paar Tagen auf dem Flughafen von Johannesburg ankam - gefeiert wie die Ankunft befreundeter Staatsgäste. Im Dauerregen stand da Cyril Ramaphosa, der Präsident Südafrikas, applaudierte und prüfte dann den Lieferschein, als ob er sich vergewissern wolle, dass tatsächlich die richtige Ware geliefert worden war.

Eine Million Dosen also, 500.000 weitere sollen in ein paar Tagen folgen. Das reicht gerade einmal, um die Hälfte des medizinischen Personals Südafrika zu impfen. Viel zu wenig, jeder in Südafrika weiß es - und jeder weiß auch, dass es in anderen afrikanischen Ländern noch viel düsterer aussieht.

Afrika droht bei der Pandemie-Bekämpfung den Kürzeren zu ziehen. Zusammen mit Indien und stellvertretend für Dutzende andere Länder verlangt Südafrika daher, den Patentschutz bei Corona-Impfstoffen aufzuheben. Die afrikanischen Länder wollen sie selbst herstellen - die Patente liegen aber alle in den reichen Ländern auf der Nordhalbkugel. In einigen afrikanischen Staaten kann man die Anzahl der bisher Geimpften an den Fingern einer Hand ablesen, die meisten Staaten des Kontinents haben noch gar nichts bekommen. 

Warnung vor Hortung

Vor dem virtuellen Weltwirtschaftsforum in Davos forderte Ramaphosa daher, reiche Nationen dürften die Impfstoffe nicht horten. Er lobte Initiativen der Privatwirtschaft, die Abhilfe schaffen sollen. So hat ein Mobilfunk-Anbieter in Südafrika versprochen, sieben Millionen Dosen für ganz Afrika zu spenden. Auf dem Kontinent leben derzeit rund 1,3 Milliarden Menschen.

Suerie Moon, Expertin für globale Gesundheit beim Graduate Institute in Genf, sagte der ARD: "Wir sehen nicht viele Firmen, die dazu bereit sind. Aber es ist der beste Weg, wie man den Kuchen größer machen kann - auch im Interesse der reicheren Länder."

Verrat an armen Ländern?

Vom reichen Westen aber fühlen sich viele Afrikaner verraten. Leslie London, ein in Kapstadt lehrender Spezialist für das öffentliche Gesundheitswesen sagt: "Was wirklich etwas bringt, ist, in Afrika zu produzieren. Wenn wir das nicht selbst machen und Pharma-Unternehmen der nördlichen Hemisphäre alles überlassen, dann dauert es doch ewig."  

Der Chef der Weltgesundheitsorganisation WHO, Tedros Adhanom Gebreyesus, spricht von einem "katastrophalen moralischen Versagen" der Welt. Wenn armen Ländern nicht ausreichend Impfstoffe zur Verfügung gestellt würden, dann werde Herdenimmunität dort nicht vor 2023 erreicht, warnt er.

Beim internationalen Impfstoff-Programm Covax fehlten immer noch rund 25 Milliarden US-Dollar, sagte Bundesentwicklungsminister Gerd Müller Anfang Februar, und: "Wir besiegen die Pandemie nur weltweit oder gar nicht."

Reisebeschränkungen bringen wenig 

Die pan-afrikanische Online-Zeitung "The Continent" spricht sogar von einer "Impf-Apartheid" und fordert, alle Länder auf dem Globus müssten gleichbehandelt werden. Daher sei es wichtig, auch in ärmeren Ländern gleichermaßen mit dem Impfen zu beginnen. Nur das würde die weltweite Verbreitung von Mutationen verhindern.

Es sei außerdem naiv zu glauben, dass Reisebeschränkungen die Verbreitung von Mutationen verhindern könnten: Die in Südafrika als Mutation B.1.351 identifizierte Variante sei längst schon in Dutzenden Ländern weltweit verbreitet.

Südafrikas Landesgrenzen sind zwar geschlossen, nur einige Flughäfen sind geöffnet, in Flugzeugen dürften ohnehin nur Menschen mit einem negativen Corona-Test sitzen. Dennoch gelangen jede Woche Tausende von Menschen über die Grenzen, sowohl in Richtung Südafrika als auch in die Gegenrichtung.  

Zu hohe Preise für die Impfstoffe 

Für großen Ärger sorgt in Südafrika auch, dass die Impfstoffe hier mehr als doppelt so teuer sind wie in Europa. So kostet eine Dosis des Impfstoffs von AstraZeneca in der EU 2,16 US-Dollar, in Südafrika aber 5,25 Dollar.

Die Hersteller begründen das damit, dass die Entwicklung der Impfstoffe in den Industrienationen stattgefunden habe und dass diese Nationen auch viel in diese Entwicklungen investiert hätten. Dieser Einschätzung widersprechen die Südafrikaner: Der AstraZeneca-Impfstoff zum Beispiel sei auch in Südafrika getestet und entwickelt worden.  

Arbeiter verladen die Corona-Impfstoffdosen, die am Flughafen Johannesburg in Südafrika angekommen sind (Bild vom 1.02.2021). | via REUTERS

Arbeiter verladen die Corona-Impfstoffdosen, die am Flughafen Johannesburg in Südafrika angekommen sind (Bild vom 1.02.2021). Bild: via REUTERS

"Afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme"

Afrika und die Welt dürften nicht warten, fordert Südafrikas Staatspräsident Ramaphosa. "Wir brauchen afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme", sagte er in einer Ansprache Anfang Februar. Südafrika wolle seine eigenen Impfstoffe herstellen.

Im Süden des Landes, in Port Elizabeth, ist schon ein dafür vorgesehenes Fabrikgelände, aber es steht leer. Denn um hier produzieren zu können, müsste zunächst der weltweite Patentschutz für die bisher schon produzierten Impfstoffe aufgehoben werden. Weder die großen Impfstoffhersteller in den reichen Industrie-Nationen noch die dortigen Regierungen sind dazu bis jetzt bereit.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Februar 2021 um 18:40 Uhr.

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KOMMENTARE

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Tada 06.02.2021 • 12:11 Uhr

Was stimmt?

"Dieser Einschätzung widersprechen die Südafrikaner: Der AstraZeneca-Impfstoff zum Beispiel sei auch in Südafrika getestet und entwickelt worden. " * Darüber lese ich das erste Mal. Ich habe gelesen, dass die Tests in GB und in Brasilien stattfanden. Entwickelt wurde der Impfstoff von AstraZeneca und der Universität Oxford . dw.com/de/astrazeneca-selbstdemontage-eines-hoffnunggsträgers-gegen-das-coronavirus/a-55775433