Rinder grasen vor dem Kohlekraftwerk im südafrikanischen Mpumalanga. (Archivbild: 20.05.2018) | REUTERS

Südafrika Der lange Weg zur Energiewende

Stand: 03.11.2021 11:19 Uhr

Deutschland und andere Staaten wollen Südafrika beim Ausstieg aus der Kohle helfen. Das Land gewinnt 90 Prozent seines Stroms aus Kohle, bis 2050 sollen aber erneuerbare Energien dominieren. Ist das realistisch?

Von Jana Genth, ARD-Studio Südafrika

Aus hohen Schornsteinen und Kühltürmen qualmt es tagein, tagaus. Mpumalanga im Nordosten Südafrikas ist in Bezug auf die Fläche die drittkleinste Provinz des Landes. Dort stehen aber mit Abstand die meisten Kohlekraftwerke - mit Folgen, sagt Thandile Chinayavanhu von der Umweltschutzorganisation Greenpeace Afrika.

Jana Genth ARD-Studio Johannesburg

Die Kohlekraftwerke seien in Mpumalanga für einen Großteil der Emissionen verantwortlich, denn über das Gebiet seien gleich zwölf Anlagen verteilt. 2017 seien dort 203 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid ausgestoßen worden, und diese Menge habe sich erhöht - 2021 seien es schon 213 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid.

Die vielen Kohlekraftwerke in Mpumalanga haben direkte Auswirkungen auf die Menschen, die dort leben. Denn auch Schwefeldioxid ist ein Abfallprodukt der Kohleverbrennung. Die Zeit zum Handeln wäre jetzt, sagt auch Umweltministerin Barbara Creecy: "Wir wissen, dass die Bevölkerung in Mpumalanga ernsthaften Gesundheitsgefahren ausgesetzt ist. Es ist entscheidend, dass wir die Luftqualität verbessern."

Das Kohlekraftwerk Medupi in Südafrika. (Archivbild: 03.09.2019) | dpa

Das moderne Kohlekraftwerk Medupi soll noch viele Jahrzehnte am Netz bleiben. Bild: dpa

Das Stromsystem ist marode

Der Kap-Staat mit seinen reichen Kohlevorkommen setzt auf diese Form der Energiegewinnung. Landesweit produzieren diese Kraftwerke fast 90 Prozent des Stroms. Die meisten von ihnen sind allerdings alt, schlecht gewartet und marode. Regelmäßig schaltet der Energieversorger Eskom den Strom komplett ab.

Aber auch der Klimawandel ist in Südafrika spürbar. Dürreperioden, Hitzewellen und Überschwemmungen haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Im südlichen Afrika insgesamt steigen die Temperaturen laut Klimaforschung doppelt so schnell wie im weltweiten Durchschnitt. Deshalb arbeitet die südafrikanische Regierung derzeit an einem Klimaschutzgesetz. Deren bisherige Ziele sind für Thandile Chinayavanhu von Greenpeace Afrika nicht ehrgeizig genug.

Zwar habe die Regierung hat für die nächsten Jahre eine Emissionsreduzierung in Aussicht gestellt. "Wir wollen, dass sie diese Ziele verbessert und ehrgeiziger wird, weil sie laut dem Carbon Action Tracker noch nicht ausreichend sind. Sie entsprechen nicht dem, was die Wissenschaft fordert oder was als fairer Anteil Südafrikas angesehen wird."

2050 sollen erneuerbare Energie dominieren

Dabei hat Präsident Cyril Ramaphosa im vergangenen Dezember die Klima-Kommission PCC ernannt. Deren Chef, Crispian Olver, ist überzeugt davon, dass Südafrika keine andere Wahl hat als den Ausstoß von Kohlendioxid zu reduzieren. Auf der kürzlich in Kapstadt abgehaltenen Jahreskonferenz für Windenergie Windaba sprach er davon, dass erneuerbare Energien bis zum Jahr 2050 in Südafrika dominieren sollen.

Allerdings, so Oliver, erfordere die Umstellung des südafrikanischen Stromsystems bis 2050 den Einsatz von rund 150 GW Wind- und Solarkapazität. Das sei fast das Vierfache der Gesamtkapazität der heutigen südafrikanischen Kohlekraftwerke. Nötig sei deshalb ein erheblicher Ausbau und eine Modernisierung der Infrastruktur für Übertragung und Verteilung.

Dafür sind allerdings enorme Investitionen notwendig. Allein könne Südafrika das nicht leisten, betont Umweltministerin Barbara Creecy. Südafrika und die Entwicklungs- und Schwellenländer könnten ehrgeizige Klimaschutzziele "nur dann umsetzen, wenn die Industrieländer und andere internationale und gemeinnützige Institutionen eine nachhaltige, kostengünstige Finanzierung bereitstellen".

Hilfe beim Kohleausstieg

Deutschland will 700 Millionen Euro investieren, um den Ausstieg aus der Kohleverstromung in Südafrika zu unterstützen. Wie das Bundesumwelt- und Bundesentwicklungsministerium in Glasgow mitteilte, sind die Mittel Teil einer neuen Energiepartnerschaft mit Südafrika, der sich auch Großbritannien, die USA, Frankreich und die EU angeschlossen haben. Insgesamt sind in den kommenden fünf Jahren 8,5 Milliarden US-Dollar an Unterstützung vorgesehen, zumeist Kredite.

Ein Wendepunkt?

Die neue Energie-Partnerschaft könnte genau der Schritt sein, der gebraucht wird, um verstärkt Ressourcen in den kommenden Jahren klimaneutral zu nutzen. Präsident Cyril Ramaphosa wertete sie als "Wendepunkt - nicht nur für unseren eigenen gerechten Übergang, sondern für die Welt als Ganzes". Südafrika sei verpflichtet, seinen Teil zur Verringerung der globalen Emissionen zu leisten. Das Abkommen mit Deutschland und anderen Staaten sei der Beweis dafür, "dass wir ehrgeizige Klimaschutzmaßnahmen ergreifen und gleichzeitig unsere Energiesicherheit erhöhen können".

Das Potential ist da: Bereits jetzt gibt es im Westen des Landes einige Standorte mit Windkraftanlagen, und im Nordwesten des Landes sind in diesem Jahr fünf Solarparks ans Netz gegangen. Und: Eskom hat mit seinen wichtigsten Kohlelieferanten, Exxaro und Seriti Resources, gerade eine Absichtserklärung unterzeichnet, um in deren Minen Projekte für erneuerbare Energien zu entwickeln. Über Nacht geht das allerdings nicht - noch konzentriert sich der staatliche Stromversorger darauf, seine Kraftwerke zu warten und zu modernisieren.

Erst Anfang August ist in Südafrika ein ganz neues Kohlekraftwerk ans Netz gegangen, die erste Panne gab es gerade mal eine Woche später. Rund 14 Jahre hatte es gedauert, ehe die Anlage Medupi ihre Arbeit in Limpopo aufnahm, der nördlichen Nachbarprovinz von Mpumalanga. Medupi ist eines der weltweit größten Kohlekraftwerke und soll eine Lebensdauer von 50 Jahren haben. Käme es wie ursprünglich geplant, würden die Schornsteine dort auch um Jahr 2071 noch qualmen.

Solarzellen auf den Dächern  im Township Alexandra in Johannesburg, Südafrika. (Archivbild: 28.11.2016) | picture alliance / dpa

Solarzellen sind auf den Dächern von RDP-Häusern (Reconstruction and Development Programme) im Township Alexandra in Johannesburg, Südafrika Bild: picture alliance / dpa

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 19. November 2020 um 18:30 Uhr.