Tsitsi Dangarembga | AFP
Porträt

Friedenspreis an Dangarembga Eine mit Einfluss

Stand: 24.10.2021 11:45 Uhr

Tsitsi Dangarembga gilt als als eine der bedeutendsten Vertreterinnen der afrikanischen Literatur. Ein Selbstläufer war ihre Karriere aber keineswegs. Nun wurde die Autorin und Filmemacherin aus Simbabwe mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Von Jana Genth, ARD-Studio Johannesburg

In Simbabwe ein Buch zu veröffentlichen, das ist so eine Sache. Philip Chidavaenzi ist ein Autor aus der Hauptstadt Harare und spricht von einem grundlegenden Problem. In Simbabwe gebe es eine ausgeprägte Lesekultur, sagt er, aber der Preis für Literatur oder dafür, ein Buch zu veröffentlichen, sei eine echte Herausforderung. Das läge an der wirtschaftlichen Situation. "Die Leute kaufen eher Brot und Butter als ein Buch. Literatur wird derzeit als Luxus angesehen", so Chidavaenzi

Jana Genth ARD-Studio Johannesburg

Dazu kommt, dass auch diejenigen, die Bücher schreiben wollen, gezwungen sind, anderweitig irgendwie Geld zu verdienen. Auch die politische Situation ist nicht einfach für Kreative. Tsitsi Dangarembga, die heute den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, hat sich davon nicht abschrecken lassen.

Als erste dunkelhäutige Simbabwerin veröffentlichte sie einen Roman in englischer Sprache. Aber einfach war das nicht: Kein Verleger in Simbabwe wollte das Buch mit dem Titel "Nervous conditions". Also schickte Tsitsi es an die Women's Press in England, einem Verlag, der feministische Literatur veröffentlichte. Das war Mitte der Achtzigerjahre Aber danach herrschte erst mal Funkstille.

Vier Jahre im Keller

Gegen Ende der Achtzigerjahre war Dangarembga beruflich in London. "Ich dachte, wenn ich schon mal da bin, gehe ich vorbei und frage, ob sie es gelesen haben", erzählt Dangarembga. "Sie fragten mich, wann ich es geschickt hatte - das war damals gut vier Jahre her. Sie gingen also in den Keller, um es zu suchen. Nach zehn Minuten kam jemand und hielt diesen khakifarbenen, staubigen Umschlag in der Hand. Ich erinnerte mich, ihn vier Jahre vorher losgeschickt zu haben. Sie fragten: 'Ist er das?'"

Natürlich war es der richtige Umschlag. Nur weil die Autorin nun vor Ort war, wurde der Roman gelesen. Noch bevor jener Tag zu Ende war, wurde Tsitsi angerufen. Der Verlag wollte ihr Buch. Das Medienecho danach war enorm. Und auch in Simbabwe selbst wirkt es nach - bis heute.

"Tsitsi hat meinen Blick auf die Dinge verändert"

"Tsitsi Dangarembga hat mich stark beeinflusst", erzählt Simbarashe Sean Shumba, die Literatur an der Oberstufe in der Harare lehrt. "'Nervous conditions' und ein anderes Buch von Dangarembga haben meine Sicht auf das Leben verändert, vor allem dahingehend, dass wir Frauen als selbstverständlich ansehen." Tsitsi habe ihren Blick auf die Dinge verändert, so Sean Shumba.

Frauen haben es nicht einfach in der patriarchalischen Gesellschaft in Simbabwe. Umso bemerkenswerter findet beispielsweise Daphne Jena, was Tsitsi Dangarembga geleistet hat. Sie habe es geschafft zu zeigen, dass Frauen gute Inhalte liefern können und dafür anerkannt werden. Sie schreibt hauptsächlich über die Erfahrungen von Frauen, und so viele Frauen in Afrika, in Simbabwe und sicher auch in anderen Teilen der Welt können das gut nachvollziehen.

Auch als Regisseurin bekannt

Tsitsi ist mehr als eine Schriftstellerin, sie ist auch Filmemacherin. Ihr Film "Neria" ist seit 1993 in ganz Afrika bekannt. Drei Jahre später ging der Spielfilm "Everyone's child" sogar um die Welt. Darin beschrieb sie das tragische Schicksal von vier Geschwistern, deren Eltern an AIDS starben.

Fungai Machirori aus Bulawayo im Süden Simbabwes, der nicht nur diese Filme gesehen hat, sagt, ihre Filme haben Türen geöffnet für andere Filmemacherinnen, national und manchmal sogar über unsere Grenzen hinaus. "Wie sie durch ihren Einfluss anderen Menschen geholfen hat, sichtbar zu werden, das ist bewundernswert", so Machirori.

Es fehlt an innovativen Ideen

Kultur hat es schwer in einem wirtschaftlich geplagten Simbabwe - obwohl es Nachfrage gäbe. Aufgeben ist aber auch für den Autor Philip Chidavaenzi keine Option. Er meint, was sie brauchten, seien neue innovative Ideen, die sie vorwärts bringen, unabhängig von der finanziellen Lage.

Die Leute brauchen Literatur, und diese sollte die Probleme, die wir derzeit haben, auch spiegeln.

Auch Fiktion von simbabwischen Autorinnen und Autoren beruht oft auf realen Erfahrungen. Die Literatur, sagen sie selbst, helfe, Geschichte einzuordnen. Für viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller führt der Weg auch heute noch über das Nachbarland Südafrika oder über Großbritannien. Der Weg auf den deutschen Markt ist auch nicht einfach. Von Tsitsi Dangarembgas Trilogie etwa fehlt nach wie vor die Übersetzung des zweiten Romans.

Über dieses Thema berichtete am 24. Oktober 2021 Inforadio um 09:10 Uhr und die tagesschau um 12:00 Uhr.