Demonstranten werfen Steine auf Polizisten bei Ausschreitungen im senegalesischen Dakar. (Archivbild) | AP

Proteste gegen Korruption Senegals Jugend platzt der Kragen

Stand: 13.03.2021 14:22 Uhr

Senegal galt lange als stabiler Vorzeige-Staat. Doch seit Tagen liefern sich in dem westafrikanischen Land vor allem junge Menschen und Sicherheitskräfte Straßenschlachten. Mehrere Menschen starben.

Von Dunja Sadaqi, ARD-Studio Rabat

Senegals Jugend ist auf den Straßen, wütend - seit Tagen. Seitdem der Oppositionspolitiker Ousmane Sonko angeblich willkürlich verhaftet worden war, platzte vielen jungen Leuten der Kragen. Die Opposition spricht von einem politischen Prozess, weil Sonko als aussichtsreichster Kandidat für die Präsidentschaftswahlen 2024 das Rennen machen könnte.

Dunja Sadaqi ARD-Studio Rabat

Die Spannungen ließen erst am Montag nach, als ein Gericht Sonko aus der Haft befreite. Laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International kosteten die Unruhen in den Straßen mindestens acht Menschen das Leben.

Präsident ruft zu Ruhe auf

Senegals Präsident Macky Sall versuchte zu beruhigen: "Lassen Sie uns alle gemeinsam unseren Groll zum Schweigen bringen und die Logik der Konfrontation vermeiden, die zum Schlimmsten führt. Ich verstehe auch, meine lieben Mitbürger, dass die Wut, die in den letzten Tagen zum Ausdruck gebracht wurde, auch mit den Auswirkungen einer Wirtschaftskrise zusammenhängt, die durch die Covid-19-Pandemie verschlimmert wurde."

Eine weitere Reaktion: Die abendliche Ausgangssperre, die wegen der Pandemie verhängt wurde, wurde jetzt erstmals in den Hotspots verkürzt. Dies soll auch helfen, die wirtschaftliche Situation vieler Menschen zu erleichtern.

Demonstranten fordern Demokratie und Rechtstaatlichkeit

Bislang sind die jungen Protestierenden von den Beschwichtigungsversuchen wenig überzeugt, sagt Aliou Sané von der Jugendbewegung "Y'en a marre": "Es sind Bürger, die nach Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit dürsten. Es sind Bürger, die diese Unverschämtheit einer Macht sehen, diese Menschen, die in zwei, drei, zehn Jahren reicher werden und sich so frech in den Medien präsentieren."

"Y’en a marre" heißt so viel wie "uns reicht’s". Die Bewegung angeführt von Rappern und Journalisten war schon einmal auf den Straßen - vor fast zehn Jahren. Damals verhalf sie Macky Sall zu seiner Präsidentschaft. Heute wird ihm vorgeworfen, politische Gegner durch fingierte Straftaten mundtot zu machen.

Ein Demonstrant hält eine senegalesische Flagge während Protesten in Dakar in die Höhe. (Archivbild)

Senegals Jugend ist wütend über die Korruption und die Wirtschaftskrise im Land.

Korruption und hohe Arbeitslosigkeit

Schon längst richten sich die Proteste aber nicht nur dagegen, sagt Corinna Fiora. Sie gehört zu den Musikerinnen, die die Proteste auf den Straßen unterstützen: "Die Affäre Sonko hat das Fass nur zum Überlaufen gebracht. Die jungen Leute im Senegal sind müde. Müde, weil sie keine Arbeit finden. Die Basis-Infrastruktur fehlt - es gibt enorm viele Leute, die keinen Zugang zu Trinkwasser haben. Es gibt die Korruption auf allen Ebenen. Die Fischer haben keinen Fisch mehr, weil er ausländische Boote ihn wegfischen, und es gibt zahlreiche junge Leute die aus dem Land fliehen in einem kleinen Boot und im Mittelmeer sterben. Darüber sprechen die Politiker hier nicht."

Senegal war Hort der Stabilität

Der Senegal gilt eigentlich als eine der stabilsten Staaten in Westafrika, mit friedlichen demokratischen Wahlen und Wirtschaftswachstum. Experten sehen aber Rückschritte - so stufte zum Beispiel die internationale Nichtregierungsorganisation "Freedom House" aus Washington das westafrikanische Land von "frei" auf "teilweise frei" herab. Mit Sorge wird auf die Wahlen 2024 geblickt, ob Amtsinhaber Macky Sall verfassungskonform tatsächlich nach zwei Amtszeiten abdanken wird. 

Musikerin Corinna glaubt, dass die Proteste noch lange nicht abebben werden: "Die jungen Leute sind sauer, aber gleichzeitig fühle ich in den Straßen Hoffnung, den Willen für Veränderungen und Energie. Ich glaube, es wird erst der Anfang sein!"

Anmerkung der Redaktion: Die Angaben zur Anklage wurden aktualisiert.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. März 2021 um 17:18 Uhr.