In Hilla (Irak) nimmt eine Familie während des Ramadan gemeinsam eine Mahlzeit ein | REUTERS

Tradition als Virustreiber? Impfskepsis auf Arabisch

Stand: 12.05.2021 16:53 Uhr

Heute endet der Ramadan. Wird sich das allabendliche Fastenbrechen im Familienkreis rückblickend als Pandemie-Treiber entpuppen? Im arabischen Raum macht Beobachtern aber noch ein anderes Phänomen große Sorgen.

Von Siemon Riesche, ARD-Studio Kairo

Der Jemen ist einer der ärmsten Staaten der Welt, seit Jahren herrscht dort Krieg. Dass das Land am Golf von Aden zu den letzten Flecken der Erde zählt, in dem sich Menschen gegen das Coronavirus impfen lassen können, ist wenig überraschend. Bisher stehen dem Land nur wenige Impfdosen zur Verfügung. Umso überraschender ist, wie gering die Nachfrage dort zu sein scheint.

"Ich war erstaunt, als ich in unser medizinisches Zentrum kam und gesehen habe, wie wenig Interesse es gibt", sagte die Ärztin Sarah Damaj vor wenigen Tagen gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Statt langer Schlangen und Verteilungsstreit habe in den Fluren der Klinik gähnende Leere geherrscht.

Die katastrophale Sicherheitslage ist dabei nur ein Grund für den stockenden Impfstart. In den sozialen Medien würden zu viele Fehlinformationen verbreitet, sagt Damaj. Rajeh al-Maliki vom jemenitischen Gesundheitsministerium ergänzt: Viele Menschen hätten sich nicht impfen lassen, weil sie fälschlicherweise die religiöse Überzeugung hätten, dass eine Impfung im Ramadan nicht erlaubt sei.

Im Jemen kommt Ende März eine erste Ladung mit Corona-Impfstoff an. | dpa

Ende März kam die erste Impfstoff-Lieferung im Jemen an. Doch die Verteilung ist schwierig - und das Misstrauen groß. Bild: dpa

Traditionelle Geselligkeit - heikel in Zeiten der Pandemie

Welche Auswirkungen nimmt der in dieser Woche zu Ende gehende islamische Fastenmonat auf den Verlauf der Corona-Pandemie in der arabischen Welt? Gerade das gesellige Zusammensein am Abend, wenn Großfamilien und Freunde daheim oder in Restaurants gemeinsam das Fasten brechen, könne sich rückblickend als gefährlicher Virustreiber entpuppen, warnen Experten.

In Ägypten, dem bevölkerungsreichsten Land der Region, fiel der Ramadan mitten in eine dritte Infektionswelle. Gab es zu Beginn des Fastenmonats noch wenige Einschränkungen des öffentlichen Lebens, hat die Regierung von Premierminister Mustafa Madbuli inzwischen noch einmal nachgebessert. Geschäfte und Restaurants müssen abends um 21 Uhr schließen. Das Ende des Ramadan, das mit dem dreitätigen Fest Eid al-Fitr begangen wird, soll auf keinen Fall zum Superspreader-Ereignis werden. Versammlungen und Konzerte sind abgesagt, Strände und Parks geschlossen.

Volle Straße in Kairo zu Beginn des Ramadans | EPA

Zu Beginn des Ramadans waren die Straßen in Kairo noch voll. Bild: EPA

Ein menschenleere Straße in Kairo nach Verhängung des Lockdowns | REUTERS

Inzwischen hat sich das Bild geändert - aus Angst vor einer neuen Welle. Bild: REUTERS

Die Bundesregierung rät von Reisen ab

Unterdessen ist aber weiter unklar, wie schwer die dritte Welle Ägypten bereits getroffen hat. Die von der Regierung veröffentlichten Infektions- und Todeszahlen zeigen ein vergleichsweise entspanntes Bild. Das deutsche Auswärtige Amt stuft das Land am Nil trotzdem als "Hochinzidenzgebiet" ein.

"Das private Krankenhaus, in dem ich arbeite, ist seit Beginn des Ramadan voll belegt", sagt ein Kairoer Arzt im ARD-Interview. Aus Angst vor Repressalien möchte er anonym bleiben. "Viele Leute sterben und dann kommen immer gleich die nächsten Patienten, obwohl es ein sehr teures Krankenhaus ist." Wenn nicht bald noch restriktivere Maßnahmen gegen das Virus beschlossen würden, drohe Ägypten "das nächste Indien" zu werden.

Viele Mediziner sind infiziert

Mindestens fünfhundert Ärzte im Land seien bereits nach Corona-Infektionen gestorben, berichtet die ägyptische Ärztegewerkschaft. In Bezug gesetzt zur offiziellen Zahl der Pandemie-Toten im Land würden demnach nirgendwo auf der Welt so viele Mediziner an Corona sterben wie in Ägypten, twitterte Yezid Sayigh, Forscher am Carnegie Middle East Center in Beirut.

Ägyptens Gesundheitsministerin Hala Sajid sieht Versäumnisse auf Seiten der Ärzte: Nicht mal die Hälfte des medizinischen Personals in Ägypten habe sich selbst für einen Impftermin registriert. Die Regierung tue derweil alles, um so viel Impfstoff wie möglich ins Land zu holen. Die Impfstoffe Sputnik V und Sinovac sollen demnächst sogar in Ägypten produziert werden.

"Das größte Problem unserer Impfkampagne ist sicherlich nicht das Angebot, sondern die mangelnde Nachfrage", sagt der Politikwissenschaftler H.A. Hellyer im ARD-Interview. Obwohl immer mehr Impfstoff verfügbar ist, sind noch nicht einmal zwei Prozent der ägyptischen Bevölkerung geimpft.

Nicht genug Daten für Analysen

Mangelnde Bildung, wenig Vertrauen in Politik und Gesundheitssystem, Hang zu Verschwörungstheorien - über die Gründe der Impfskepsis im Nahen Osten könne derzeit nur spekuliert werden, sagt Hellyer. "Da fehlen uns noch aussagekräftige Untersuchungen."

Auch die Frage, ob das Phänomen in der Region wirklich verbreiteter ist als im Rest der Welt, könne man trotz erster Erkenntnisse in diese Richtung noch nicht abschließen beantworten. Im Golfemirat Dubai etwa laufe die Impfkampagne doch äußerst erfolgreich. Wichtig sei in jedem Fall, dass mehr in Aufklärung investiert werde und "Personen des öffentlichen Lebens als gutes Beispiel vorangehen", so Hellyer.

Ein Anhänger von Al Sadr hält bei seiner Impfung ein Bild des Geistlichen vor sich | AP

Es dem Vorbild gleichtun: Ein Anhänger von Al Sadr hält bei seiner Impfung ein Bild des Geistlichen vor sich. Bild: AP

Was Vorbilder bewirken

Im Irak, einem Land, das ebenfalls aktuell mit einem schweren Corona-Ausbruch sowie einer niedrigen Impfquote zu kämpfen hat, konnte gerade beobachtet werden, was eine prominente Empfehlung ausmachen kann. Ein online veröffentlichtes Video, in dem sich der berühmte schiitische Geistliche Muktada al-Sadr den Piks geben lässt, habe an Euphrat und Tigris einen regelrechten Impfboom ausgelöst, berichten arabische Medien.

"Lasst mich nicht im Stich", sagt al-Sadr im Clip. "Los geht's, holt euch den Impfstoff!" Unzählige Anhänger sind seinem Aufruf seitdem gefolgt. Viele umklammern bei der Impfung Portraits des Predigers, um ihre Ängste zu überwinden.