Soldaten der Armee Ruandas bereiten sich auf eine Militärmission in Mosambik vor | AP

EU und Mosambik Mit Soldaten gegen Desillusionierung?

Stand: 12.07.2021 12:11 Uhr

Hilfe gegen die Terroristen im Norden des Landes: Die EU will Soldaten auf eine Ausbildungsmission nach Mosambik schicken. Ist diese Mission, an der sich Deutschland nicht beteiligt, die richtige Antwort?

Von Richard Klug, ARD-Studio Johannesburg

Im Norden von Mosambik verüben seit 2017 einheimische und nicht-mosambikanische Aufständische immer wieder Anschläge, entführen Kinder, töten wahllos Zivilisten und terrorisieren so die Bevölkerung der Provinz Cabo Delgado. Die mosambikanische Regierung scheint nicht in der Lage zu sein, dem Aufstand ein Ende zu bereiten. Portugiesische und US-amerikanische Ausbilder sind bereits im Land. Auch die SADC (Southern African Development Community), die Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrikas, will Soldaten schicken, und die Regierung Ruandas hat am Freitag angekündigt, 1000 Soldaten zu entsenden. Und nun will die EU eine Mission starten, um Soldaten der mosambikanischen Armee auszubilden und damit im Kampf gegen die Aufständischen unterstützen. Vor allem die ehemalige Kolonialmacht Portugal wird Soldaten abstellen - Deutschland will sich vorerst nicht an der Mission beteiligen.

Richard Klug ARD-Studio Johannesburg

Grausamer Höhepunkt des gewaltsamen Aufstands im Norden Mosambiks war Ende März die Einnahme der kleinen Stadt Palma. Lediglich hundert Terroristen gelang es innerhalb weniger Stunden, die Stadt zu besetzen. In den Straßen lagen Leichen, einige von ihnen enthauptet. Zehntausende Menschen flohen an diesem Tag und an den Tagen danach aus der Region. Die mosambikanische Polizei und Armee waren nirgendwo zu sehen, sie gelten als völlig überfordert und schlecht ausgebildet. Hubschrauber einer südafrikanischen Sicherheitsfirma konnten einige Menschen retten, aber der weitaus größte Teil der Bevölkerung war den Terroristen hilflos ausgesetzt.

Mehr als 800.000 Menschen, mehr als ein Drittel der 2,3 Millionen Einwohner Cabo Delgados, sind mittlerweile auf der Flucht. Fast eine Million Menschen sind von Hunger bedroht. Und das wegen einer Terrorgruppe, die nur ein paar tausend Mitglieder hat? Schnell waren Politiker und Medien dabei, die Aufständischen, die sich selbst "Ansar-al-Sunna" (in etwa: "Verteidiger der islamischen Tradition") nennen, als lupenreine islamistische Terroristen zu bezeichnen.

Soldaten Ruandas bereiten sich auf die Entsendung nach Mosambik vor. | AP

Auch Ruanda schickt Soldaten nach Mosambik. Auch hier stellt sich - wie bei der EU - die Frage, ob dies der richtige Ansatz ist. Bild: AP

Wer sind die Aufständischen?

Es ist allerdings zu einfach, "Ansar al-Sunna"-Aufständische pauschal als "Islamisten" zu kategorisieren. Sie mögen sich selbst so bezeichnen, sie mögen auch von der Regierung in Maputo als solche benannt werden, und selbst der sogenannte Islamische Staat mag sie für sich reklamieren. In Wirklichkeit sind die meisten von ihnen junge Männer aus der Region, desillusioniert und ohne Zukunftsaussichten, die sich vor fast zehn Jahren für die Revolte entschieden haben. Nur einige wenige Tansanier und Somalier sind dabei. So spiegeln die Aufständischen die Zusammensetzung der Bevölkerung im Norden Mosambiks wider.

Der mosambikanische Historiker Yussuf Adam sagt, in der Bevölkerung gebe es keine klaren Zuordnungen. Die Ethnien der Mwani, der Makonde, der Angoni seien in den Aufstand verwickelt, es seien neben Moslems aber auch Christen und Angehörige traditioneller afrikanischer Glaubensgemeinschaften dabei. Gemeinsam sei allen, dass sie sich von der Mehrheit der Bevölkerung losgelöst haben, gemeinsam sei ihnen auch ein tief empfundener Hass auf die mosambikanische Regierung.

Das Gefühl der Vernachlässigung

Die Provinz Cabo Delgado ist größer als Nordrhein-Westfalen, Hessen und Rheinland-Pfalz zusammengenommen. Weite Teile der Provinz sind unzugänglich. Die meisten der zweieinhalb Millionen Einwohner hier fühlen sich von der Regierung im 2000 Kilometer entfernten Maputo vernachlässigt und glauben fest daran, auch von den großen Gasvorkommen vor der Küste nicht profitieren werden zu können.

Die Existenz dieser Vorkommen ist seit vielen Jahren bekannt, ohne dass man etwas mit ihnen gemacht hätte. Im Juli 2020 aber startete der französische Energie-Multi "Total" vor der Küste Mosambiks das derzeit größte einzelne Investitionsprojekt Subsahara-Afrikas. Mehr als 1,8 Billionen Kubikmeter Erdgas sollen hier gefördert werden. Wegen des Anschlags auf Palma, nur zehn Kilometer von der Förderungsanlage entfernt, ruht das Projekt.

Lieber ungestört bleiben

Die mosambikanische Regierung hat sich lange gegen ausländische Einmischung gewehrt. R. W. Johnson, ein britischer Politikwissenschaftler und Kenner der Region, wundert das nicht. Er sagt, durch den Norden Mosambiks würden die großen Heroin-Schmuggelrouten aus Asien laufen. Und nicht nur Heroin, auch Edelsteine und Gold seien dabei. Und auch der Handel mit Menschen. In all diese Schmuggel-Aktivitäten seien mosambikanische Politiker tief verstrickt. Man will ungestört bleiben.

Nach wochenlangem Drängen aus dem Ausland gab Mosambiks Staatschef Filipe Nyusi schließlich nach. Die Frage ist allerdings, ob man mit ein paar Tausend Soldaten und einigen Ausbildern eine so riesige und undurchdringliche Region überhaupt befrieden kann. Nichtregierungsorganisationen wie "Misereor" und "Brot für die Welt" lehnen das entschieden ab. Die Bevölkerung Cabo Delgados brauche andere Hilfe, keine militärische.

"Diese Menschen brauchen Alternativen, sie brauchen Hilfe. Eine Ausweitung des Konflikts wird die Lebensbedingungen der Bevölkerung nur noch weiter verschlechtern", sagt Helle Dossing, Afrika-Abteilungsleiterin bei "Brot für die Welt". Ihr Counterpart bei "Misereor", Peter Meiwald, ergänzt: "Es ist fahrlässig, dieses längerfristige militärische Eingreifen durch eine EU-Mission ohne eine fundierte Analyse der Konfliktursachen im EU-Parlament mitzutragen." Yussuf Adam, der mosambikanische Historiker meint, dafür könne es schon zu spät sein. "Ansar al-Sunna" sei wohl schon zu stark, vielleicht helfe wirklich nur noch eine militärische Lösung. "Wenn dein Feind mit einer Bazooka auftaucht, nützt es nichts, nur eine Schleuder dabei zu haben."

Über dieses Thema berichtete B5 Aktuell am 12. Juli 2021 um 10:07 Uhr.