Männer sitzen und stehen neben einem Lkw in einer Straße in Marokko. | imago images/Addictive Stock

Armut in Marokko Wirtschaftlicher Rettungsanker Ceuta

Stand: 19.05.2021 20:07 Uhr

Wegen der Pandemie sind seit Monaten die Grenzen zwischen Marokko und Ceuta dicht. Das hat massive Folgen für die vielen Marokkaner, die in der spanischen Exklave arbeiten.

Von Dunja Sadaqi, ARD-Studio Nordwestafrika

Anfang Februar kommt es zu Demonstrationen in der Küstenstadt Fnideq im Norden Marokkos. Der Zorn der Menge richtet sich gegen die Grenzschließung zur spanischen Exklave Ceuta. Wegen der Pandemie sind seit Monaten die Grenzen zu einem Gebiet dicht, das sonst vielen Menschen in der Region Arbeit verschafft.

Dunja Sadaqi ARD-Studio Rabat

Das sei jetzt vorbei, sagt die 43-jährige Demonstrantin Fatima im Februar der französischen Nachrichtenagentur AFP: "Jeder hier erlebt gerade eine richtige Tragödie. Leute können nicht länger ihre Miete bezahlen und müssen zu ihren Eltern ziehen. Ich habe eine Freundin, die gerade zu ihren Eltern ziehen musste, weil sie nichts mehr zu essen hatte."

Marokkaner skandieren Slogans während eines Protestes gegen die wirtschaftliche Situation und die Schließung der Grenzen zur spanischen Exklave Ceuta in der Stadt Fnideq. (Archivbild: Februar 2021) | AP

Proteste gegen die Schließung der Grenzen zu Ceuta in der Stadt Fnideq im Februar. Bild: AP

Viele verlieren ihre Existenzgrundlage

Die Menschen in Fnideq und Umgebung sagen, sie seien verzweifelt und enttäuscht von den marokkanischen Behörden. Der 32-jährige Straßenverkäufer und Familienvater Badr Nour Sadate lebte vorher wie Tausende Einwohner der kleinen Küstenstadt lange Zeit vom geduldeten Schmuggelhandel mit Waren aus Ceuta.

Jetzt verdiene er gerade mal gut zwei Euro am Tag, erzählt er: "Ich suche Arbeit. Diese Stadt wurde isoliert und abgeschottet. In anderen Städten wird gearbeitet, wir haben Kinder, wir können nicht die Stadt verlassen, um woanders hinzugehen, wir haben nicht die Mittel, wir sind hier geboren und aufgewachsen. Jetzt wissen wir nicht, was wir tun sollen. Wir fordern keine Wiederaufnahme des Schmuggelhandels, sondern Alternativen." 

Karte mit Ceuta und Gibraltar

Kaum Arbeitsplätze, wenig Bildung

Doch Alternativen gibt es wenige. Die Region um Fnideq gilt als arm. Viele Menschen haben maximal die Grundschule besucht, nie eine wirkliche Ausbildung bekommen. Industrie oder nennenswerten Tourismus hat die Region um Ceuta nie anlocken können - trotz schöner Strände. Und entsprechend sind auch Arbeitsplätze Mangelware.

Das EU-Mitglied Spanien handelte im Schengen-Abkommen aus, dass die marokkanischen Nachbarn aus der näheren Umgebung von Ceuta ohne Visum jeden Tag für eine begrenzte Zeit in die Stadt kommen können.

Reger Grenzverkehr

Die Waren, die sie dort einkaufen, seien vergleichsweise billig, unter anderem weil Ceuta ein Freihafen ist, also keinen Zoll auf Importwaren erhebt, erklärt der Soziologe und Migrationsexperte Mehdi Alioua: "Gekaufte Waren aus Ceuta werden in Fnideq und in ganz Marokko weiterverkauft." Und weiter: "Aber es gibt auch Dinge, die (hier in Marokko) produziert werden - Lebensmittel, Handwerkskunst -, die in Ceuta verkauft werden oder nach Spanien gehen. Diese Ballungsräume leben voneinander und durch die Grenzschließungen wegen der Pandemie leiden die Menschen in beiden Regionen darunter - denn das war wirtschaftlich ein Schock."

Deshalb drängeln sich normalerweise jeden Tag so viele Marokkaner aus Fnideq und Umgebung vor der Grenze. Andere hatten in Ceuta feste Arbeitsplätze als Reinigungskräfte, Handwerker, Hilfsarbeiter. Ceuta ist für viele ein wirtschaftlicher Rettungsanker. 

Menschenrechtler kritisieren Grenzschließung

Human Rights Watch hat sich bereits besorgt über die Situation in Fnideq geäußert. Mohamed Benaissia von der Menschenrechtsorganisation sagt: "Diese Situation hat sich auf die Bevölkerung hier ausgewirkt, die im Schmuggel gearbeitet hat, und betrifft viele andere Wirtschaftszweige der Stadt wie Taxis, Cafés und Restaurants. Nach einem Jahr der Grenzschließungen leben die Menschen nun unter dramatischen Bedingungen - das veranlasst sie, Druck auf die Behörden auszuüben, um eine Lösung für all diese Probleme zu finden."

Die Behörden verteilten Lebensmittelhilfen, so berichten Menschen vor Ort. Ein millionenschweres Entwicklungsprogramm soll Arbeitsplätze schaffen - unabhängig von der Exklave Ceuta. Von jetzt auf gleich können diese Pläne den Menschen aber nicht helfen.  

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. Mai 2021 um 17:00 Uhr.