Menschen auf dem Weg zum Gebet auf einer Straße in Bamako | AFP

UN-Einsatz mit deutscher Beteiligung Keine Normalität in Mali in Sicht

Stand: 18.08.2021 10:58 Uhr

Der UN-Einsatz im westafrikanischen Mali ist der größte deutsche Auslandseinsatz - und der gefährlichste. Und im Land verschärft sich die Sicherheitslage. Wie geht es weiter in Mali - ein Jahr nach dem jüngsten Putsch?

Von Sebastian Felser, ARD-Studio Rabat

Vor einem Jahr putschte das Militär in Mali. Es war schon der zweite Putsch binnen neun Monaten - und er verlief ähnlich wie der davor: Einige Militärs bringen Regierungsvertreter in einen Stützpunkt. Ein paar Stunden später setzt das Militär die Politiker ab.

Die Aufregung im Land und auch international, zum Beispiel bei der Westafrikanischen Wirtschaftsunion ECOWAS, war groß. Aber im Grunde genommen hat sich die Lage schnell beruhigt. Und seitdem ist sie unverändert.

Für Menschen keine andere Situation als zuvor

So sieht das auch Fodie Tandjigora. Er ist Politikwissenschaftler an der Universität der malischen Hauptstadt Bamako: "Es hat sich kaum etwas verändert. Die meisten Menschen hier in Mali beschäftigen sich mit genau den Dingen, mit denen sie sich auch vor dem Putsch beschäftigt haben: Sie müssen irgendwie ihren Lebensunterhalt sichern, mit der schwierigen Sicherheitslage umgehen und dann gibt es natürlich auch noch Corona."

Das Land ist gelähmt. Nach dem Putsch hat sich nach einer längeren Findungsphase ein Übergangsrat gebildet. Dessen Arbeit hat sich aber vor allem durch zähe Diskussionen und Personalquerelen ausgezeichnet. Postengeschachere des Militärs und Konflikte um Einfluss - das waren mutmaßlich schon die zentralen Probleme, die auch den Putsch vor einem Jahr ausgelöst haben.

Trotz der Allmacht des Militärs und der massiven Präsenz ausländischer Truppen in Mali mit der UN-Stabilisierungsmission MINUSMA und der EU-Ausbildungsmission EUTM verschlechtert sich die Sicherheitslage weiter.

Zahlreiche Zivilisten bei Angriffen getötet

Vor rund zwei Wochen starben mehr als 50 Zivilisten bei Angriffen auf mehrere Dörfer in der Region Gao, wo auch die Bundeswehr ein Camp hält. Wer allerdings geglaubt hat, dass ein Staatsstreich in Malis Hauptstadt Einfluss auf den Einsatz der Bundeswehr haben müsste, sah sich getäuscht. Offenbar spielt es kaum eine Rolle, ob in der 1000 Kilometer entfernten Hauptstadt Zivilisten oder Militärs die Regierungs stellen.

Noch Ende Mai hat die Bundeswehr auf ARD-Anfrage folgende Einschätzung gegeben: "Die Bundeswehr beobachtet die aktuellen Entwicklungen in Mali sorgfältig. Derzeit haben die Vorgänge in Mali keinen Einfluss auf die Bedrohungslage und die Auftragserfüllung der deutschen Einsatzkontingente EUTM Mali sowie MINUSMA."

Thomas Schiller, Leiter der CDU-nahen Konrad-Adenauer Stiftung im Sahel mit Sitz in der malischen Hauptstadt Bamako schätzt die Lage ähnlich ein - zwei Staatsstreiche innerhalb von rund neun Monaten hätten die Grundsituation trotzdem nicht deutlich verändert: "Selbst vor dem Putsch 2020 war es ja auch schon so, dass es viele Beobachter gab, die extrem kritisch waren gegenüber den nicht vorhandenen Resultaten etwa der europäischen Ausbildungsmission. Und das nach jahrelangem Ausbilden durch die EUTM, nach jahrelanger Präsenz der internationalen Gemeinschaft", so Schiller. "Das heißt so ungefähr: Die Probleme gab’s schon vor dem Putsch."

Probleme liegen vor allem bei der Staatsführung

Das seien Probleme bei der Ausbildung - etwa durch ein Rotationsprinzip. Das sei bei Kampfeinsätzen sinnvoll, aber im Bereiche der Ausbildung, bei der es darum geht, die Auszubildenden genau kennenzulernen, fehl am Platze. Das seien aber vor allem Probleme in der Führungsriege des malischen Staates, so Schiller. "Sie haben einen Staat, der komplett dysfunktional ist. Und der auch das Problem hat, dass die malischen Eliten, seien es Militärs, seien es Zivilisten, in den vergangenen Jahren auch keine Verantwortung übernommen haben."

Jemand, der integer ist und Verantwortung übernehmen kann - den vermisst auch Safiatou Dikite. Sie engagiert sich in verschiedenen Organisationen für die Zivilgesellschaft und sieht noch einen langen Weg für Mali: "Ich würde sagen, dass der Übergang bis zur Absetzung der vergangenen Regierung noch gar nicht begonnen hatte. Für die Zukunft sehe ich noch keine Namen, die sich aufdrängen - da muss man wohl noch etwas Geduld  haben."

Das sieht Politikwissenschaftler Tandjigora ähnlich: "So wie es mit dem ganzen Übergang läuft, sehen wir vor allem, dass der Staat hier weiter ausgehöhlt wird. Von meiner Warte aus sieht die Zukunft noch immer düster aus, denn wir wissen nicht, wann Licht am Ende des Tunnels kommt."

Der amtierende Ministerpräsident hält am Plan fest, Ende Februar 2022 Wahlen abzuhalten, um wieder zu einem normalen Regierungs- und Parlamentsbetrieb zurückzukehren. Damit soll der Übergang dann abgeschlossen sein. Ob sich dieses Ziel noch erreichen lässt, müssen die nächsten Monate zeigen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. August 2021 um 05:21 Uhr.