Malische Armeeangehörige beim Training in Kidal | Norbert Hahn
Weltspiegel

Militäreinsatz in Mali Der Teufelskreis der Gewalt

Stand: 29.08.2021 09:06 Uhr

In Mali kämpfen radikale Islamisten für einen "Gottesstaat". Das vergrößert die Wirtschaftskrise und treibt den Kämpfern Nachwuchs zu. Doch die internationalen Friedenstruppen verfolgen keinen einheitlichen Plan.

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

Wenn Baba Babou Touré am späten Vormittag in seinen Laden kommt, hat seine Frau Hawa schon ein paar Stunden hinter sich. Der Shop, so groß wie eine Doppelgarage, liegt an einer Ausfallstraße von Malis Hauptstadt Bamako. Vor den Stahltoren stapeln sich Reissäcke, drinnen, im linken Flügel, verkauft Hawa Touré alles, was ein Einzelhändler im Regal hat, von Speiseöl bis Rasierklingen. Auf der anderen Seite knickt Baba Touré frische französische Baguettes um, damit sie in dünne schwarze Plastiktüten passen. So geht das hier, vom frühen Morgen bis in die späte Nacht. Viel Arbeit, die nicht viel einbringt.

Norbert Hahn ARD-Studio Nairobi

"Die Unsicherheit im Land hat die Preise für Produkte wirklich steigen lassen", klagt Hawa Traore Touré. "Jedes Mal, wenn wir Einkaufen gehen, erhöht der Großhändler den Preis. Denn es ist sehr schwierig, die Produkte einzuführen." Und ihr Mann ergänzt: "Wir zahlen den Laden und auch unsere Wohnung in einem anderen Stadtteil. Das schaffen wir noch, bei all den Problemen. Aber dann kommt auch noch das Schulgeld hinzu."

Die Perspektiven sind düster

Über das Leben der Malier ist damit schon viel gesagt: Man muss immer mehr arbeiten, denn der Krieg und die allgemeine Unsicherheit treiben die Preise. Bildung ist eine Herausforderung - auch für die Eltern. Weit draußen, in der Weite des Landes, wird gekämpft, vor allem im Norden, wo Islamisten einen "Gottesstaat" aufbauen wollen.

Das Leben ist hart in Mali - und manchmal auch kurz. Fast 2000 Tote in den vergangenen zwölf Monaten legen Zeugnis ab von der Brutalität des Krieges, aber auch vom Scheitern der Vorstellung, militärische Macht werde es schon richten.

Die Illusion, gebraucht zu werden

Ibrahim Yattara (Name von der Redaktion geändert) weiß, dass es nicht so ist. Er hatte einige Zeit bei einer Islamistengruppe mitgemacht. Vorher hatte er sich mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen, gekocht, gekellnert. "Plötzlich hatte ich einen Auftrag", erinnert er sich an diese Zeit - so etwas wie eine Mission, etwas, was bedeutsam und wertvoll schien.

Doch irgendwann ging es nicht mehr in seiner Heimatstadt im Norden. "Sie nahmen plötzlich meine kleine Schwester mit. Sie hatte vor dem Haus gefegt, ohne ihr Haupt zu bedecken, ohne Schleier." Yattara protestierte, sie kam frei. Doch die Willkür blieb, die Prügel, die ausgeteilt wurde, etwa für das, was die Islamisten als "unzüchtiges Verhalten" bandmarkten.

Yattara wollte nicht mehr. Es blieb nur die Flucht. Heute lebt er weit weg, aber immer noch in Angst. Als Flüchtling im eigenen Land. Die Radikalen lebten auch davon, dass viele so schlecht über die Runden kommen und keine Arbeit haben, meint Yattara: "Das sind Leute, die lieber mit der Waffe in der Hand im Lokalfernsehen auftreten und sich die Sache einfach machen, als nach einer Arbeit zu suchen."

Hawa Traore Touré | Norbert Hahn

Hawa Touré kämpft mit ihrem kleinen Landen in Bamako um ein ausreichendes Auskommen. Bild: Norbert Hahn

Ehemaliger Islamist | Norbert Hahn

Der ehemalige Islamist Yattara hat seine Illusionen über das Regime der Milizen gründlich verloren. Bild: Norbert Hahn

Konflikte erzeugen neue Konflikte

Wenn die seit Jahren versprochene Sicherheit fehlt und auch die Chancen schwinden, den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, wird es leicht für die Islamisten. Im Strudel dieses Konflikts sind immer weitere entstanden, auch immer mehr ethnische zwischen Volksgruppen.

Das Problem ist komplex, die Lösung wird immer schwieriger, die Ansätze laufen manchmal schon auseinander. Beispiel: Die mehr als 1000 deutschen Soldaten sind Teil der UN-Friedenstruppe. Die bislang mehr als 5000 Soldaten der befreundeten Franzosen sind in einer eigenen, getrennten Mission unterwegs.

Die Franzosen hätten bislang einen "sehr klaren militärischen Fokus auf die Bekämpfung von Terroristen in der Region mit Spezialeinheiten gehabt", beschreibt Christian Mölling, Forschungsdirektor bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, die Lage. "Die Deutschen sehen das total anders und sagen: 'Wenn ich den Terroristen den Nährboden entziehen will, muss ich doch erst die staatlichen Strukturen aufbauen.'" Wer eine breite Lösung wolle, brauche aber alle Seiten und einen wirklich langen Atem, meint Mölling.

Das heimische Militär tut sich schwer

Deutlich wird das gerade im unsicheren Norden Malis, wo eine neu aufgestellte, gemischte Armee-Einheit vor ein paar Tagen zu ihrer ersten Patrouille aufgebrochen ist. Die besteht aus 600 Soldaten, paritätisch zusammengesetzt aus der malischen Armee, früheren Rebellen der Tuareg und sogenannten Selbstverteidigungskräften. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Ein ganzes Jahr hat die Einheit gebraucht, um die Kaserne für diese Patrouille zu verlassen.

Bewegt sich etwas? "Wir glauben, die ausländischen Staaten wollen die Unsicherheit beenden. Aber sie nimmt zu", klagt Baba Badou Touré. "Wir verstehen das nicht."

Es ist dieser Frust, unter dem viele Familien leiden - und der mehr und mehr auch die internationale Gemeinschaft erfassen könnte.

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Über dieses Thema berichtete der "Weltspiegel" am 28. August 2021 um 19:20 Uhr.