Hungernde Kinder im Süden Madagaskars | dpa

Hunger auf Madagaskar "Nur noch Haut und Knochen"

Stand: 12.05.2021 13:36 Uhr

Der ohnehin arme Süden Madagaskars erlebt die schlimmste Dürre seit 40 Jahren. Hunger haben die Menschen dort schon oft erlebt, doch in diesem Jahr geht es für bis zu eine Million Menschen um das reine Überleben.

Von Jana Genth, ARD-Studio Johannesburg

Es ist schwer vorstellbar, was im Süden Madagaskars geschieht - die Situation der Menschen in verwüsteten Landstrichen beschreiben Beobachter als fast apokalyptisch. Arduino Mangoni vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, drückt das so aus: Er habe schon in einigen schwierigen Situationen gearbeitet, in der Zentralafrikanischen Republik, in Darfur, im Kongo - "aber derart unterernährte Kinder habe ich vorher nicht gesehen. Was mir besonders auffiel ist, wie viele Kinder nur noch Haut und Knochen sind."

Jana Genth ARD-Studio Johannesburg

Es gehe ums reine Überleben, sagen Hilfsorganisationen. Kenneth Bowen leitet das Büro der Deutschen Welthungerhilfe in der Hauptstadt Antananarivo. Seine Mitarbeiter würden zwar eine große Fläche der Region abdecken, indem sie in die Gemeinden am äußersten Rand des Südens gehen, aber sie könnten einfach nicht überall sein.

Und jetzt wäre eigentlich Erntezeit - "weil es aber nicht regnet, haben sich viele Felder in Staub verwandelt, es gibt Sandstürme, überall ist Staub". Die Bauern würden deutlich weniger als in den vergangenen Jahren ernten - und möglicherweise fast nichts.

Es trifft eine der ärmsten Regionen weltweit

Die Regionen Androy, Ambovombe oder Amboasary etwa ganz im Süden des Inselstaates sind nicht plötzlich in eine Krise gerutscht, die Gegend gilt ohnehin als eine der ärmsten weltweit. Wie heftig es werden wird, hat sich schon zu Beginn des Jahres angedeutet. Im Dorf Ankilomarovahatra musst Toharano, eine Mutter, schon im Januar ihre Kinder beerdigen.

Meine Kinder haben drei Tage lang nichts gegessen und sind dann gestorben, weil ich, ihre Mutter, es nicht geschafft habe, sie zu ernähren. Ich bin sicher, dass es die Hungersnot war, die sie getötet hat. Es ist nicht etwas anderes, es ist nicht Covid-19, sondern der Hunger.

Nun geht es darum, den Hunger zu bekämpfen. Die Verzweiflung hört man auch Dame Zafendraza an, wenn sie davon spricht, was sie essen, um zu überleben - weißen Lehm:

Wenn wir etwas zu essen hätten, wenn unser Speichel ausreichen würde, hätten wir das nie gegessen. Aber es ist wahr, dass wir vorher nicht wussten, dass weißer Lehm essbar ist. Wir haben versucht, ihn zu mischen, und es hat funktioniert.
In einer geflochtenen Schale liegt Essen, was in der Hungerregion Madagaskars auf einem Feld gesammelt wurde | dpa

Sammeln, was auf den Feldern Madagaskars noch zu finden ist - und selbst das gelingt in manchen Gegenden kaum noch. Bild: dpa

Es gibt nicht einmal mehr Heuschrecken

Auch in den Wäldern, die noch nicht abgeholzt sind, finden die Menschen etwas Essbares: Blätter oder Beeren. Nachdem es vor gut sechs Wochen geregnet hat, kam vorübergehend noch etwas anders dazu, erzählt Rose de Lima Ramanankavana. Sie leitet in Manakara, einer Stadt an der Küste, den Internationalen Wohlfahrtsverband AIC und kennt den traurigen Anblick von sehr dünnen, hungrigen Kindern:

Manchmal, wenn nach einem Regen die Pflanzen wachsen, dann schlüpfen auch die Heuschrecken. Die Leute sammeln sie ein und essen sie, sie kochen die Insekten anstelle von Reis.

Derzeit gibt es aber auch keine Heuschrecken mehr, meint Arduino Mangoni vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, der gerade erst im Süden unterwegs war:

Wir haben gesehen, wie Menschen Kakerlaken gegessen haben oder wie sie Sand mit Früchten gemischt haben, den Tamarinden, aber das ist nicht nahrhaft.

Flucht in den Norden

Frauen, berichtet er, verkaufen ihre Töpfe - ein Zeichen dafür, dass sie ihre Dörfer verlassen wollen. Tatsächlich gibt es bereits Tausende Flüchtlinge, die sich auf den Weg machen in Städte, die nördlicher liegen. 

Handlungsbedarf besteht nicht mehr nur für die Regierung in der Hauptstadt, sondern auch für Organisationen, sagt Bowen von der Deutschen Welthungerhilfe, denn es handele sich hier um "eine vergessene Krise, beinahe ein vergessenes Land". Die Dürre sei "die schlimmste im tiefen Süden seit mehr als 40 Jahren".

Und dann macht die Corona-Pandemie natürlich auch vor Madagaskar nicht halt. Reisen innerhalb des Landes sind deshalb schwierig - und das trifft besonders all jene, die ihre Dörfer verlassen müssen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. Mai 2021 um 17:15 Uhr.