Eine Familie aus dem Dorf Fandiova in Madagaskar leidet an Hungersnot. | dpa

Madagaskar "Wir haben seit Tagen nichts mehr gegessen"

Stand: 16.10.2021 10:49 Uhr

Im Süden Madagaskars hat es lange nicht mehr geregnet. Die Ernten sind knapp, viele Menschen hungern. Eine halbe Million Kinder sind unterernährt. Hilfsorganisationen stehen vor einer logistischen Herausforderung.

Von Jana Genth, ARD-Studio Johannesburg

Aus tiefen Löchern holen die Menschen etwas Wasser - dieses Loch haben sie in ein ausgetrocknetes Flussbett gegraben. In der Region Amboasary im Süden Madagaskars regnet es nicht mehr, die Menschen hungern seit langem. "1,3 Millionen Menschen sind nach wie vor in einer akuten Nahrungsmittelunsicherheit", sagt Kenneth Bowen, Leiter des Büros der Deutschen Welthungerhilfe in der Hauptstadt Antananarivo. "Das Ausmaß der Unterernährung gehört zu den schlimmsten weltweit. Eine halbe Million Kinder sind unterernährt, und mehr als ein Fünftel davon akut unterernährt."

Jana Genth ARD-Studio Johannesburg

Seit sechs Jahren schon mangelt es an Niederschlägen - die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass dies eine direkte Folge des Klimawandels ist. Hova ist Mutter und lebt im Dorf Ambarobe in der betroffenen Region Amboasary. "Wir haben seit drei Tagen nichts mehr gegessen", sagt sie. "Wir haben kein Geld, also essen wir nicht. Wir haben nichts zu verkaufen. Wir sind hungrig, ich bin hungrig. Meine Kinder weinen, weil sie Hunger haben."

Viele verkaufen für Essen alles was sie haben

In ihrer Not haben die Menschen schon gegessen, was immer sie fanden: bitter schmeckende Früchte von Kakteen, Wurzeln, Gras und Blätter, Heuschrecken und Kakerlaken, zeitweise sogar Lehm und Leder. Viele haben alles verkauft, was sie besaßen, nur um etwas Reis bezahlen zu können oder Süßkartoffeln.

Hilfsorganisationen versuchen, die Menschen zu unterstützen, aber diese Arbeit ist allein schon wegen der Rahmenbedingungen nicht einfach, sagt Berengere Guais von Ärzte ohne Grenzen. "Eines der größten Hindernisse in diesem Bereich ist die Logistik", sagt er. "Das betroffene Gebiet ist sehr weit von der Hauptstadt entfernt. Wenn man die Straße benutzt, braucht man drei Tage, um in die Region zu gelangen. Dazu kommt: Die Bevölkerungsdichte ist dort sehr gering. Man fährt zwei Stunden, um ein Dorf zu erreichen, und zwei weitere Stunden, um zum nächsten Dorf zu kommen."

"Ohne Hilfe geht es gar nicht"

Wer in Madagaskar lebt, der kann der Not kaum entgehen, schließlich ist der Inselstaat im Indischen Ozean abgelegen von Nachbarländern. Ohne Hilfe geht es gar nicht, sagt Alice Rahmoun vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen. "Das Welternährungsprogramm arbeitet unter Hochdruck daran, lebenswichtige Nahrung für mehr als eine Million Menschen zu verteilen", sagt sie.

"Wir wollen ihnen auch helfen, mit den Auswirkungen des Klimawandels umzugehen. Wir haben zum Beispiel Wasser-Projekte. Wasser ist der Schlüssel für die Landwirtschaft und dafür, dass die Menschen in den nächsten Monaten etwas zu essen haben", so Rahmoun.

Madagaskar ist derzeit an einem kritischen Punkt: Jetzt ist die Jahreszeit, in der die Menschen ihre Felder bestellen. In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob sie im nächsten Jahr überhaupt etwas ernten können werden. Regen aber ist weiterhin nicht in Sicht.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 16. Oktober 2021 um 08:20 Uhr.