Ein kleines Mädchen trägt ein Kleinkind in der Gemeinde Amboasary im Süden Madagaskars auf ihrer Hüfte. | dpa

Hungerkrise in Madagaskar Notfalls auch Leder zum Essen

Stand: 06.08.2021 13:28 Uhr

Hilfsorganisationen sagen, es gehe um Leben und Tod in Madagaskar. Die schlimmste Dürre seit 40 Jahren gefährdet Hunderttausende Menschen. Neu ist die Krise nicht, aber jeden Tag gravierender.

Von Jana Genth, ARD-Studio Johannesburg

In Berary im Süden Madagaskars leben Menschen in einfachsten Unterkünften. Aus Ästen, dünnen Zweigen und trockenen Gräsern sind die kleinen Hütten gebaut, die Unterschlupf bieten. Reich ist hier niemand, ganz im Gegenteil, erzählt Metairie Rabefamory, Chef des Bezirks Berary. Er berichtet etwas kaum Vorstellbares: "Fünf Kinder und drei Frauen starben. Das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen. Sie sind verhungert."

Jana Genth ARD-Studio Johannesburg

Drei Jahre kein Regen

In diesem abgelegenen Teil des südlichen Madagaskars hat es seit drei Jahren nicht mehr geregnet. Die Felder der Dorfbewohner sind zu Staub geworden, in diesem Jahr haben sie nichts geerntet, schon wieder nicht.

Sinzay ist Mutter von acht Kindern. Sie hat dank einer Nahrungsmittellieferung überlebt:

Wir waren wirklich hilflos und wie Skelette. Wir konnten nicht einmal mehr laufen. Wir wären zusammengebrochen, wenn wir nur über einen Zweig gestolpert wären. Meine Kinder weinen. Sie weinen so viel, tief aus dem Inneren, mit all ihrer Kraft. Eines ist schon in Ohnmacht gefallen, weil es so viel geweint hat.

Die Grundversorgung ist ein ferner Traum für die Familie: ein sicheres Zuhause, saubere Kleidung, eine Mahlzeit. Im nahe gelegenen Wald, der noch nicht abgeholzt ist, suchen sie nach Essbarem.

Havanay ist einer von Sinzhays Söhnen. Er beschreibt das so:

Wir essen wilde Wurzeln, aber wir können sie nicht kochen. Wir legen sie in den Topf, bedecken sie mit Wasser, aber sie bleiben roh. Die Wurzeln sind immer hart. Wir essen sie, aber sie machen uns nicht satt. Mein Bauch tut weh, und ich habe Durchfall. Wenn ich auf die Toilette gehe, ist mein Stuhl gelb und manchmal auch blutig. Ich hätte gerne eine Decke, Kleidung und Sandalen. Aber vor allem möchte ich etwas essen.

Arbeitslosigkeit verschlimmert Unterernährung

Der Bezirk Berary gehört zu Ambovombe, Hauptstadt der Region Androy. So schlimm es klingt: Hunger sind die Menschen dort gewohnt. Sie haben ein eigenes Wort dafür: Im südlichen Dialekt heißt das "Kere". Hilfsorganisationen berichten regelmäßig von Bewohnern, die nur noch Haut und Knochen zu sein scheinen.

Auch in Anosy gibt es kaum etwas zu essen, der Region, die an Androy grenzt. Dort ist Ricardo Fernandez unterwegs, Madagaskar-Chef von Ärzte ohne Grenzen. Einfach sei seine Arbeit nicht, sagt er. Ein Hauptfaktor, der die Unterernährung verschlimmere, sei die Arbeitslosigkeit. "Außerdem haben die Menschen keine Lebensmittel mehr, sie können nicht ernten, es gibt keine Arbeit, kein Einkommen. Auch Covid-19 erschwert die Situation, weil die Pandemie alles behindert: unseren Einsatz, die Mobilität und die Verteilung der Güter." Anderen Hilfsorganisationen geht es ähnlich.

Mitarbeiter des Welternährungsprogramms in Ambovombe, verzeichnen eine sehr hohe Zahl unterernährter Kinder. | dpa

Mitarbeiter des Welternährungsprogramms in Ambovombe kümmern sich um unterernährte Kinder. Bild: dpa

Heuschrecken und Kakerlaken als Mahlzeit

Die Konsequenz ist: Die Madegassen im Süden des Inselstaates kämpfen weiter jeden Tag ums Überleben. Helfer berichten von Verzweiflungsakten. "Als es noch Heuschrecken gab, wurden diese gekocht, anstelle von Reis. Sogar Kakerlaken wurden gegessen", berichten Wohlfahrtsverbände. Lehm wurde mit Blättern gemischt.

Damit aber nicht genug: Wer Hunger hat, der isst inzwischen sogar Leder. Florentine sitzt in einer Gruppe von Menschen und erklärt es ihnen: "So machen wir es, so, schaut mal, wir kratzen es so. Das war's. Dann schneiden wir es, aber mein Messer ist nicht so scharf. Geht zur Seite, damit Ihr euch nicht verletzt! Geht aus dem Weg! Wir schneiden sie so. Aber das ist unmöglich zu schneiden, weil es so hart wie Holz ist. Glaubt Ihr, wir werfen das weg? Wenn es gekocht ist, werden wir es sofort essen, weil wir so hungrig sind."

140 Projekte in der Planung

Florentine ist ein Klimaflüchtling. Sie hat ganz im Süden des Landes gelebt, sich aber auf den Weg gen Norden gemacht, ins Landesinnere. Besser ist es dort aber auch nicht. Dazu kommt: Die Infrastruktur ist marode. Die Straßen in dieser entlegenen Region sind miserabel, Transporte mit Hilfsgütern sind tagelang unterwegs.

Das soll sich ändern, verspricht die Regierung in der Hauptstadt Antananarivo. Sie will Straßen und eine Pipeline bauen - zudem für sauberes Wasser sorgen. Lova Hasinirina Ranoromaro leitet das Büro des Präsidenten. Sie sagt, die Regierung plane 140 Projekte, die der Region helfen sollen, wieder auf die Beine zu kommen: "Präsident Rajoelina hat den Ministern Vorgaben für drei, sechs, zwölf und 18 Monate gemacht, um Ergebnisse zu sehen."

28.000 Menschen droht Hungertod bis 2022

Für manche Menschen kommt das womöglich nicht schnell genug. Die Bauern im Süden haben in diesem Jahr so gut wie nichts ernten können. Die Situation ist dramatisch. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen hat die ganze Region als Hunger-Hotspot eingestuft. 28.000 Menschen droht demnach bis zum Ende dieses Jahres der Hungertod. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. August 2021 um 12:10 Uhr.