Frauen gehen in Tripolis an einem Plakat vorbei, auf dem steht: "17. Februar - von der Revolution zum Staat". | AFP

Zehn Jahre nach Gaddafis Sturz "Letzte Chance für das libysche Volk"

Stand: 17.02.2021 05:37 Uhr

Zehn Jahre nach der Revolution ist Libyen immer noch in einer prekären Lage: Während einige hoffen, dass die Übergangsregierung das Land zu Wahlen führt, sehen andere den nächsten Bürgerkrieg heraufziehen.

Von Jürgen Stryjak, ARD-Studio Kairo

Zehn Jahre nach dem Beginn des Volksaufstandes ist so mancher in Libyen gerade wieder vorsichtig optimistisch - so wie der Aktivist Gamal al-Fallah in der Hafenstadt Bengasi im Osten des Landes: "Ich bin zuversichtlich und glaube, dass die neue Regierung den Konflikt beenden und das Land wieder einen kann. Es ist die letzte Chance für das libysche Volk", sagt er. "Wir hoffen, dass die Politiker die Parlamentswahlen vorbereiten, so wie sie es versprochen haben und dass sie endlich den Krieg beenden."

Jürgen Stryjak ARD-Studio Kairo

Am 5. Februar hatten sich 75 Vertreter aus allen Landesteilen in der Schweiz auf eine neue libysche Übergangsregierung geeinigt. Sie soll für freie Wahlen im Dezember sorgen - es ist der Versuch, das Land nach Jahren des Krieges endlich wieder zu einen.

Im Februar 2011 hatten in Libyen jene Proteste begonnen, die schließlich zum Sturz von Langzeitdiktator Muammar al-Gaddafi führten. Zuerst protestierten Tausende in Bengasi, aber bald auch in anderen Landsteilen. Das Regime reagierte mit Gewalt. 

Gaddafi nach Monaten getötet

Gaddafi hetzte die Sicherheitskräfte auf die Demonstranten - und hielt bemerkenswert wirre und starrköpfige Reden "Geschichte, Widerstand, Befreiung, Ruhm und Revolution", rief Gaddafi am 22. Februar ins Mikrofon. Er sei kein Präsident, den man einfach wegdemonstrieren könne.

Doch die Regimegegner hatten sich längst bewaffnet. Der Diktator floh und hielt sich Monate lang versteckt - bis er am 20. Oktober 2011 gefunden wurde. Ein Handyvideo zeigt, wie bewaffnete Kämpfer ihn aus seinem Versteck zerren und misshandeln. Gaddafis Gesicht ist blutig, einer der Kämpfer hält ihm die Pistole an den Kopf.

Gaddafi sei getötet worden, verkündet wenige Stunden später Mahmoud Jibril vom Nationalen Übergangsrat. Auf diesen historischen Moment hätten die Menschen im Land lange gewartet.

Libyen versank für Jahre in Anarchie und Chaos

Zu jener Zeit war es den Aufständischen längst gelungen, das Gaddafi-Regime zu entmachten. Dabei geholfen hatte die NATO: Im März 2011 beschloss der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen die Resolution 1973. Sie erlaubte Luftangriffe der NATO zum Schutz der Zivilbevölkerung. In der Realität nutzten diese Angriffe jedoch vor allem den Aufständischen.

Die Sieger waren allerdings keine einheitliche nationale Bewegung, sondern eine unüberschaubare Zahl an Aktivisten, bewaffneten Milizen, Stammesverbänden und Dschihadistengruppen. Libyen versank für Jahre in Anarchie und blutigem Chaos.

2014 entstanden zwei rivalisierende Regierungen: eine in der Hauptstadt Tripolis, unterstützt von Islamistenmilizen, die andere im Osten des Landes. Ein Jahr später vermittelten die UN die Bildung einer sogenannten Einheitsregierung mit Sitz in Tripolis unter Premierminister Fayyez al-Serraj. Sie wurde aber von den Kräften im Osten nicht anerkannt. Dort baute Khalifa Haftar seine Macht aus.

Der Milizenführer bildete aus Teilen der libyschen Armee sowie aus radikalen Salafisten einen Kampfverband und begann im April 2019 eine Militäroffensive auf Tripolis. Russland, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten unterstützten ihn dabei, während die Einheitsregierung in der Hauptstadt Waffenhilfe aus der Türkei erhielt. Libyen drohte zu einem zweiten Syrien zu werden. Haftars Offensive scheiterte, seit Oktober gilt eine Waffenruhe.

Einige hoffen, dass die Regierung hält - andere sind skeptisch

Ob die jüngst gewählte Übergangsregierung das Land dauerhaft aus dem Teufelskreis der Gewalt führen kann, ist fraglich. Der neue Ministerpräsident und ein dreiköpfiger Präsidialrat sollen die Wahlen vorbereiten und das Land einen.

Viele Libyer wünschen sich, dass dies gelingt: "Wenn die neue Regierung wenigstens zehn Monate halten würde, damit sie die Wahlen vorbereiten kann, dann wäre das ja schon mal besser als nichts", sagt Mostafa al-Kharraz aus Bengasi, der die Hoffnung nicht so schnell aufgeben will.

Ein Flaggenverkäufer in Libyens Hauptstadt Tripolis ist offensichtlich guter Dinge. | AFP

Ein Flaggenverkäufer in Libyens Hauptstadt Tripolis ist offensichtlich guter Dinge (Foto vom 16. 02. 2021). Bild: AFP

Andere sind pessimistisch - wie Osama al-Warfali. Er spricht von einem historischen Moment für Libyen, "denn die Regionalmächte des Auslands wie auch innerlibysche Kräfte, zum Beispiel die von Khalifa Haftar, werden das alles nicht einfach so hinnehmen. Ich sehe Krieg am Horizont. Libyen steht vor einer neuen Abwärtsspirale und einem noch heftigeren Bürgerkrieg", glaubt er.

Trotz der Ungewissheit lassen sich viele Libyer nicht davon abhalten, ihre Revolution zu feiern, jenen Volksaufstand, der vor zehn Jahren begann. "Das Geschäft läuft gut", freut sich ein Verkäufer von Landesfahnen in der Stadt Misrata. "Sowohl Kinder als auch Erwachsene - alle wollen Fahnen kaufen."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. Februar 2021 um 12:00 Uhr.