Dorfbewohner sitzen unter einem Baum in einem Dorf in Kenia. | TV-Studio Nairobi

Kenia Landnahme zu Spottpreisen

Stand: 27.01.2022 04:49 Uhr

Afrika braucht im Kampf gegen den Hunger seine Kleinbauern - und die brauchen ihr Land. Doch der Trend zur Landnahme durch große Konzerne nimmt zu. Und auch deutsche Gelder unterstützen die Projekte.

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

Peter Nzeki blickt auf sein Haus, das man kaum noch so nennen kann. Eines Tages waren die Bagger in die Nähe seines Dorfes Guluku gekommen, ein Dorf im Süden Kenias. Die Vibrationen, die die Baggerarbeiten mit sich brachten, ließen eine Mauer des Gebäudes einstürzen. Er und ein paar Nachbarn sind geblieben, die meisten der Dorfbewohner aber wurden im Laufe der vergangenen zehn Jahre vom australischen Bergbaukonzern Base Titanium umgesiedelt. Der baut auf einer Fläche von bald 2000 Hektar seltene, wertvolle Mineralien ab, wie Titaniumoxide und Zirkon.

Norbert Hahn ARD-Studio Nairobi

Nzeki sei geblieben, weil ihm das Angebot der Firma für eine Entschädigung nicht gereicht hat: "Wir haben uns nicht einigen können. Sie sagten mir: Du bist vor Gericht gezogen, deshalb bekommst Du nichts. So haben sie mich zurück gelassen."

Als die Umsiedlungen der 380 Familien begannen, rechnete das Unternehmen mit einem Bodenwert von umgerechnet nicht einmal 100 Euro pro Hektar. Großzügig habe man 620 Euro daraus gemacht, so das Unternehmen - für einen Hektar Land. Zusätzlich seien 80 Cent für eine Kokospalme und drei Euro für einen Cashew-Baum gezahlt worden, gerade mal so viel, wie eine Tüte Nüsse in Laden kostet.

Ein schlechter Tausch

Nzeki nahm das Angebot nicht an - andere taten es. Wieder andere ließen sich durch Land entschädigen, das nicht immer für den Anbau geeignet war, sagt der Farmer Swaleh Mwabakari: "Sie gaben uns Land, auf dem keine Bäume standen oder das sumpfig war."  

Das Unternehmen ist sich keiner Schuld bewusst, im Gegenteil. "Die Firma hat eng mit den Dörfern zusammengearbeitet, Programme für Lebensunterhalt und Gesundheit aufgelegt. Und wer umgesiedelt wird, hat höchste Priorität, wenn es um einen Job bei uns geht", so Simon Wall, General Manager bei Base Titanium.

Blick in eine Mine in der Wasserstoff abgebaut wird. | TV-Studio Nairobi

Die Bagger von Base Titanum fördern in Kenia seltene Mineralien - für den Konzern ein lukratives Projekt. Bild: TV-Studio Nairobi

Anhaltendes Unrecht

Tatsache ist: Nach Kritik an der Landnahme zum Schnäppchenpreis soll die Entschädigung für die Umsiedlung der nächsten Dörfer fast zehnmal so hoch sein. Dafür hatte auch die kenianische Nichtregierungsorganisation von Faith Alubbe gekämpft: "Die Siedler in der früheren Kolonie haben die Gesetze so gemacht, dass Land Grabbing möglich ist", sagte die Vorsitzende von "Kenya Land Alliance". "Das ist so weitergegangen, und spätere Regierungen haben das nie verfolgt. Beim Grundbesitz gibt es heute Unrecht, das auf Land Grabbing zurückgeht."

In Kenia zum Beispiel geht es um Anbauflächen ausländischer Investoren, es geht um Tee, Kaffee, Viehzucht und neuerdings auch um Pflanzen zur Treibstoffgewinnung. Kenia steht für viele Länder Afrikas: "Mehr als 40 Prozent aller Land-Transaktionen in den letzten 20 Jahren sind in Afrika gewesen",“ beschreibt Markus Wolter, Agrarexperte bei Misereor, das Problem. "Afrika hat besonders viele schwache Staaten und schwache Boden-Märkte, schwache Bodenkatasterämter. Da gibt es wenig Regularien, und deswegen können dort Investoren sehr gut zugreifen."

Peter Nzeki | TV-Studio Nairobi

Peter Nzeki wollte sich nicht abspeisen lassen - er blieb in seinem Dorf. Bild: TV-Studio Nairobi

Begehrlichkeiten, Gier und Korruption

Zwölf Millionen Hektar sind in den vergangenen Jahren in Afrika in die Hände von Finanzinvestoren, Spekulanten oder Großfarmen gefallen, so eine Bestandsaufnahme der Plattform "LandMatrix", die auch vom deutschen Wirtschaftsministerium unterstützt wird. Probleme schaffen dabei natürlich nicht nur die Begehrlichkeiten aus dem Ausland, sondern auch Korruption und Gier der heimischen Eliten.

Verschlimmert wurde alles noch durch die Pandemie, klagt die Organisation "Land Alliance". In dieser Zeit sei Land Grabbing besonders einfach gewesen. "70 Prozent unseres Landes wird von Gemeinschaften gehalten", sagt Faith Alubbe. "Das ist oft nicht dokumentiert. Der Halter ist manchmal nicht schriftlich eindeutig zu erkennen. Wer immer ein Gebäude errichten oder einen Zaun aufstellen konnte, hat das getan. Sie haben elektrische Zäune errichtet und die Leute ausgesperrt. Die Spitze dieses Problems kam mit der Pandemie", so Alubbe.

Entwicklungsgelder für australischen Konzern

In Kenia hat die staatliche Deutsche Entwicklungsgesellschaft DEG dem australischen Unternehmen mit Krediten über 35 Millionen Dollar ausgeholfen. Eine Sprecherin erklärte auf Anfrage: "Während des DEG-Engagements wurde - neben mehrfachen Vor-Ort Besuchen durch DEG-Umwelt- und Sozialexperten - das Projekt regelmäßig von unabhängigen, international anerkannten Gutachtern aufgesucht, um die Einhaltung internationaler Standards zu überwachen. Die Einhaltung dieser Standards wurde dabei mehrfach bestätigt."

Das Geld aus dem Kredit ist inzwischen planmäßig vom Unternehmen an die DEG zurückgeflossen. Während Base Titanium inzwischen gute Gewinne einfährt, ist das Leben von manchen Farmern wie Peter Nzeki und Swaleh Mwabakari noch ärmlicher geworden.

Befördern niedrige Zinsen die Landnahme?

Nichtregierungsorganisation kritisieren schon seit Jahren das Wirken der deutschen Entwicklungsbanker in Übersee: "Die DEG hat große Kreditvolumen", stellt Markus Wolter von Misereor fest. "Zwar hat sie auf dem Papier gute Regularien, aber in der Umsetzung hapert es oft noch." Niedrige Zinsen befeuerten den Trend zum Land Grabbing zusätzlich, glaubt Wolter.

Klar ist: Allein am Horn von Afrika - in Kenia, Somalia und Äthiopien - könnten bis zur Mitte dieses Jahres 25 Millionen Menschen nicht genug zu essen haben. Die UN-Ernährungsorganisation warnt dort "vor einer der weltweit schlimmsten Ernährungskrisen". In Afrika insgesamt seien 2020 mehr als 280 Millionen Menschen unterernährt gewesen. Der Kontinent braucht also auch die Kleinbauern - und die brauchen ihr Land. 

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 25. Januar 2022 um 22:40 Uhr.