Blick über die Totenstadt mit der Zitadelle im Hintergrund. | Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo
Reportage

Protest in Kairo Schnellstraße statt historischer Gräber

Stand: 16.04.2022 08:20 Uhr

Kairo erstickt am Verkehr. Die Regierung baut deshalb Straßen, historische Stätten verschwinden. Dieses Schicksal droht nun auch einem der ältesten Friedhöfe, auf dem auch arme Familien leben.

Von Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo

Wahid al-Mardenli wandelt auf den Spuren seiner Vorfahren. Sie sind in einem reich verzierten Mausoleum bestattet, in Sarkophagen aus Alabaster, umgeben von einem üppigen Palmengarten. "Das ist das Grab von Prinz Muhammad Fadel Pasha al-Dramali - meinem Urgroßvater", erzählt er. "Es ist mit einem Fez geschmückt - der traditionellen Kopfbedeckung aus der Zeit der Osmanen. Das Grab mit der Krone dort ist das Grab meiner Großmutter."

Anne Allmeling ARD-Studio Kairo

Anders als an so gut wie allen anderen Orten in Kairo herrscht hier Stille - nicht einmal der Verkehr der Millionen-Metropole ist zu hören in der sogenannten Totenstadt, einem der größten und ältesten Friedhöfe der Stadt.

"Die Geschichte dieser Friedhöfe umfasst die Geschichte Ägyptens seit der islamischen Eroberung, also mehr als 1400 Jahre - die Ära der Mamelucken, der Osmanen und die der Familie von Muhammad Ali. Die gesamte Geschichte ist hier vertreten", sagt Mustafa Al-Sadiq. Der Hobby-Historiker hat sich intensiv mit der Geschichte des Friedhofs beschäftigt und will verhindern, dass er zerstört wird. Denn das ist der Plan der ägyptischen Regierung: Sie will eine Schnellstraße bauen. Dort, wo heute aufwändig verzierte Gräber und mit Marmor bestückte Mausoleen stehen.

Ramy unterwegs zwischen den Gräbern der Totenstadt. | Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo

Zwischen den Gräbern haben sich Familien angesiedelt, die kein Geld für eine Mietwohnung haben. Bild: Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo

"Gebäude wie kleine Paläste"

"Wenn all das abgerissen wird, werden viele Menschen zu Schaden kommen. Es wird einen Verlust an Kultur und Geschichte geben, einen Verlust all dieser Kunstwerke", sagt Al-Sadiq. "Die meisten Gebäude hier sehen aus wie kleine Paläste, nicht wie Gräber. Es gibt verschiedene Bauarten; den Mamelucken-Stil und andere Stile. Kein Land würde solche Dinge einfach aufgeben. Warum machen wir das?"

An vielen Orten in Kairo entstehen neue Straßen und Brücken, um den Verkehr zu entzerren und die vielen Staus in der Stadt zu verhindern. Aber dafür kulturelles Erbe opfern? Al-Sadiq kann das nicht nachvollziehen. "Wir haben nur unsere Geschichte. Und wir sind stolz auf sie. Unsere Geschichte ist unbezahlbar. Alle Länder um uns herum, die viel Geld haben, können keine Geschichte kaufen. Im Gegenteil: Sie kommen zu uns, um Antiquitäten zu holen und sie in Museen auszustellen" - so sieht er das. "Natürlich sind wir nicht gegen Entwicklung, aber neue Projekte sollten nicht auf Kosten unserer Geschichte und unserer Denkmäler gehen."

Ramy auf dem Dach seines Hauses. | Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo

Einer der Bewohner ist der 27-jährige Ramy. Er lebt schon sein ganzes Leben in der Totenstadt. Bild: Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo

Stadtplanung ohne Rücksicht auf Arme

Für Ramy ist die Totenstadt sein Zuhause. Der 27-Jährige ist hier aufgewachsen - in einem kleinen Haus zwischen zwei Gräbern, die selbst wie Häuser aussehen. In Kairo ist bezahlbarer Wohnraum knapp. Deshalb haben sich in der Totenstadt Menschen angesiedelt, die kein Geld haben für eine Mietwohnung.

Mit Strom und Wasser muss sich Ramy selbst versorgen. Trotzdem liebt er seine Umgebung. "Ich bin hier geboren und groß geworden. Wenn ich wegziehen müsste, wäre das kein Leben", sagt er.

Ramys Zuhause ist alles andere als luxuriös: ein enger Flur führt zu einem dunklen Raum mit einer kleinen Küche, eine schmale Treppe in den ersten Stock. Doch Ramy hängt an dem kleinen Haus, in dem schon seine Großmutter lebte. Seinen Arbeitsplatz erreicht er von hier aus zu Fuß: Er jobbt in einer Werkstatt und repariert kaputte Autos. Würde er irgendwann umgesiedelt, stellt ihn das vor Probleme: "Jede Fahrt hierher und zurück würde mich meinen Tageslohn kosten."

Ramys spärlich eingerichtete Küche. | Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo

Ramys spärlich eingerichtete Küche. Bild: Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo

Auf der anderen Seite der Straße, direkt gegenüber von seinem Haus: Das Nationalmuseum der ägyptischen Zivilisation - ein neues Prestigeprojekt der ägyptischen Regierung. Sie will damit Touristen anlocken. Doch Ramy und seine Nachbarn profitieren davon nicht.

Das sei Stadtplanung per Dekret ohne Rücksicht auf die Ärmsten, kritisiert der Anwalt für Umweltrecht, Ahmed El-Saidy: "In der ägyptischen Verfassung ist immer von nachhaltiger Entwicklung die Rede, also von einer Entwicklung, die alle Aspekte des Lebens berücksichtigt: sei es die soziale, wirtschaftliche, ökologische oder die archäologische Entwicklung. Wenn es aber für solche Projekte keine öffentlichen Anhörungen gibt, beeinträchtigt das die Nachhaltigkeit und die Bevölkerung ist nicht damit einverstanden." Immer mehr historische Bauwerke verschwinden aus dem Stadtbild Kairos - zugunsten von Schnellstraßen und neuen Wohnungen.

Friedhof für Touristen öffnen?

Der Architekt Hany El-Fekky, der für das jüngste Projekt verantwortlich ist, meint: Nahe der Totenstadt drohe sonst ein Verkehrsinfarkt. "Es ist sehr wichtig, dass wir diese Straße bauen. Denn sonst fahren die Autos hier mit fünf Kilometern pro Stunde. Das bedeutet Zeitverlust und hindert die Leute an der Arbeit. Außerdem ist es eine Verschwendung von Energie, von Benzin und Diesel, und verschmutzt die Umwelt", argumentiert er.

Befestigte Straßen, Strom und Wasser - das alles würde auch Ramy gefallen. Aber sein Viertel verlassen, in dem seine Familie und Freunde leben, möchte er dafür nicht. Noch kennt Ramy in der Totenstadt jede Ecke, jeden Stein. Wenn es nach ihm geht, sollte das auch so bleiben. Dafür setzt sich auch Wahid al-Mardenli ein.

Die Argumente der Regierung will der 76-Jährige so nicht stehen lassen. Statt Teile des historischen Friedhofs abzureißen, sollte man die Totenstadt nutzen, meint er - und sie für Touristen öffnen: "Wir schätzen die Zahl der Touristen, die hierher kommen würden, auf neun Millionen." Sie könnten dem Staat hohe Einnahmen bescheren, meint er.

Einnahmen, die der Staat gut gebrauchen könnte. Denn offiziellen Angaben zufolge lebt etwa ein Drittel der Bevölkerung in Ägypten unterhalb der Armutsgrenze.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. April 2022 um 05:50 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".