Ein Mann lässt sich in Johannesburg  freiwillig einen Corona-Impfstoff injizieren. | AP

Corona-Impfstoff Afrikanische Länder stehen wieder hinten an

Stand: 02.03.2021 16:58 Uhr

Viel zu wenig Impfstoff, dazu Kriege und Konflikte - die Impfkampagnen in den Ländern Afrikas kommen nicht in Gang. Experten warnen, so könnten neue Mutanten entstehen - die wiederum weltweit gefährlich würden.

Von Dunja Sadaqi ARD-Studio Rabat

Etwa vier Millionen Dosen des Impfstoffes AstraZeneca aus Indien erreichten heute Nigeria. Finanziert wurde die Lieferung durch die Covax-Initiative der Weltgesundheitsorganisation. Ohne die könnten nur wenige ärmere Länder auf dem afrikanischen Kontinent bald auf einen Impfstoff hoffen.

Dunja Sadaqi ARD-Studio Rabat

Die Impfkampagne der kommenden Wochen werde eine Herausforderung für das Land, sagt Ibrahim Kana aus dem Gesundheitsministerium in der Hauptstadt Abuja. "Nigeria ist ein großes Land. Wenn man uns mit anderen afrikanischen Staaten vergleicht, wo Hunderttausende Impfdosen eingesetzt werden, brauchen wir Millionen an Dosen. Die Verzögerung der Lieferungen hat es der Regierung erlaubt, etwas besser zu planen."

16 Millionen Impfdosen für 200 Millionen Nigerianer

Insgesamt sollen 16 Millionen Impfdosen Nigeria in den kommenden Monaten erreichen - für Afrikas bevölkerungsreichstes Land mit rund 200 Millionen Einwohnern reicht das aber bei Weitem nicht aus. Auch wenn der westafrikanische Staat nun bald mit seiner Impfkampagne beginnen kann, hat er das gleiche Problem wie viele seiner Nachbarstaaten: Es gibt zu wenig Impfstoff. 

Auch wenn Nigeria wie viele afrikanische Staaten mit einer durchschnittlich jungen Bevölkerung die Pandemie vergleichsweise schwächer getroffen hat als Staaten in Europa oder die USA - die Anzahl der Covid-19-Fälle steigt. Insgesamt gibt es rund 157.000 registrierte Infektionen, mehr als 1.800 Menschen sind an Covid-19 gestorben.

Schlechte Versorgung

Das Covax-Programm wird nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation und von UNICEF im ersten Quartal 2021 voraussichtlich rund 90 Millionen Dosen Covid-19-Impfstoffe nach Afrika liefern. 

Beim Ausbruch der Pandemie im Frühjahr 2020 waren viele Hygieneprodukte und Medikamente zum Kampf gegen das Virus schwer oder gar nicht mehr erhältlich. Und auch jetzt stehen viele Länder in Afrika wieder hinten an, kritisieren Experten.

Warnung vor Entstehung neuer Mutanten

Eine der wenigen Ausnahmen ist das Königreich Marokko. Seit Ende Januar impft Marokko schon seine Bevölkerung und kann nach Sicherheitskräften, medizinischem Personal und Älteren mittlerweile schon die Menschen über 60 Jahre impfen.

Doch auch hier ist man über die weltweite Verteilung der Impfstoffe verärgert: Azeddine Ibrahimi ist Mitglied des wissenschaftlichen Covid-19 Komitees in Marokko. Er sagt: Je länger die rund 1,3 Milliarden Menschen auf dem afrikanischen Kontinent auf einen Impfstoff warten müssen, desto gefährlicher wird es für die ganze Welt. "Je mehr sie das Virus sich in Afrika ausbreiten lassen, desto höher ist die Chance, dass sich neue Virus-Varianten entwickeln, gegen die die heutigen Impfungen nicht wirken."

Erfahrungen mit Epidemien

Viele afrikanische Staaten haben Erfahrung mit Seuchen. Nigeria konnte die tödliche Ebola-Epidemie 2014 bis 2016 mit rund 11.000 Toten in Westafrika durch die akribische Kontakt-Verfolgung erfolgreich eindämmen.

Die meisten afrikanischen Staaten haben jahrzehntelange Erfahrungen mit flächendeckenden Impfkampagnen - gegen Polio oder Masern. In abgelegenen Dörfern zum Beispiel, mit mobilen Teams, die von Tür zu Tür gehen, erklärt der Arzt Muktar Muhammad. Er ist in der nationalen Covid-19-Task-Force Nigerias für den ländlichen Raum zuständig. "Die Herausforderung ist, Impfungen zu lagern und es logistisch zu schaffen, sie in schwierige Regionen zu transportieren. Im Norden des Landes gibt es Dörfer, die wir wegen Konflikten nicht so einfach erreichen können. Und wir können nur in Gegenden impfen, wo das Leben des medizinischen Personals nicht in Gefahr gerät."

Wie impfen in Krisengebieten?

Die Konflikte, von denen Muhammad spricht, spitzen sich zu. Terrorgruppen wie Boko Haram in Nigeria haben Millionen Menschen zu Vertriebenen im eigenen Land gemacht, viele leben in überfüllten Flüchtlingscamps. Jüngst kam es im Norden Nigerias zu Massenentführungen von Hunderten Schulkindern. Erst am Montag griffen Terroristen im Nordosten des Landes mehrere humanitäre Einrichtungen an. Erschwerte, teils lebensgefährliche Situationen, in die auch Medizinpersonal und Impfhelfer jederzeit geraten könnten. 

Nigeria kämpft mit vielen Herausforderungen - die Eindämmung der Pandemie ist noch dazu gekommen. Bis 2022 will Nigeria 70 Millionen Einwohner geimpft haben - die restlichen 130 Millionen werden also noch über ein Jahr warten müssen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 02. März 2021 um 22:49 Uhr in der ARD Infonacht.