Kinder in der ugandischen Flüchtlingssiedlung Nakivale | Antje Diekhans

Flüchtlinge in Uganda Sicherheit, aber kein neues Leben

Stand: 28.07.2021 04:10 Uhr

Am 28. Juli 1951 wurde die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnet. 70 Jahre später sind weltweit so viele Menschen wie noch nie auf der Flucht, doch aufgenommen werden sie oft von den ärmsten Ländern, etwa Uganda.

Von Antje Diekhans, ARD-Studio Nairobi

Vorbereitungen für das Abendessen: Juliette Ndinda facht in der Ecke eines Unterstands ein Feuer an, auf dem sie für ihre Kinder kochen will. Die Familie lebt in einer Flüchtlingssiedlung in Uganda.

Antje Diekhans ARD-Studio Nairobi

Vor einigen Monaten ist sie aus dem Kongo geflüchtet. Juliettes Mann war immer wieder verschleppt, von Milizionären unter Drogen gesetzt und sexuell missbraucht worden: "Irgendwann haben die Männer angefangen, die anderen Männer zu vergewaltigen", erzählt sie. "Sein Darm ist sehr verletzt worden. Erst konnte er noch gehen, aber dann war er dazu nicht mehr in der Lage."

Im Osten der Demokratischen Republik Kongo herrscht seit Jahren Krieg. Jeden Tag werden Menschen getötet. Wechselnde Milizen terrorisieren die Bevölkerung und setzen Vergewaltigungen als Kriegswaffe ein. Die Familie hoffte auf ein sicheres Leben in Uganda. Doch Juliettes Mann starb kurz nach der Ankunft an seinen schweren inneren Verletzungen. Weinend zeigt sie seine Sterbeurkunde: "Ich kann keinen Frieden finden. Ich habe immer noch ständig Angst und muss mich um meine Kinder kümmern. Das ist sehr schwer für mich."

Die Genfer Flüchtlingskonvention

Die Genfer Flüchtlingskonvention wurde am 28. Juli 1951 am europäischen Hauptsitz der UN in Genf verabschiedet und trat am 22. April 1954 in Kraft. Die Konvention galt zunächst nur für Menschen, die bis 1951 geflohen waren. Ein Protokoll von 1967 hob die zeitliche Beschränkung auf.
Laut Konvention gelten Menschen als Flüchtlinge, die ihr Herkunftsland verlassen mussten, weil sie wegen ihrer "Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung" verfolgt wurden.
Das Abkommen garantiert unter anderem den Schutz vor Benachteiligung im Aufnahmeland. Flüchtlinge können Gerichte anrufen und haben die gleichen religiösen Rechte wie die Einwohner des Landes. Sie haben darüber hinaus Anspruch auf einen Flüchtlingsausweis und dürfen nicht in ihr Herkunftsland zurückgeschickt werden. Allerdings können viele Flüchtlinge ihre Rechte wegen Geldmangel, der fremden Sprache und bürokratischer Hürden im Aufnahmeland nicht durchsetzen. Die Konvention gilt nicht für sogenannte Binnenflüchtlinge, die im eigenen Land auf der Flucht sind. Denn nach dem Völkerrecht haben die Regierungen die Pflicht, sich um das Wohl ihrer Bürger zu kümmern.
Von der Genfer Konvention zu unterscheiden ist der Globale Pakt für Flüchtlinge, den die UN 2018 verabschiedeten. Der Globale Pakt ist rechtlich nicht bindend, sondern eine politische Selbstverpflichtung, durch welche die internationale Kooperation bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise gestärkt werden soll.
Derzeit sind mehr als 82 Millionen Menschen auf der Flucht. Es sind Binnenflüchtlinge, Flüchtlinge und Asylsuchende.
Quelle: epd

Das größte Aufnahmeland Afrikas

Die Flüchtlingssiedlung heißt Nakivale. Sie liegt nicht weit entfernt von der Grenze zum Kongo. Uganda hat mehrere Krisenländer in der Nachbarschaft: Auch aus dem Südsudan, dem Sudan oder Burundi kommen Flüchtlinge. Es sind viele Schutzsuchende, um die sich außer der ugandischen Regierung auch das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen kümmert.

Für die Organisation ist Lachin Hasanova hier zuständig. Die Entwicklungsexpertin war für den UNHCR unter anderem schon im Jemen und im Südsudan. Sie sieht Uganda im Vergleich mit vielen Staaten als vorbildlich an: "Uganda nimmt auf dem afrikanischen Kontinent die meisten Flüchtlinge auf. Hier leben fast anderthalb Millionen Vertriebene. Das Besondere bei der Flüchtlingspolitik ist, dass die Menschen ein eigenes Stück Land bekommen und sich frei bewegen können."

Land und Grundausstattung gestellt

Den Geflüchteten werden etwa 600 Quadratmeter zugeteilt, worauf sie sich eine Unterkunft schaffen können. Das Land kommt von der Regierung, die Grundausstattung vom UNHCR. Die Flüchtlinge sollen die Chance bekommen, sich in Uganda ein Leben aufzubauen und dürfen Geld verdienen. Sie müssen nicht auf unabsehbare Zeit in einem Lager bleiben. Für viele ist der Neuanfang aber trotzdem schwierig.

Juliette Ndinda hat neben ihrem kleinen Haus zwar ein Maisfeld, aber der Ertrag allein reicht nicht, um ihre Kinder zu ernähren. Zusätzlich bekommt die Familie pro Person umgerechnet fünf Euro jeden Monat. Juliette wünscht sich mehr Unterstützung. Immer wieder gehe sie zum UNHCR- Büro, erzählt sie. Doch bisher habe sie niemand reingelassen: "Ich habe sie schon mehrfach bitten wollen, mir zu helfen. Aber wenn ich zu ihren Büros gehe, hört sich niemand meine Sorgen an."

Juliette und Chantal mit ihren Kindern in der Flüchtlingssiedlung Nakivale, Uganda | Antje Diekhans

Juliette und Chantal mit ihren Kindern in Nakivale. Bild: Antje Diekhans

Gemeinsam leben, einander trösten

Die Familie schläft im einzigen geschlossenen Raum auf dem Boden. Sie teilt sich die nicht mal zehn Quadratmeter mit einer Frau und ihrem Sohn, die sie in der Siedlung getroffen haben. Chantal Ntumba hatte großes Mitleid mit Juliette: "Sie ist jetzt ein Teil meiner Familie. Als ihr Mann starb, haben wir gesehen, dass sie am Boden zerstört war", erinnert sich Chantal. "Darum haben wir uns entschlossen, mit ihr zusammenzuleben, damit wir sie trösten können. Außerdem kann ich sie bei der Betreuung der Kinder unterstützen."

Die beiden Frauen sind eine Schicksalsgemeinschaft geworden. Sie können sich unterstützen und sich Kraft geben. Oft sind sie aber auch nur gemeinsam verzweifelt. In Uganda haben sie Sicherheit, aber noch kein neues Leben gefunden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Juli 2021 um 05:54 Uhr.