Brennende Barrikaden auf einer Straße in Mbabane (Eswatini) | AFP

Eswatini Aufstand gegen den König

Stand: 09.07.2021 14:29 Uhr

Mit brutaler Gewalt hat König Mswati III. die Proteste in Eswatini niederschlagen lassen, Dutzende Menschen kamen ums Leben. Zwar hoffen die Demonstranten auf Reformen - doch eine organisierte Opposition gibt es nicht.

Von Richard Klug, ARD-Studio Johannesburg

"Ich war gerade unterwegs, um etwas einzukaufen. Rings um mich herum waren Leute, die zur Arbeit gingen. Plötzlich fuhr ein Armee-Lastwagen auf uns zu", erzählt ein junger Mann aus Eswatini, der unerkannt bleiben will. "Die Soldaten haben ohne Vorwarnung auf uns geschossen. Auch ich wurde getroffen und ich bin am Straßenrand liegen geblieben. Ich versuchte aufzustehen, aber meine Beine waren ganz taub, und ich bin hingefallen. Einer der Soldaten sagte, ich solle gefälligst sterben." Schließlich wurde der junge Mann von Zivilisten in ein Krankenhaus gebracht und dort operiert. Eine Kugel war in seiner Wirbelsäule stecken geblieben.

Richard Klug ARD-Studio Johannesburg

In dem kleinen Staat zwischen Südafrika und Mosambik kommt es seit Wochen zu Protesten, die von den Sicherheitskräften brutal niedergeschlagen werden. Die Unruhen begannen, als im Mai unter ungeklärten Umständen ein Jura-Student ermordet wurde. Regimekritiker vermuteten die Polizei hinter dem Mord. Die Proteste nahmen schnell zu - zunächst friedlich. Als die Regierung es dann ablehnte, dass an den König Gesuche gerichtet werden konnten, - eine der wenigen Möglichkeiten, in Eswatini eine politische Meinung zu äußern -, kam es zu gewalttätigen Unruhen. Geschäfte und Autos gingen in Flammen auf, vereinzelt kam es zu Plünderungen.

Da die Polizei überfordert schien, setzte die Regierung die Armee ein. Die griff hart durch, bis zu 60 Menschen wurden getötet. Es gibt Fotos von gefolterten jungen Männern. "Tagsüber sieht man fast nichts, nur Patrouillen", sagt eine Südafrikanerin, die im früher Swasiland genannten Eswatini wohnte - und ebenfalls ungenannt bleiben will. "Aber nachts riegelt die Armee die Townships ab und geht von Haus zu Haus, zerrt die jungen Männer fort. So hat es die Apartheid-Regierung in Südafrika damals auch gemacht."

Die Karte zeigt Eswatini mit der Hauptstadt Mbabane.

Verärgerung über Vermittlungsangebote

Premierminister Themab Masuku regte schließlich vorsichtig an, man könne mit der Opposition doch einmal sprechen. Nur mit wem? Politische Parteien sind in Eswatini seit 1973 verboten.

Schließlich reiste eine Delegation der SADC an, der "South African Development Community", einer Staatengemeinschaft zur politischen und wirtschaftlichen Entwicklung im südlichen Afrika. Während die drei Außenminister Südafrikas, Botswanas und Simbabwes mit einigen Ministern Eswatinis sprachen, schafften es einige Oppositionelle, zu dem Meeting vorzudringen. Als ihnen erlaubt wurde, an den Gesprächen teilzunehmen, zogen sie wieder ab. Sie seien noch nicht vorbereitet, sagten sie. Mswati III. wiederum ist offenbar über die internationalen Versöhnungsversuche verärgert, so berichtet es die südafrikanische Zeitung "Mail & Guardian". Eswatini ist allerdings vor allem von Südafrika wirtschaftlich abhängig.

Die Menschen im Land, die sich auflehnen, sind fast alle jung und gebildet.  Sie wollen Demokratie, sie wollen Freiheit, vor allem aber wollen sie Arbeitsplätze und genug Geld, um überleben zu können. Eswatini gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Von einem Journalisten der englischen Zeitung "The Guardian" auf die Plünderungen angesprochen sagte ein Student: "Wir sind Freiheitskämpfer, keine Diebe. Die Plünderer kommen nicht von uns." Auch er wollte unerkannt bleiben.

Feuerwehrleute löschen nach den Unruhen in Eswatini einen in Brand gesetzten Lebensmittelmarkt | AFP

Bei den Unruhen wurden auch Geschäfte ... Bild: AFP

Ein ausgebrannter Lkw nach den Unruhen in Eswantini. | AFP

... und Lkw in Brand gesetzt. Bild: AFP

Afrikas letzter absolutistischer Herrscher

Prinz Makhosetive war 14 Jahre alt, als 1982 sein Vater König Sobhuza II. starb. Makhosetive ging damals in England zur Schule, zwei Ehefrauen von Sobhuza II. übernahmen für vier Jahre die Regentschaft. 1986 wurde der 18-Jährige schließlich als König Mswati III. vereidigt - der damals jüngste Monarch weltweit und mittlerweile der letzte absolutistische Herrscher des afrikanischen Kontinents. Er ernennt die meisten Parlamentarier, er ernennt auch den Premier- und andere Minister in Eswatini.

Besonders angreifbar macht Mswati III. sich durch seinen Lebensstil und den Lebensstil seiner 13, 14 oder 15 Ehefrauen - zu ihrer Anzahl gibt es widersprüchliche Angaben: Er hat mehrere Paläste, sammelt Luxus-Autos, seine Ehefrauen gehen im Ausland auf ausgedehnte Einkaufstouren. Das Vermögen der Königsfamilie wird auf mehr als 200 Millionen US-Dollar geschätzt.

Zwei Drittel der 1,2 Millionen Einwohner Eswatinis leben unterdessen unterhalb der Armutsgrenze, von weniger als einem US-Dollar pro Tag. Eswatini hat die höchste HIV-Infiziertenrate der Welt, die Corona-Pandemie hat das Land schwer getroffen. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 51 Jahren.

König Mswati III., Archivbild 2019 | picture alliance/dpa/AP

König Mswati III. kam als Achtzehnjähriger ins Amt - und leistet sich noch 35 Jahre später einen luxuriösen Lebensstil. Bild: picture alliance/dpa/AP

Kommt es zu Reformen?

Unruhen hat es in Eswatini seit Jahren immer wieder gegeben. Diesmal scheinen sie aber erfolgversprechend zu sein, wie zum Beispiel Chris Vandome meint, ein Experte des britischen Think Tanks "Chatham House": "Ein nationaler Dialog wäre der erste Schritt", sagt er. "Aber zunächst einmal muss die Regierung diejenigen anerkennen, mit denen sie sprechen wird."

Derzeit sind Banken und viele Geschäfte zwar noch geschlossen, das Internet wird immer wieder blockiert, aber der Wunsch nach demokratischen Reformen scheint ungebrochen. "Alles ist möglich", sagt ein Student aus Eswatini, der auch unerkannt bleiben will. "Zum ersten Mal überhaupt spricht die Regierung von der Möglichkeit, einen Premierminister auch wählen zu lassen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. Juli 2021 um 13:08 Uhr.