Eine Frau wird im kenianischen Machakos mit Covishield geimpft (Foto vom 24.03.2021). | picture alliance / ASSOCIATED PR

Covishield-Käufe der EU Afrikas Zorn auf "Zwei-Klassen-Impfung"

Stand: 05.07.2021 10:31 Uhr

Der Impfstoff Covishield ist in der EU nicht zugelassen, wird von ihr aber preiswert in Indien gekauft und nach Afrika gespendet. Dort wächst der Ärger: Sind Afrikaner "Geimpfte zweiter Klasse"?

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

John Nkengasong ist Chef der Gesundheitsbehörde Africa CDC, die seit dem Beginn der Covid-Pandemie um raren Impfstoff gekämpft hat. Nkengasong ist verärgert: Immer noch fehlen ihm Impfstoffe in großem Stil, gleichzeitig warnen Hilfsorganisationen vor einer katastrophalen neuen Coronawelle auf dem Kontinent, ein neuer Höchststand bei den Todesraten zeichnet sich ab. Und jetzt gibt es auch noch Streit mit der EU. "Die Steuerzahler sollten ihre Regierungen fragen, warum diese ihr Geld für Impfstoff aus Indien ausgeben, den nach Afrika bringen und dann nicht zulassen, dass die damit geimpften Leute nach Europa reisen können," sagt er im ARD-Interview.

Norbert Hahn ARD-Studio Nairobi

Vor allem durch die Einführung des digitalen EU-Impfpasses war aufgefallen, dass der in Afrika vorwiegend eingesetzte Impfstoff nicht von der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) zugelassen ist. Eingesetzt wurde bislang vor allem Covishield, das Lizenzprodukt von AstraZeneca, hergestellt vom Serum Institute von Indien. Die EU und ihre Mitgliedsländer haben Hunderte Millionen Dosen gespendet, die die zentrale Plattform der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Covax, für ärmere Länder einkaufen sollte. Die kaufte dann in Indien.

"Keine einzige Dosis" aus EU-Produktionsstätten?

Hier beginnen die Missverständnisse, denn das indische Institut war sich scheinbar nicht bewusst, dass die Zulassung der WHO nicht automatisch zur Zulassung durch das EMA führt. "Die EMA schaut jedes Mal, wie die Impfstoff-Herstellung an den einzelnen Standorten funktioniert," erklärt Katrin Hagemann, derzeit Leiterin der EU-Delegation am afrikanischen UN-Sitz Nairobi. "Und deshalb kann nicht allgemein AstraZeneca anerkannt werden, sondern es muss jeweils nach Standort entschieden werden."

Ein Stück meist wichtiger EU-Bürokratie, die in diesem Fall aber alte Wunden aufreißt - und neue gleich mit. "Wir haben respektiert, dass Covax sich entschieden hat, Covidshield zu nehmen. Das war nicht unsere Entscheidung, das war die Entscheidung von Covax", sagt Hagemann. Und dass Europa die Hälfte der Impfstoffe exportiert habe. Was aber auch klar ist: ein großer Teil der aus der EU exportierten Impfstoffe ging in andere Industrieländer - anfangs allein ein Viertel nach Großbritannien.

"Keine einzige Dosis ist aus den Produktionsstätten der EU nach Afrika gekommen," schimpft auch Strive Masiyiwa, Corona-Sonderbeauftragter der Afrikanischen Union (AU). "Die Hersteller haben uns gesagt, sie hätten genug mit Europa zu tun. Sie haben uns nach Indien verwiesen." Covax habe versprochen, bis zum Jahresende 700 Millionen Dosen nach Afrika zu liefern. Bis Mitte des Jahres seien aber weniger als 50 Millionen über Covax gekommen. 

EU-Delegation nennt Streit um Reiseimpfung "übertrieben"

Der Streit um die Anerkennung von Covishield als Reise-Impfung sei etwas übertrieben, meint Hagemann. Eine Reihe von EU-Ländern würden Covishield von sich aus anerkennen - außerdem könne man ja wie bisher einen Test vor der Einreise machen. Aber der Geist ist aus der Flasche und gibt den Blick frei auf die bitteren Realitäten. Im Mittelpunkt nun: die Europäer. "Sie haben so viele Leute geimpft, dass sie nun Fußball ohne Masken schauen können. Bei uns sind nicht mal ein Prozent der Menschen geimpft. Das sind die Fakten," sagt Strive Masiyiwa.

"Afrika protestiert gegen die Impf-Apartheid der EU", titelte am Wochenende der "East African", ein sonst eher gemäßigtes Blatt. Hinter dem Handeln der EU zu Covishield wird eine Zwei-Klassen-Impfstrategie vermutet. Die Helfer aus dem Norden haben nun ein PR-Problem, dass auch zum Problem für Covishield werden könnte. "Die Leute werden keinem Impfstoff trauen, um den es so viel Streit gibt", glaubt Ayoade Alakija von der Impfstoff-Taskforce der Afrikanischen Union. Schließlich sei Covishield - so wie das AstraZeneca-Präparat aus Europa ja auch - vorher immer wieder in der Diskussion gewesen. Einige Länder des Kontinents hatten ohnehin schon mit Impfskepsis zu kämpfen.

"Wann werden die Menschen in der Lage sein, ein normales Leben zu führen, wie Ihr es lebt, in Europa oder Nordamerika?", fragt John Nkengasong mit Blick auf seinen Kontinent. Es ist schwer zu ertragen, dass nicht einmal der CDC-Chef die Antwort darauf kennt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Juni 2021 um 08:10 Uhr.