Nigerianischen Soldaten in der Grenzregion mit dem Niger (Archivbild). | AFP

Nigeria Tausende Ex-Kämpfer von Boko Haram geben auf

Stand: 15.09.2021 05:23 Uhr

Laut Nigerias Armee haben jüngst tausende Boko-Haram-Kämpfer im Norden des Landes ihre Waffen abgegeben. Berichten zufolge plant die Regierung ein Reintegrationsprogramm.

Von Dunja Sadaqi ARD-Studio Nordwestafrika

Die Ex-Terroristen tragen bunte Schilder. Darauf steht: “Gebt auf und lebt” oder “Gebt auf und seid frei”. Mehrere tausend ehemalige Boko Haram-Kämpfer sollen laut nigerianischen Behörden ihre Waffen abgegeben und um Vergebung gebeten haben. Nigerias Regierung und Armee sehen die Aufgabe der Ex-Dschihadisten als Etappensieg im Kampf gegen den Terror im Land. 

Dunja Sadaqi ARD-Studio Rabat

Babagana Umara Zulum, der zuständige Gouverneur des Bundesstaates Borno, wirbt für die Reintegration der Kämpfer und ihrer Familien.

“Wenn wir den Krieg nicht endlos fortsetzen wollen, dann sehe ich keinen Grund, warum wir diejenigen ablehnen sollten, die sich ergeben wollen. Unter ihnen sind einige unschuldig, sie sind in diese Situation durch Zwang gebracht worden. Manche sind Teenager andere Kinder 11 , 12 Jahre alt. Damit ist die Unsicherheit durch Boko Haram aber nicht gelöst. Hier geht es um eine ganze Generation - ein Kämpfer hat ein, zwei Frauen im Busch und zehn Kinder, und diese Kinder wurden auch ausgebildet.”

Kämpfe mit rivalisierenden Terrorgruppen

Dass so viele Ex-Kämpfer aufgegeben haben und um Straffreiheit bitten, liege nicht nur am Anti-Terror-Kampf, sagt Sicherheitsanalyst Kabiru Adamu. Jüngst seien zwar verstärkt die Versorgungsketten der Terrormilizen angegriffen worden - für Benzin und Medizin. Allerdings hätten wohl eher die Kämpfe mit rivalisierenden Terrorgruppen viele zum Aufgeben getrieben.

“Ein Grund ist der Tod des Boko-Haram-Anführers Shekau, der im Endeffekt durch Kämpfe mit ISWAP, dem Ableger des islamischen Staates in Westafrika, der sich dann in die Enge getrieben umgebracht hat. Außerdem haben wir Informationen, dass ISWAP Top-Kommandeuren von Boko Haram die Möglichkeit gegeben hat, sich ihnen anzuschließen oder die Wälder zu verlassen und sich dem nigerianischen Militär auszuliefern - mit der Warnung, dass das Militär sie töten würde. Überraschenderweise haben sich trotzdem viele zum Aufgeben entschlossen, aber zum Nachteil von ISWAP  wurden sie nicht getötet.”

Das hätte sonst wohl zukünftig potentielle Aussteiger zu dem IS-Ableger getrieben. Ein klarer Beleg also für Nigerias erfolgreiche Anti-Terror-Strategie? Es kommt darauf an, sagt Analyst Kabiru Adamu.

“Für jeden Ex-Kämpfer und seine Familie sollte der erste Schritt sein: Bringt sie komplett aus dem Nordosten des Landes raus. Bringt sie in Rehabilitierungszentren. Und wenn sie dann da rauskommen, siedelt sie um. Bringt sie nicht in die Gemeinschaft zurück, in der sie einst radikalisiert wurden, und wo ihre Opfer sie sehen können. Denn es ist sehr wahrscheinlich, dass es sie frustrieren wird, wie man dort auf sie reagiert, und das wird andere demotivieren, die vielleicht auch aufgeben wollen. Das ist relativ sicher.”

40.000 Menschen Todesopfer

Wichtig sei auch, wie jetzt mit den Opfern von Boko Haram umgegangen und kommuniziert werde, sagt Adamu. Der schon 12 Jahre andauernde Konflikt zwischen Boko Haram und der Regierung Nigerias hat bislang etwa 40.000 Menschen das Leben gekostet und mehr als zwei Millionen zu Vertriebenen gemacht. 

Dass nun  Ex-Terroristen in die Gesellschaft reintegriert werden sollen - dieser Plan sorgt deshalb auch für Ängste und Unverständnis - gerade in Maiduguri, der Hauptstadt des nigerianischen Bundesstaates Borno im Norden des Landes. Hierher kommen Binnen-Flüchtlinge: Frauen, Kinder und Männer, die vor den Kämpfern der Terrormiliz Boko Haram geflohen sind. Oder die von der nigerianischen Armee aus ihren von Boko Haram-Kämpfern besetzten Heimatorten befreit wurden. Diese Menschen haben in aller Regel nichts mehr: Ihre Häuser sind meist zerstört worden, ihre wenigen Habseligkeiten haben sie verloren.

Warnung vor Folgen von Nicht-Integration

Bis heute warten hunderttausende solcher Opfer auf Unterstützung vom Staat. Viele unter ihnen fürchten, dass die Verbrechen der Ex-Kämpfer ungesühnt bleiben.  Rechtsanalytiker Barrister Buhari Yusuf sagt, dass der Umgang mit den Ex-Terroristen wesentlich sein könnte, um den unsicheren Nordosten des Landes zu stabilisieren.

“Das ist eine Gelegenheit. Lasst diese Ex-Terroristen nicht ohne andere Optionen zurück, als zurückzugehen und uns wieder zu bekämpfen. Ich rate der nigerianischen Regierung und der Regierung des Bundesstaat Borno, diese Gelegenheit beim Schopf zu packen und diese Leute ordentlich unterzubringen."  

Dass Terroristen aufgeben, ist für viele ein gutes Zeichen. Sogar für Eltern, deren Kinder von Terroristen wie Boko Haram entführt worden sind. Hosea Tsambido Abanaist ist Vorsitzender der Chibok-Community. Die sogenannten Chibok-Schulmädchen machten 2014 international Schlagzeilen, als 270 von ihnen von Boko Haram-Kämpfern entführt wurden. Viele von ihnen sind inzwischen freigekommen. Aber mehr als 100 der jungen Frauen gelten heute noch als vermisst. Hosea Tsambido Abanaist schöpft Hoffnung für weitere immer noch entführte Kinder.

“Wir sind sehr glücklich, und wir wollen, dass sowas weiter passiert, bis alle unsere Kinder zurück sind. Das Eingreifen der Armee und Verhandlungen haben uns nur einige unserer Kinder zurückgebracht. Wenn diese Art, die Kämpfer dazu bringt, aufzugeben: Ok, dann lasst sie kommen, die Vergewaltiger, und wir setzen uns an einen Tisch. Wir sind hoffnungsvoll.”

Südafrika oder Ruanda als warnende Beispiele

Seit Dezember 2020 werden in Nigeria massenhaft Schulkinder entführt - rund tausend Kinder und Studierende wurden mittlerweile gekidnappt. Oft von kriminellen Banden, die Lösegeld erpressen wollen. Es wächst die Sorge, dass die Banditen mit Extremisten kooperieren könnten. Die ehemaligen Boko-Haram-Kämpfer zum Aufgeben zu bewegen und sie in Deradikalisierungs- und Rehabilitationszentren unterzubringen, ist also nur ein erster Schritt. Die Erfahrungen aus anderen Ländern wie Südafrika oder Ruanda zeigen: Versöhnung braucht Zeit und die Arbeit mit beiden Seiten - Opfern und Tätern.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 15. September 2021 um 13:22 Uhr.