Eine Hand hält eine Dosis des AstraZeneca-Impfstoffs. | AP

Impfstoff-Verteilung "Pandemie hält durch Ungleichheit an"

Stand: 02.06.2021 04:18 Uhr

Die Kritik der WHO an der Verteilung der Corona-Impfstoffe wird vehementer. Sie spricht von einem Skandal und fordert ein Programm von 50 Milliarden Dollar. In Afrika sorgt man sich nicht nur um die erste Dosis.

Von Antje Diekhans, ARD-Studio Nairobi

Ein Dorf im Westen Kenias hat Besuch bekommen: Mitarbeiter aus dem Gesundheitsbereich sind mit einer blauen Kühlbox angerückt. Darin befinden sich Impfdosen von AstraZeneca. Die Älteren im Dorf sollen geimpft werden.

Antje Diekhans ARD-Studio Nairobi

Rose Akoth ist eine der Gesundheitshelferinnen, die bei den Impfungen dabei sind. Sie sieht die Aktion mit gemischten Gefühlen und macht sich Sorgen. Was passiert, fragt sie, "wenn die Leute nur die erste Dosis bekommen können? Damit sie richtig geschützt sind, müssten sie zweimal geimpft werden."

Doch in Kenia fehlt es an Nachschub, seit Indien keinen Impfstoff mehr exportiert. Etwa eine Million Menschen haben bisher ihre erste Dosis bekommen, weniger als zwei Prozent der Bevölkerung. Das Impftempo in Kenia ist damit aber noch schneller als in anderen Ländern auf dem Kontinent.

Drastische WHO-Kritik

Afrika steht bei der Verteilung hintenan, sagt der Chef der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Adhanom Ghebreyesus:

Die Impfkrise zeigt eine skandalöse Ungleichheit und führt dazu, dass die Pandemie anhält. Mehr als 75 Prozent aller Impfungen sind bisher in gerade einmal zehn Ländern verteilt worden. Es gibt keinen Weg, das diplomatisch zu sagen. Eine kleine Gruppe von Ländern, die fast alle Impfstoffe aufkaufen, bestimmt das Schicksal der restlichen Welt.

Gebraucht werden 50 Milliarden Dollar

Zusammen mit Vertretern von Weltbank, Welthandelsorganisation und des Internationalen Währungsfonds hat der WHO-Direktor einen Aufruf verfasst: 50 Milliarden Dollar seien notwendig, um die Pandemie in den Entwicklungsländern schneller zu beenden. Neue Infektionen und Todesfälle könnten so verhindert werden.

Gleichzeitig würden die Investitionen dazu beitragen, dass sich die Wirtschaft weltweit schneller erholt. In kurzer Zeit würde so ein Vielfaches der Ausgaben wieder hereingeholt.

Investiert werden soll unter anderem in die Produktion von Impfstoffen in Afrika. Die WHO-Direktorin Ngozi Okonjo-Iweala fordert zwar nicht direkt eine Aufhebung der Patentrechte. Es gehe aber langfristig darum, die nötigen Technologien und Wissen an Entwicklungsländer weiterzugeben. Und das, so die Direktorin, "muss schnell gehen, denn wir riskieren Menschenleben. Ich will nicht, dass wir Jahre brauchen, um hierüber zu verhandeln."

Früher Dosen abgeben

Außerdem appelliert die Weltgesundheitsorganisation an Länder, die ihr Gesundheitspersonal, Alte und Vorerkrankte schon durchgeimpft haben, etwas von ihren Dosen abzugeben. Eigentlich sei genug für alle da, meint WHO-Chef Ghebreyesus: "Die Zahl der weltweit verteilten Dosen wäre ausreichend gewesen, um alle Mitarbeiter im Gesundheitsbereich und alle älteren Menschen zu impfen, wenn sie gerecht verteilt worden wären."

In Kenia wie in vielen anderen afrikanischen Ländern ist ein großer Teil des Gesundheitspersonals noch nicht geimpft. Arzt Ngala Mwendwa arbeitet im größten öffentlichen Krankenhaus des Landes und hat immerhin schon eine Impfung mit AstraZeneca bekommen. Dass es in zwölf Wochen auch die zweite Spritze gibt - darauf könne er nur hoffen, sagt er.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Juni 2021 um 05:40 Uhr.