Pokal des Afrika Cups aus dem Finale 2019  | REUTERS

Streit vor Afrika Cup "Die Europäer sind Opportunisten"

Stand: 01.01.2022 11:14 Uhr

In wenigen Tagen beginnt mit dem Afrika Cup das wichtigste Fußballturnier des Kontinents. Doch im Vorfeld gibt es Unmut. Die europäischen Fußballvereine wollen ihre Spieler nur ungern abstellen. Ist Corona nur ein Vorwand?

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

Kamerun am Neujahrsmorgen: In Douala, der größten Stadt des Landes, haben sich viele Menschen auf diesen Jahreswechsel besonders gefreut. Denn bald ist es endlich soweit, am 9. Januar startet dort das größte afrikanische Fußballturnier - der Africa Cup of Nations. "Es ist wirklich schön", sagt Fußballfan Louis Djongang. "Ich kann es kaum erwarten." Joël Tchumamo ergänzt: "Dieses Mal organisieren wir das Turnier, und werden alle gut empfangen. So können sie sehen, dass auch wir in Kamerun den Fußball lieben. Er ist unsere Leidenschaft."

Caroline Hoffmann ARD-Studio Nairobi

Doch ungetrübt ist diese Freude nicht, denn immer wieder gibt es Diskussionen, ob das Turnier stattfinden soll - nicht bei den Afrikanern, sondern in Europa: wegen Corona. Die European Club Association (ECA) - die Interessensvertretung der europäischen Fußballvereine - hatte mit einem Brief sogar gedroht, die Spieler aus den europäischen Ligen nicht fahren zu lassen, wenn bestimmte Corona-Vorgaben nicht eingehalten würden. Viele in Kamerun sind wütend über diese Diskussionen. "Die Europäer sind Opportunisten", sagt Tchumamo. "Sie lassen keine Gelegenheit aus, uns Schwierigkeiten zu machen. Es wird Zeit, dass sie erkennen, dass alle ihre Fußball-Stars Afrikaner sind."

Kritik aus Europa

Der Konflikt ist schon älter. Seit Jahren wird der Afrika Cup von europäischen Clubs kritisiert. Er liegt im europäischen Winter und damit mitten in der Spielzeit der europäischen Ligen. Besonders in England ist das ein Thema, denn mehr als 30 Spieler der Premier League fallen bis zu einige Wochen für Spiele aus, wenn sie im Nationaltrikot auflaufen werden. In den britischen Medien ist wegen der Corona-Pandemie die Kritik in diesem Jahr besonders scharf.

Auch mehrere Bundesliga-Vereine müssen dann wohl auf Spieler verzichten. Beispielsweise wurde vom FC Bayern München Bouna Sarr und Eric-Maxim Choupo-Moting einberufen, der RB Leipzig hat etwa mit Ilaix Moriba einen Spieler der Nationalmannschaft Guineas im Team, Amadou Haidara soll für Mali auflaufen.

"Es geht mir auf die Nerven, dass die Europäer schon wieder ihre Interessen vertreten, und unsere Spieler für ihre Wettbewerbe konfiszieren wollen", sagt Fußballfan Frank Emmanuel Boiyong. "Und was sollen wir dann machen? Alles für Euch und nichts für Afrika. Ihr versucht immer noch alles, um hier die Kontrolle zu haben. Das ist doch traurig."

Klopp fühlt sich missverstanden

Nicht nur die Medien und der Verband kritisierten das Turnier: Liverpools Trainer Jürgen Klopp bezeichnete in der Vergangenheit den Wettbewerb angesichts des Zeitpunkts bereits als "Katastrophe" für seinen Verein. Im vergangenen Jahr sorgte er für Verärgerung, als er auf einer Pressekonferenz sagte, der Cup sei ein "kleines Turnier". Klopp fühlte sich missverstanden. "Ich habe nur gesagt, dass da noch ein Turnier ist. Das war ironisch gemeint. Es ist immer noch ein großes Turnier", sagte der Trainer. Liverpool verliere dadurch aber "seine besten Spieler". So würde unter anderem Mohamed Salah für Ägypten auflaufen.

Für viele Spieler ist die Situation frustrierend, denn zerteilen können sie sich nicht. Ajax-Amsterdam-Stürmer Sébastien Haller kritisierte in einem Interview mit der niederländischen Zeitung "De Telegraaf" den Umgang der Medien mit Spielern. Die Frage ob man dann lieber in den Niederlanden bleibe, um dort zu spielen zeige "den Mangel an Respekt für Afrika", sagte der ivorische Nationalspieler. "Würde diese Frage jemals einem europäischen Spieler vor den Europameisterschaften gestellt werden?" Patrick Vieira, Manager des englischen Clubs Crystal Palace, sieht es ebenso. "Ich glaube, dass der Wettbewerb mehr respektiert werden muss", sagte er. "Denn dieser Wettbewerb ist genauso wichtig wie die Europameisterschaften."

Unverständnis in Afrika

Vor allem die Diskussion, aufgrund der Corona-Situation die Spieler nicht für das Turnier freizugeben, sorgt auf dem afrikanischen Kontinent für Unverständnis. Solch ein Verhalten sei respektlos, sagte die ugandische Sportjournalistin Usher Komugisha in einem Interview mit dem Sender Al-Jazeera. "Es ist beleidigend", sagt sie, "denn Corona gibt es schließlich überall."

Derzeit kämpft gerade England mit Neuinfektionen in Rekordhöhe durch die Omikron-Variante. Immer wieder müssen Fußballspiele abgesagt werden. Und im Sommer hatte die Europameisterschaft trotz Corona in mehreren verschiedenen Ländern stattgefunden.

"Aber wir Afrikaner sind wertvoll"

In Kamerun halten einige Fans Corona für ein vorgeschobenes Argument, sozusagen hinter dem Virus versteckter Imperialismus. "Sie glauben immer noch, dass wir nichts wissen und wertlos sind", sagt Fußballfan Tchumamo. "Aber wir Afrikaner sind wertvoll." Und Christian Tsimi Feugeu ergänzt: "Es zeigt doch, wie sehr sie uns auch heute noch reinreden wollen."

Der ehemalige englische Nationalspieler Ian Wright geht in einer auf Instagram veröffentlichten Videonachricht am Donnerstag noch weiter. "Gibt es ein Turnier, das weniger respektiert wird, als der Africa Cup of Nations?", fragt er. "Es gibt für einen Sportler keine größere Ehre als sein Land zu vertreten." Besonders scharf greift er die britischen Medien an: "Die Berichterstattung ist völlig von Rassismus geprägt", sagt er. "Wir spielen unsere Europameisterschaften in zehn Ländern mitten in der Pandemie. Und es ist überhaupt kein Thema. Aber Kamerun als einziger Gastgeber soll jetzt ein Problem sein?"

Und auch der Umgang mit den Spielern zeige, wie viele Probleme es noch gibt. "Es werden Spieler gefragt, ob sie der Berufung in ihre Nationalmannschaft nachkommen werden", so Wright. "Stellen Sie sich vor, das wäre ein englischer Spieler, der die Three Lions vertritt. Können Sie sich die Aufregung vorstellen?" Und: "Wenn wir sie auf Vereinsebene lieben, warum können wir sie nicht auf internationaler Ebene lieben, wie ihre Kollegen auf der ganzen Welt? Warum bekommt dieses Turnier ständig so viel Kritik?"

In Kamerun wollen die Fans nun nach vorne schauen und bald endlich den Fußball genießen. Vier Wochen wird das Turnier dauern. 24 Teams sind mit dabei.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. Oktober 2021 um 19:45 Uhr.