Demonstranten mit einem Banner, auf dem Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmedzu sehen ist. | AFP

Bürgerkrieg in Äthiopien Neue Hoffnung auf Verhandlungen

Stand: 31.01.2022 11:36 Uhr

Tausende Menschen wurden seit Beginn des Bürgerkrieges in Äthiopien getötet, Millionen sind auf der Flucht. Der EU-Außenbeauftragte Borrell spricht von einer "schlimmen Lage", doch offenbar gibt es Chancen für Verhandlungen.

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

Es war ein Besuch unter Freunden - und davon kann Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed derzeit gar nicht genug haben. Am Wochenende traf er in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) Sheikh Mohammed bin Zayed Al Nahyan, den einflussreichen Kronprinz von Abu Dhabi. Militärexperten zufolge läuft inzwischen ein Teil des militärischen Nachschubs für die äthiopische Armee über die Emirate. Vor allen die VAE, China und die Türkei sollen dabei massiv mit Drohnen aushelfen, deren Luftschläge mit dafür verantwortlich sind, dass die Zahl ziviler Opfer steigt. Allein in der nördlichen Region Tigray seien in den ersten beiden Wochen des Jahres mindestens 108 Zivilisten getötet und weitere 75 verletzt worden, so das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte.

Norbert Hahn ARD-Studio Nairobi

In und um die nördliche Region wird seit November 2020 gekämpft. Abiy war militärisch gegen die dortige Regionalregierung vorgegangen, die zunächst in den Untergrund abtauchte. Die Rebellen stießen dann aber zeitweilig über Tigray hinaus in Richtung der Hauptstadt Addis Abeba vor, haben sich inzwischen jedoch wieder in ihre Region zurückgezogen.

5400 Tote durch Hunger und Krankheit

"Wir machen Druck auf alle Parteien, um zu zeigen, dass kämpfen und einander töten keine Lösung sind," erklärte der EU-Außenbeauftragte Josip Borrell am Wochenende in einem ARD-Interview in Nairobi. Er glaubt aber offenbar nicht, dass die Regierung in Addis Abeba alles tut, um Hilfe zuzulassen: "Ich rufe sie auf, humanitäre Hilfe für Menschen in Not durchzulassen. Es sind viele - die Lage ist sehr, sehr schlimm", so Borrell.

Nach Daten des Gesundheitsbüros der Region Tigray sollen allein zwischen Juli und Oktober 2021 mehr als 5400 Menschen - darunter viele Kinder - in Tigray an Hunger und Krankheit gestorben sein, als Folge einer humanitären Blockade durch die Zentralregierung und ihre Alliierten. Nur jedes fünfte Krankenhaus sei intakt und nur jede fünfte der kleineren medizinischen Außenstellen. Bei den Todeszahlen seien die Opfer der Kämpfe nicht eingerechnet, heißt es in dem Bericht, der im unabhängigen Nachrichtenportal "Ethiopia Insight" vorgestellt wurde. Die Zentralregierung gab keinen Kommentar, weist solche Zahlen aber für gewöhnlich als übertrieben zurück.

USA machen Druck auf Äthiopien

Nach Angaben des Welternährungsprogramms sind inzwischen 9,4 Millionen Menschen im Norden auf Hilfe angewiesen. Durch das zeitweise Vorrücken der Truppen aus Tigray war der Krieg insbesondere auch nach Amhara getragen worden, der Grenzregion zu Tigray und alliiert mit der Zentralregierung. Hier leben inzwischen fast 50.000 Menschen in Notunterkünften, so die UN.

Der Druck auf Ministerpräsident Abiy, im Konflikt einzulenken, ist in den vergangenen Wochen weiter gestiegen. Unter anderem ermahnte das Nobelpreiskomitee in Oslo den Friedensnobelpreisträger von 2019, er habe eine "besondere Verantwortung", den Krieg zu beenden. Insbesondere die USA machen weiter Druck auf Äthiopien, das nach Bevölkerung zweitgrößte Land Afrikas. Es spielt für die fragile Region am Horn von Afrika eine besondere Rolle.

Borell sieht Gelegenheit für Dialog

Der US-Sonderbotschafter für Äthiopien, David Satterfield, werde Ideen für einen Friedensprozess haben, hieß es in der vergangenen Woche aus dem American Public Affairs Commitee, einer wichtigen Diaspora-Gruppe. Die hatte sich zuvor mit Abiy getroffen. Abiy habe den "sehr ernsthaften Wunsch, diese Sache zu stoppen", so der Vorsitzende Mesfin Tegenu.

Das würde wohl nur über eine praktische Anerkennung der im Norden einflussreichen Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) gehen, die aber von der Zentralregierung als Terrorgruppe gebrandmarkt ist. Hier gibt es anscheinend etwas Bewegung: Ein TPLF-Sprecher erklärte, indirekte Kontakte hätten eine gewisse Annährung gebracht. Verhaltener Optimismus, der anscheinend auch vom EU-Außenbeauftragen Borrell geteilt wird: "Nun scheint es eine Gelegenheit für einen Dialog zu geben, um die Kämpfe zu stoppen und nach einem politischen Ansatz zu schauen," so Borrell gegenüber der ARD. Militärisch stecken die Konfliktparteien jedenfalls fest - Zeit, endlich die Vernunft siegen zu lassen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. Januar 2022 um 18:40 Uhr.