Soldaten der äthiopischen Armee gehen einer Straße entlang | AFP

Bürgerkrieg in Äthiopien Unerwartete Erfolge - und kein Kriegsende

Stand: 15.12.2021 07:13 Uhr

In Äthiopien haben die Kämpfer aus dem abtrünnigen Norden Rückschläge erlitten - eine Atempause für die bedrängten Regierungstruppen. Waffenlieferungen - auch mit NATO-Technik - spielen eine immer wichtigere Rolle.

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

Ein paar Steine, aufgeschichtet als provisorische Gräber. Ein Stück weiter ein paar Grabmale aus Beton mit Bildern der Toten, mal ein offizielles Passfoto, mal ein Stück aus dem Leben, mit Gitarre in der Hand. Leben, die genommen wurden, in einem Bürgerkrieg, der immer verbissener wird, immer blutiger - und in dem nach wie vor keine Rücksicht auf Zivilisten genommen wird.

Norbert Hahn ARD-Studio Nairobi

Die Gräber liegen in der Nähe der Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit in Nefas Mewcha, im Norden der Region Amhara. Es sind seltene Filmaufnahmen der Nachrichtenagentur Reuters, die Priester Merigeta Tsegaw Derrese zeigen. Er streckt seinen Arm aus, beschreibt mit dem Finger einen großen Halbkreis und sagt: "Das sind alles Zivilisten. Einige wurden gleich nach dem Besuch der Kirche getötet, einige nach Verlassen des Geländes, andere durch Schusswechsel, als der Feind aus Privathäusern schoss. Wieder andere waren taub oder behindert und konnten nicht fliehen", sagt der Priester.

Ein zerstörter Panzer in der Region Amhara (Äthiopien) | REUTERS

Ein zerstörter Panzer zeugt vom Kregsgeschehen in der Region Amhara (Äthiopien) Bild: REUTERS

Berichte über Kriegsverbrechen

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hat inzwischen sogar über standrechtliche Hinrichtungen von 49 Menschen in zwei Orten berichtet. All die Vorwürfe gehen in Richtung der Kämpfer der TPLF, der "Volksbefreiungsfront von Tigray", die sich seit einem Jahr einen Krieg mit der Zentralregierung von Ministerpräsident Abiy Ahmed in Addis Abeba liefert.

Auf Abiys Seite stehen seine äthiopische Armee (ENDF) und verschiedene regionale Milizen, vor allem aus Amhara und Afar, sowie die Armee des Nachbarlandes Eritrea. Gemeinsam mit der TPLF und ihrem militärischen Arm (TDF) kämpft insbesondere die Oromia Liberation Army (OLA).

Hunger und Milliarden für den Krieg

Es ist so, wie es klingt: kompliziert. Ein Land, das manche Experten schon als "failed state" sehen, als gescheiterten Staat, der in nur einem Jahr von einem echten Hoffnungsträger auf dem afrikanischen Kontinent zu einem schweren Problemfall für die ganze Region wurde.

Umgerechnet fast eine Milliarde Euro soll der Krieg das Land gekostet haben, so die UN - neuere Berechnungen sprechen aber schon vom doppelten Betrag. Das Welternährungsprogramm WFP geht von sieben Millionen Menschen aus, die schon jetzt darben und hungern.

Eine Zahl, die noch kräftig steigen könnte, denn es kommt eigentlich alles zusammen: Es gibt Dürre und Heuschrecken, die zu Ernteeinbußen führen. Mitunter kommen Bauern aber gar nicht dazu, ihr Feld zu bestellen. In Tigray war es ihnen insbesondere durch eritreische Soldaten bei Strafe verboten worden. Hier - wie auch auf der anderen Seite der Front - sind nun auch viele Landwirte mal mehr, mal weniger freiwillig zu Kämpfern geworden. Durch den Krieg produziert die Region also nicht mehr genug Lebensmittel, muss aber andererseits zehntausende Kämpfer ernähren.

Vormarsch in Richtung Hauptstadt

Es ist ein Kampf, der inzwischen große Teile des Landes erfasst hat. Das aufständische Tigray im Norden, das die Regierungstruppen und ihre Verbündeten vor einem Jahr komplett besetzt hatten, ist von den eigenen Truppen weitgehend "befreit" worden. Die TDF war durch die benachbarte Region Amhara marschiert, bis auf etwa 150 Kilometer vor die Hauptstadt Addis Abeba.

Höchste Zeit für den Ministerpräsidenten, in Camouflage-Uniform an der Front selbst nach dem Rechten zu sehen. Prompt wurden in der vergangenen Woche ein paar Städte zurückerobert und Feindeslinien durchtrennt. Der Feldherr konnte wieder zurück in die Hauptstadt reisen, nicht ohne inmitten seiner Truppen Dankbarkeit und Zuversicht zu zeigen:  "Das Land existiert wegen Euch", sagte Abiy vor laufenden Kameras. "Ihr sorgt dafür, dass Äthiopien weiterhin existiert, indem ihr an einem so kalten Ort schlaft und alle Opfer in Kauf nehmt. Der Feind ist besiegt worden."

Der Feind, so Abiy weiter, sei "ein schändlicher Dieb und Vergewaltiger, der keinen Respekt vor den Frauen und vor dem Land hat und der sich selbst entwürdigt hat und uns entwürdigen will".

In einem TV-Interview lobt Ähiopiens Präsident Abiy die Moral der Regierungstruppen | AP

Worte eines Kriegsführers: In einem TV-Interview lobt Ähiopiens Präsident Abiy die Moral der Regierungstruppen. Bild: AP

Vergewaltigung als Kriegswaffe

Tatsache ist, dass Vergewaltigung als Kriegswaffe nach Meinung von Menschenrechtsorganisation weiter an der Tagesordnung ist - betroffen sind derzeit drei Regionen, je nachdem, wo die Front gerade verläuft. Am Anfang waren die Frauen in Tigray den Regierungstruppen und ihren Verbündeten zum Opfer gefallen, nun gibt es mehr und mehr Fälle durch die tigrayischen Truppen in der Region Amhara.

So ähnlich verhält es sich auch mit allen anderen Verletzungen der Menschenrechte in diesem Krieg - vieles bleibt im Dunkeln, denn freie Berichterstattung ist ausdrücklich unerwünscht.

Kampfdrohnen aus der Türkei und China

Dass es überhaupt eine gewisse Wende zugunsten von Abiys Allianz gibt, ist wahrscheinlich auch auf massive Unterstützung der äthiopischen Armee durch das Ausland zurückzuführen. Kaum noch zu bestreiten ist, dass die Türkei "Bayraktar TB2"-Drohnen geliefert hat, die übrigens auch Technik der NATO-Partner enthalten können - auch, wenn Kanada und Österreich die Lieferung von Antrieben und optischen Teilen an den Hersteller seit Monaten gestoppt haben.

Die Chinesen sind mit ihrer ebenfalls bewaffneten Wing Loong-Drohne dabei, hinzu kommt Russland. Ein Großteil der Lieferungen kommt anscheinend über die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), die - wie alle anderen auch - ein wirtschaftliches und machtpolitisches Interesse daran haben, dass Äthiopien in ihrem Sinne wieder stabil wird.

Umgerechnet mehr als 25 Milliarden Euro Auslandsschulden soll Äthiopien inzwischen angehäuft haben - allein die Hälfte gegenüber China.

Eine "Bayraktar BT-2"-Drohne | AFP

Die Bayraktor-Drohne kam auch im jüngsten Waffengang zwischen Aserbaidschan und Armenien zum Einsatz. Bild: AFP

Gescheitert bei Friedensbemühungen

Es ist, wie es klingt: kompliziert. Viele Interessen, viele Spieler, in einem Krieg, der als angebliche "Polizeiaktion" begann, aber schnell und leise durch Waffenlieferungen internationalisiert wurde.

Weniger erfolgreich ist das Ausland bei der Vermittlung von Frieden, denn noch glauben beide Seiten, sie könnten gewinnen.  

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 03. November 2021 um 07:30 Uhr.