Soldaten der äthiopischen Armee sitzen auf einem Lkw der Armee. | AP

Vormarsch der Tigray-Kämpfer "Der Feind wird beerdigt - nicht Äthiopien"

Stand: 03.11.2021 21:38 Uhr

In Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba ist die Sorge vor einem Einmarsch der Tigray-Kämpfer groß: Die Bürgerkriegsfront rückt immer näher. Entsprechend nervös reagieren Ministerpräsident Abiy und seine Regierung.

Von Antje Diekhans, ARD-Studio Nairobi

Ein Zeitungsstand in der Hauptstadt Addis Abeba. Auf der Titelseite der neuesten Ausgabe sind Porträts von zwei Männern zu sehen: Ministerpräsident Abiy Ahmed und der Anführer der Volksbefreiungsfront von Tigray, zwischen ihnen eine Waffe.

Antje Diekhans ARD-Studio Nairobi

Der Konflikt zwischen der äthiopischen Regierung und der TPLF eskaliert. Die Volksbefreiungsfront scheint auf dem Weg Richtung Hauptstadt zu sein, das Militär ist in der Defensive. Doch Abiy will sich keinesfalls geschlagen geben: "In der Grube, die wir gegraben haben, wird der Feind beerdigt werden - nicht Äthiopien", sagte er bei einer Veranstaltung zum ersten Jahrestag des Kriegsbeginns. "Wir werden den Feind mit all unserer Kraft und unserem Blut schlagen, damit Äthiopien wieder ruhmreich aufsteigen kann."

Regierungstruppen sind demoralisiert

Die TPLF hatte jahrzehntelang die Politik in ganz Äthiopien bestimmt und auch das Militär dominiert. Als Abiy die Regierung übernahm, entmachtete er die alte Führungsclique nach und nach. Die politischen Auseinandersetzungen spitzten sich zu, bis es zur militärischen Konfrontation kam. Abiy setzte auf einen schnellen Sieg der Armee. Doch inzwischen ist die Truppe demoralisiert und hat der TPLF offenbar nicht mehr viel entgegenzusetzen. Die Regierung rief den Ausnahmezustand aus. Ein letzter Versuch der Mobilmachung.

"Der Ausnahmezustand macht es möglich, dass Bürger, die alt genug sind und eine Waffe haben, ein militärisches Training bekommen und sich der Armee anschließen", sagte Justizminister Gedion Timotheos. "Wer das nicht will, soll seine Waffen abgeben."

Hauptstädter fürchten Einmarsch der TPLF

In der Innenstadt von Addis Abeba scheinen zumindest einige bereit zu sein, dem Aufruf zu folgen. "Ich bin jung und kann in den Krieg ziehen", sagte ein Mann an einer Bushaltestelle der Nachrichtenagentur Reuters. "Ich werde direkt an die Front gehen." Diese könnte in den nächsten Tagen immer näher kommen - viele in der Hauptstadt fürchten einen Einmarsch der TPLF. "Sie sind schon in Städten, die nicht weit entfernt sind", sagte eine Frau. "Sie haben viele Kilometer bis dahin zurückgelegt. Ich denke, sie werden bis nach Addis Abeba ziehen."

Gespräche für eine friedliche Lösung schließen alle Konfliktparteien weiter aus. Abiy Ahmed beschuldigte die Volksbefreiungsfront und die mit ihr verbündeten Gruppierungen, Äthiopien in ein Bürgerkriegsland wie Libyen oder Syrien verwandeln zu wollen. Der Sprecher der TPLF warf Regierung und Militär im Gegenzug vor, angesichts der nahenden Niederlage eine "Schreckensherrschaft" errichten zu wollen. Die Fronten sind verhärtet. Nichtsdestotrotz soll heute und morgen der US-Sondergesandte für das Horn von Afrika in Äthiopien sein, um noch einmal einen Vermittlungsversuch zu unternehmen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 03. November 2021 um 22:15 Uhr.