Soldaten in der äthiopischen Region Tigray

Nach Militäroffensive Äthiopien erklärt Sieg in Tigray

Stand: 29.11.2020 10:21 Uhr

Die Regionalhauptstadt der abtrünnigen Region Tigray ist laut äthiopischer Regierung unter Kontrolle, die Militäroffensive abgeschlossen. Raketenangriffe auf die benachbarte Hauptstadt Eritreas lassen aber eine Ausweitung des Konflikt befürchten.

Die Hauptstadt der abtrünnigen Region Tigray steht nach Angaben der äthiopischen Regierung unter voller Kontrolle der Armee. Die Eroberung von Mekele bilde den "Abschluss" der vor fast vier Wochen gestarteten Militäroffensive, sagte Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed. Der Flughafen, öffentliche Einrichtungen und das Büro der Regionalregierung seien unter Kontrolle der Regierungstruppen.

Kurze Offensive

Die Offensive auf die Stadt mit ihren rund 500.000 Einwohnern hatte nur wenige Stunden gedauert. Der örtliche Fernsehsender Tigray TV berichtete, dass Mekele dabei heftig bombardiert worden sei. Nach Angaben der Regionalregierung wurde das Stadtzentrum mit "schweren Waffen und Artillerie" angegriffen. Zu den Zielen zählten demnach auch Zivilisten und Infrastruktur. Ministerpräsident Abiy erklärte hingegen, man sei vorgerückt, ohne dass Zivilisten Ziele gewesen seien.

Die Angaben sind nur schwer zu überprüfen, weil Internet- und Telefonverbindungen nach Tigray weitgehend gekappt sind und die Region von der Außenwelt abgeriegelt ist.

Suche nach TPLF-Anführern

Weiter sagte der Ministerpräsident, die Polizei suche nun nach den Anführern der Volksbefreiungsfront TPLF. Die TPLF kontrollierte bislang die Region Tigray. Die äthiopische Regierung wirft der Volksbefreiungsfront vor, im ganzen Land wieder die Kontrolle übernehmen und Unruhe säen zu wollen. Die TPLF dominierte drei Jahrzehnte lang die äthiopische Politik, bevor der aktuelle äthiopische Regierungschef 2018 an die Macht kam. Die TPLF erkennt Abiy nicht an. Internationale Forderungen zum Dialog lehnte der Regierungschef, der für seine Reformen erst 2019 den Friedensnobelpreis bekommen hatte, ab. Der Konflikt hält bereits seit Monaten an.

Am Donnerstag hatte Abiy seinen Truppen den Marschbefehl auf Mekele erteilt. Den Bewohnern der Stadt, die der TPLF die Treue halten, drohte seine Regierung mit einer gnadenlosen Bestrafung. Gleichzeitig versprach sie darauf zu achten, dass möglichst wenige Zivilisten zu Schaden kommen. Viele Bewohner Mekeles flohen daraufhin aus der Stadt.

Der äthiopische Minister für Demokratisierung, Zadig Abraha, versicherte jetzt im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP, es werde ein Korridor für humanitäre Hilfslieferungen eingerichtet, sobald sichergestellt sei, dass es keine Sicherheitsbedrohung gebe. Die Kommunikationsnetze in Tigray würden je nach entstandenem Schaden wiederhergestellt.

Berichten zufolge sind bei den Kämpfen bisher bereits Hunderte Menschen getötet worden. Mehr als 40.000 sind demnach bislang aus dem Konfliktgebiet geflohen. Die UN riefen zu Hilfen für die Tigray-Flüchtlinge auf. Man benötige dringend Spenden, um die Zehntausenden Flüchtlinge zu versorgen.

Raketenangriffe auf Eritreas Hauptstadt Asmara

Beobachter befürchten zudem, dass sich die Gefechte ausweiten und die ganze Region destabilisieren könnten. So ist auch Eritreas Hauptstadt Asmara erneut Ziel eines Raketenangriffs aus der benachbarten äthiopischen Unruheregion Tigray geworden. Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet, schlugen am Samstagabend mehrere Raketen in Asmara ein. Die dortige US-Botschaft erklärte, die Stadt sei am späten Abend von sechs Explosionen erschüttert worden.

Der Raketenangriff auf Asmara ist bereits der dritte seit der Eskalation des Konflikts Anfang November. Die TPLF hatte sich aber nur zu dem ersten Angriff vor zwei Wochen bekannt. Einen zweiten Angriff gab es am Freitag.

In Äthiopiens Nachbarland Eritrea herrscht schwere Unterdrückung. Rund zehn Prozent der Bevölkerung sind aus dem Land geflohen. TPLF-Anführer Debretsion Gebremichael erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, das eritreische Militär habe die Grenze überquert und Flüchtlingscamps in Tigray durchsucht. Eritreische Soldaten hätten dort Menschen gefangen nehmen wollen, die in der Vergangenheit aus Eritrea nach Tigray geflüchtet seien.

Die TPLF und Eritrea sind erbitterte Gegner, während der äthiopische Ministerpräsident Abiy gute Beziehungen zu dem Nachbarn unterhält.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. November 2020 um 09:55 Uhr.