Feldarbeiter pausieren am Rand von überfluteten Feldern im Nil-Delta | picture alliance / dpa

Ägypten und Äthiopiens Staudamm Kein Wasser zu verschwenden

Stand: 14.08.2021 15:12 Uhr

Äthiopien füllt nach und nach den Stausee des Grand Renaissance Damms am Blauen Nil. In Ägypten steigt deshalb die Nervosität, eine Kriegsdrohung steht im Raum. Denn die Landwirtschaft lebt vom Nil - auch wegen veralteter Methoden.

Von Alexander Stenzel, ARD-Studio Kairo

Für den Farmer Gamal Salah aus dem ägyptischen Nildelta ist der Megastaudamm in Äthiopien eine große Gefahr für die Landwirtschaft. Schon während der Bauphase des "Großen Äthiopischen Renaissance Damms" hat er eine Entscheidung getroffen: "Der Renaissance Damm hat mich dazu bewegt, mein Bewässerungssystem umzustellen, weil doch klar war, dass dann weniger Wasser fließen wird." Vor fünf Jahren verlegte er Schläuche auf seinen Feldern. Aus kleinen Düsen werden die Pflanzen gezielt bewässert. Er spart dadurch viel Wasser ein.

Alexander Stenzel ARD-Studio Kairo

Farmer Galal Salah gehört jedoch zu einer Minderheit. Die meisten Bauern in Ägypten bewässern ihre Felder noch wie zu Urzeiten, indem sie sie überfluten, so dass das kostbare Nilwasser zehn bis 30 Zentimeter hoch auf den Feldern steht. Eine gigantische Wasserverschwendung. Laut ägyptischem Agrarministerium werden rund 70 Prozent der Flächen noch mit dieser alten Methode bewirtschaftet. Hassan Shams vom Agrarministerium sagt, Ägypten habe aufgrund der Bevölkerungsexplosion schon vor dem Renaissance Damm mit Wasserknappheit zu kämpfen gehabt, nun aber verschärfe das Projekt der Äthiopier das Problem.

Ein Feldarbeiter steht an einem überfluteten Feld im Nildelta (Ägypten) | picture alliance / dpa

Ordentlich überfluten - nach dieser Methode verfahren viele ägyptische Bauern. Dabei wird die Ressource Wasser absehbar knapper. Bild: picture alliance / dpa

Das Wasservolumen wird sinken

In einer Studie aus dem Jahr 2020 für die Fachpublikation "nature communications" errechneten Wissenschaftler aus Großbritannien und den USA in der Auffüllphase starke Wasserverluste für Ägypten. Das Wasservolumen im ägyptischen Assuan Stausee sinkt demnach von dem derzeitigen Spitzenwert von ca. 150 km³ auf ca. 70 km³ Wasser. Nach der Befüllungsphase, so die Autoren der Studie, komme zwar wieder mehr und ausreichend Wasser am Assuan Staudamm an, aber es werde im Schnitt weniger sein, als wenn der äthiopische Staudamm nicht gebaut worden wäre. Denn in dem äthiopischen Stausee werde es zu deutlichen Verdunstungsverlusten kommen. Ägypten kann also nicht mehr so aus dem Vollen schöpfen wie in der Vergangenheit.

Erschwerend kommt hinzu, dass die äthiopische und die ägyptische Regierung bisher zu keiner Vereinbarung gekommen sind, wie zum Beispiel die Befüllungsphase gestaltet wird. Die ägyptische Regierung möchte ein langsames Tempo, die äthiopische Regierung will dagegen den Damm möglichst schnell füllen, damit viele Turbinen Strom produzieren.

Eine andere offen Frage ist: Wie viel Wasser lässt Äthiopien im Falle einer Dürreperiode durch den Damm? Zu wenig Wasser in der Landwirtschaft könnte in Ägypten eine bedrohliche Lebensmittelkrise auslösen. Hier ist klar zu erkennen, dass Wasser eine Waffe sein kann. Ägyptens Präsident Sisi machte im März klar, dass für ihn der Nil eine Frage der nationalen Sicherheit ist: "Ich sage es jedem, dass niemand Ägypten auch nur einen Tropfen Wasser wegnehmen kann. Wenn es jemand versuchen will, soll er es versuchen."

Umstellung nur freiwillig

Ob damit auch Krieg im Falle einer Wasserknappheit eine Option wäre, ist nicht klar. Um das zu vermeiden, wäre Ägypten gut beraten, mit dem alten Überflutungssystem nicht weiter Unmengen von Wasser zu verschwenden. Doch das Problem wurde bisher nicht konsequent angegangen. Immerhin bekommen seit diesem Monat Farmer einen zinslosen Kredit, um in wassersparende Systeme investieren zu können. Aber es bleibt bei dieser existenziellen Frage beim Prinzip der Freiwilligkeit. Die Bauern können investieren, müssen aber nicht.

Und viele, wie zum Beispiel Abdel Al-Wardany, wollen nicht. Sein Boden sei nur für das Überflutungssystem geeignet, glaubt er. Diese Einschätzung ist auf den ägyptischen Feldern oft zu hören. Zudem bezweifelt er, dass die Bauern die regelmäßigen Raten für einen Kredit aufbringen können.

Das sieht auch sein Kollege Gamal Salah als ein Problem. Er habe für einen Fedan, das sind 0,42 Hektar, umgerechnet 1000 Euro in das viel effizientere System investieren müssen. Das ist für die meist armen Bauern ein sehr hoher und damit abschreckender Betrag.

Aber Gamal sagt, bei ihm habe sich die Investition gelohnt. Durch die gezielte Bewässerung spare er Dünger, der bei der Überflutungsmethode weggespült werde. Er ist davon überzeugt, dass es über kurz oder lang es keine Alternative zu modernen Bewässerungssystemen gibt. Er habe mit seinem Schlauchsystem 70 Prozent an Wasser eingespart. Da in Ägypten das meiste Wasser in der Landwirtschaft verbraucht werde, wäre dies eine sehr gute Möglichkeit, um negative Folgen des äthiopischen Renaissance Damms abzuwehren.

Blick auf den Grand Ethiopian Renaissance Dam während der Bauphase | AFP

Der Große Renaissance Damm ist 1,8 Kilometer lang und 145 Meter hoch. Mit 5000 Megawatt Jahresleistung soll er eines der größten Wasserkraftwerke Afrikas werden. Nach Auskunft der Regierung ist er inzwischen nach der zweiten Flutung zur Stromproduktion bereit. Bild: AFP

Über dieses Thema berichtete SWR2 am 15. Januar 2021 um 16:05 Uhr.