Interview

Interview zum Luftangriff in Kundus "Es herrscht Wut - aber auch Zustimmung"

Stand: 07.09.2009 16:09 Uhr

Es ist unklar, ob Zivilisten bei dem Luftangriff bei Kundus starben, der auf deutsche Anforderung hin geflogen wurde. Neben großer Wut gibt es laut ARD-Korrespondent Florian Meesmann auch Stimmen innerhalb der afghanischen Bevölkerung, die härtere Maßnahmen gegen Taliban fordern.

tagesschau.de: Herr Meesmann, wie ist die Stimmung in der afghanischen Bevölkerung nach dem Luftangriff?

Florian Meesmann: Recht differenziert: Unter den Dorfbewohnern in der Region um Kundus herrscht große Wut darüber, dass Zivilpersonen unter den Opfern sein könnten. Es gibt aber auch Stimmen, die das harte Vorgehen gegen die Taliban befürworten und sogar noch härtere Maßnahmen fordern.

tagesschau.de: Welche Stimmen überwiegen?

Fallschirmjäger-Patrouille bei Kundus
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Fallschirmjäger-Patrouille bei Kundus

Meesmann: Das hängt sehr davon ab, wo man fragt. In Kundus scheint sich das die Waage zu halten. Hier in Kabul gibt es viele Stimmen, die den Angriff befürworten. Es gibt aber auch Stimmen wie die von Präsident Hamid Karsai, der den Angriff im Interview mit einer französischen Zeitung harsch kritisierte.

Es kann sein, dass sich der Vorfall nie aufklären wird

tagesschau.de: Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass keine Zivilisten bei dem Angriff getötet wurden?

Meesmann: Es kann sein, dass man das niemals aufklären kann. Die Taliban tragen keine Uniform. Es ist nicht erkennbar, ob es sich bei einer Leiche um einen Taliban handelt oder um einen Dorfbewohner, der mit seinem Trecker einen feststeckenden Tanklastzug freischleppen wollte. Außerdem sind bei der Explosion der Tankwagen viele Leichen bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Man muss jetzt abwarten, was man überhaupt noch herausfinden kann. Dass es verletzte und auch tote Zivilisten gegeben hat, wird jetzt allerdings immer wahrscheinlicher.

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Eindrücke vom Angriffsort

Zwei ausgebrannte Tanklaster und mehr als 100 Opfer - Bilder eines Luftangriffs.

Ausgebrannte Ölfässer nach Luftschlag

Wie viele Zivilisten sich zum Zeitpunkt des Angriffs in der Nähe befanden, blieb lange unklar? Die afghanische Polizei berichtete von Schaulustigen und Personen, die sich kostenloses Benzin erhofften.

Man muss aber auch berücksichtigen, dass Bilder lügen können: Aufnahmen aus Krankenhäusern, auf denen angeblich verletzte Zivilisten zu sehen sind, beweisen nichts. Das können ebenso gut Taliban sein, die sich als Zivilisten ausgeben. Da ist größte Vorsicht geboten, bevor man zu endgültigen Urteilen kommt.

tagesschau.de: Diese Unterscheidung zwischen Taliban und Zivilisten ist aber auch in der Nacht und aus der Luft sehr schwierig.

Meesmann: Die Bundeswehr hat uns versichert, dass man sich um größtmögliche Vorsicht bemüht hat und dass man sich an die neuen ISAF-Einsatzrichtlinien gehalten hat, die der neue Befehlshaber Stanley McChrystal im Juni erlassen hat. Neben Luftaufklärung hat man angeblich auch mit geheimdienstlichen Informationen gearbeitet. Nach Aussage der Bundeswehr ergab sich ein Bild, wonach mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zivile Opfer ausschließen konnte.

Retourkutsche der NATO-Partner?

tagesschau.de: Wie erklären Sie sich die sehr schnelle Verurteilung der Bundeswehr auch durch NATO-Partner?

Meesmann: Gerade die amerikanischen und britischen Soldaten sind viele Jahre von den übrigen Europäern nach Luftangriffen mit zivilen Opfern massiv kritisiert worden. Deutsche Offiziere diskutieren, ob diese ungewöhnlich frühe und scharfen Kritik eine Retourkutsche ist, nach dem Motto: "Ihr habt uns jahrelang dafür kritisiert, warum sollten wir jetzt freundlicher oder nachsichtiger mit Euch umgehen als Ihr es in der Vergangenheit mit uns getan habt?"

tagesschau.de: Wie ist die Stimmung der Bundeswehrsoldaten vor Ort?

Deutsche Bundeswehrsoldaten in Kundus
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Deutsche Bundeswehrsoldaten im Feldlager Kundus neben ihrem Transportpanzer vom Typ "Fuchs".

Meesmann: Viele Soldaten sind darüber erschrocken, dass ihr Einsatz in Deutschland jetzt unter einem Generalverdacht steht. Insbesondere über die Anfeindungen, denen nun Oberst Georg Klein ausgesetzt ist, der Kommandeur des Bundeswehrlagers in Kundus. Wir hatten häufig Gelegenheit, mit ihm zu reden. Georg Klein ist ein äußerst besonnener Offizier, der als geradezu zurückhaltend gilt. Man kann davon ausgehen, dass er mit eben dieser Besonnenheit den Befehl zum Luftangriff gegeben hat. Viele Soldaten können nicht verstehen, dass ihr Auftrag nun bezweifelt wird, ohne dass überhaupt jemand genau weiß, was da am vergangenen Donnerstag geschehen ist.

tagesschau.de: Im Kreuzfeuer der politischen Debatte hier in Berlin steht Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung. Auch bei den Soldaten in Afghanistan?

Meesmann: Nicht generell. Aber auch hier fragen sich viele, auch außerhalb der Afghanistanschutztruppe, ob es klug war, sich wenige Stunden nach dem Angriff darauf festzulegen, dass es auf gar keinen Fall zivile Opfer gegeben hat. Diese frühzeitige Festlegung kritisieren viele Beobachter in Afghanistan. Denn man kann nie ausschließen, dass es zu zivilen Opfern kommt. Man kann das Risiko bestenfalls minimieren.

Das Gespräch führte Nicole Diekmann, tagesschau.de.

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