Mikroskop-Aufnahme einer infektiösen Mononukleose durch das Epstein-Barr Virus im Blutbild. | picture-alliance / OKAPIA KG, Ge

Epstein-Barr-Virus Impfung bald möglich?

Stand: 04.11.2022 05:39 Uhr

Die allermeisten Menschen infizieren sich irgendwann mit dem Epstein-Barr-Virus. Zwar ist der Verlauf fast immer harmlos - das Virus kann aber Multiple Sklerose vermutlich verursachen. Kommendes Jahr soll ein Impfstoff getestet werden.

Von Daniela Remus, NDR

Verglichen mit einem Virus wie beispielsweise Ebola, das eine Sterblichkeit von bis zu 90 Prozent haben kann, erscheint das Epstein-Barr-Virus (EBV) auf den ersten Blick als harmloser Langeweiler, sagt Professor Wolfgang Hammerschmidt vom Helmholtz Zentrum in München.

Das Epstein-Barr-Virus ist ein sehr, sehr häufiges, weitverbreitetes Herpesvirus. Diese Herpesviren haben ungewöhnliche Eigenschaften vor allem deshalb, weil sie sich wahrscheinlich über die Jahrmillionen an die Menschenaffen und dann letztendlich auch an den Menschen anpassen konnten. Das heißt, das evolutionäre Konzept hier ist der Erfolg, möglichst alle Menschen zu infizieren.

Im Gegensatz zu akut infektiösen Viren, die nach einer Infektion aus dem Körper wieder verschwinden, verbleibt das EBV-Virus im Organismus. Sozusagen undercover nistet es sich lebenslang in den menschlichen Zellen ein - in den meisten Fällen ohne krank zu machen. Aber das gilt nur, wenn der Erstkontakt mit dem Virus als Säugling oder Kleinkind stattfindet.

Später Erstkontakt kann schwere Folgen haben

Ein späterer Erstkontakt, zum Beispiel in der Pubertät, ist weniger harmlos. Pfeiffersches Drüsenfieber heißt dann die Erkrankung, die die Betroffenen wochenlang mit Fieber ans Bett fesselt und in 13 Prozent der Fälle zu einem schweren, monatelangen Erschöpfungssyndrom führt. Ziel sei es deshalb, eine Erkrankung in dieser Altersgruppe zu verhindern, so Wolfgang Hammerschmidt.

Der Professsor hat gemeinsam mit anderen Forschenden einen Impfstoff gegen das Virus entwickelt, um das Pfeiffersche Drüsenfieber zu verhindern, das wissenschaftlich infektiöse Mononukleose genannt wird. Der Impfstoff, der bereits von einem Pharmaunternehmen produziert wird, soll nächstes Jahr in eine klinische Prüfung gehen, also am Menschen getestet werden.

Das Vakzin enthält keine echten Bestandteile des Virus, sondern hergestellte virusähnliche Partikel. Weil das ein neues Verfahren ist, besteht trotz erfolgversprechender Daten aus dem Labor durchaus das Risiko, dass der Impfstoff nicht so wirksam ist, wie erwartet, räumt Wolfgang Hammerschmidt ein. Aber:

Auf der anderen Seite haben wir hier den großen Vorteil, dass wir einen sehr komplexen Impfstoff herstellen können, der 70 Prozent aller Proteine dieses Virus beinhaltet. Das heißt, wir gehen einen komplett neuen Weg, der jetzt tatsächlich für eine Impfstoffherstellung in der Form noch nie gegangen worden ist.

EBV kann entscheidende Rolle spielen bei MS

Auch Professor Nicholas Schwab von der Uniklinik in Münster hält eine Impfung gegen das Epstein-Barr-Virus für ausgesprochen wünschenswert. Denn mit seinen jüngsten Forschungen konnte er bestätigen, was andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermutet hatten: Dass EBV eine entscheidende Rolle spielen kann bei der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose, kurz MS. Herausgefunden haben die Münsteraner Forschenden diesen Zusammenhang über einen Umweg: Sie haben nämlich untersucht, wie gut die T-Zellen des Immunsystems gegen das Virus gewappnet sind:

Und dann haben wir herausgefunden, dass die MS-Patienten eben nicht nur eine normale Menge von verschiedenen T-Zellen gegen das Epstein-Barr-Virus hatten, sondern darüber hinaus noch mehr. Also eine ungewöhnlich hohe Anzahl an verschiedenen Rezeptoren aufweist. Und das ist eben nur der Fall bei Epstein-Barr und nicht bei anderen Viren, die wir angeguckt haben. Und daraus haben wir geschlossen, dass die Immunantwort bei MS-Patienten gegen das Epstein-Barr-Virus breiter aufgestellt ist, als sie es eigentlich sein müsste.

Breiter aufgestellt heißt: Das Immunsystem hat stärker reagiert als es nötig wäre, um das Virus in den Griff zu bekommen. Nach dieser Abwehrphase aber verbleiben die übermäßig aktivierten Abwehrzellen im Körper und stören Prozesse wie beispielsweise die Nervenweiterleitung, was dann zur Multiplen Sklerose führen kann. Eine Erkrankung mit dem Pfeifferschen Drüsenfieber erhöht das Risiko für überaktivierte Immunzellen, weil das Immunsystem in dieser späteren Phase der menschlichen Entwicklung offenbar mit dem Virus nicht mehr gut klarkommt.

Wenn man eine EBV-Infektion früher durchmacht und diese Infektion dann entsprechend normaler abläuft, dann ist das besser für uns. Wenn sie zu spät abläuft, dann kann man Pfeiffersches Drüsenfieber bekommen, das ist ein sehr großer Risikofaktor für die Entwicklung einer MS.

Immer mehr Menschen erkranken in Deutschland an MS, Tendenz steigend. Genauso wie die Fälle mit Pfeifferschem Drüsenfieber. Die Forschenden erklären dieses Phänomen damit, dass sich der Erstkontakt mit dem Epstein-Barr-Virus durch gute Hygiene und medizinische Versorgung kontinuierlich nach hinten verschiebt. Und deshalb ist das EBV für die Forschenden schon lange kein harmloser Langeweiler mehr.

Über dieses Thema berichtete das Gesundheitsmagazin "Visite" am 01. März 2022 um 20:15 Uhr im NDR Fernsehen.