Fischtrawler auf dem Meer | VICKIE FLORES/EPA-EFE/Shuttersto

WTO ringt um Fischereiabkommen Warum bis zur letzten Gräte gekämpft wird

Stand: 14.06.2022 18:41 Uhr

Riesige Trawler, die alles leerfischen, aber auch unzählige kleine Fischer bedrohen die Bestände: Weltweit tobt ein erbitterter Verteilungskampf um das wertvolle Protein. Helfen könnte die Welthandelsorganisation.

Von Jule Reimer, Deutschlandfunk

Der Appell des kolumbianischen Botschafters der Welthandelsorganisation (WTO), Santiago Wills, ist deutlich: "Unsere Ozeane bedecken 70 Prozent des Planeten, stellen 80 Prozent der Artenvielfalt, ernähren Milliarden Menschen. Es ist unser Job, dies für kommende Generationen zu bewahren." Die WTO-Mitgliedsstaaten sollten nicht gegeneinander verhandeln, "sondern gegen die gnadenlose Erschöpfung der globalen Fischbestände", fordert Wills.

Seit 20 Jahren ringen die 164 WTO-Mitgliedsstaaten um ein Fischereiabkommen. Wer es unterschreibt, verpflichtet sich, die illegale Fischerei zu verfolgen. Und Subventionen für die eigenen Flotten oder Kleinfischer abzubauen, falls sich Fischbestände als gefährdet erweisen. Wirtschaften auf Kosten der Natur würde zum ersten Mal ganz direkt als Preisdumping behandelt, was WTO-Schiedsgerichte verurteilen könnten.

Sehe beispielsweise Mauretanien seine Fischbestände als gefährdet an, könnte es gegen die fremden Flotten vorgehen, erklärt Francisco Mari, Fischereiexperte bei der evangelischen Entwicklungsorganisation "Brot für die Welt": "Mauretanien hat ja ein Abkommen mit China und auch mit der EU. Dann könnte es für den Zeitraum, bis China die Subventionen abbaut, Strafmaßnahmen erheben, auch wenn die Schiffe legal fischen."

Entwicklungsländer beklagen "Schieflage"

Doch der Abkommensentwurf habe gehörig Schieflage, schimpfen viele Entwicklungsländer. Angefangen bei der Frage, wie sich "illegal" definiert. Für viele arme Küstenbewohner ist es eine Herausforderung, sich offiziell als Fischer registrieren zu lassen oder in nachhaltige Fangmethoden zu investieren.

Das verlangte Monitoring der Fischbestände als Voraussetzung, um überhaupt Subventionen an Fischer zahlen zu dürfen, stelle ihr Land vor größte Herausforderungen, erklärt die WTO-Botschafterin des Inselstaates Mauritius: "Wir haben nicht viel Land, aber im Fall von Mauritius sind die Küstengewässer so groß wie die Deutschlands und Frankreich zusammen." Und sie weist etwas süffisant darauf hin, dass der geplante Reform-Unterstützungsfonds besser als vorherige WTO-Fonds angelegt sein müsse. Denn diese zeigten wenig Wirkung, weil die Antragsprozeduren für Entwicklungsländer zu kompliziert waren.

Auch Kleinfischer bedrohen Bestände

Auf der Webseite fischbestaende-online.de gibt das staatliche Thünen-Institut für Ostseefischerei in Rostock einen Überblick über die Fischbestände weltweit. Es wird geleitet von Christopher Zimmermann. Er weist darauf hin, dass genauso wie große Flotten auch viele Kleinfischer gemeinsam mit nicht nachhaltigen Fangmethoden Fischbestände unter Druck bringen können. Und er warnt, jede Subvention als schlecht über einen Kamm zu scheren:

Es gibt natürlich gute Subventionen, wenn es zum Beispiel um die Anschaffung von nachhaltigeren Fanggeräten, selektiveren Fanggeräten geht. Aber es gibt eben auch fast immer schädliche Subventionen. Wenn es zum Beispiel um Treibstoffbeihilfen geht, die dazu führen, dass Fahrzeuge auch auf längst überfischte Bestände weiter fischen, weil die die Kosten so viel geringer sind als sie sonst wären, wenn der normale Preis bezahlt würde.

Zankapfel Tankgutscheine

Verärgert sind viele Entwicklungsländer darüber, dass Tankgutscheine für Kleinfischer als spezifische Subvention gelten, bei der WTO angemeldet und meistens nicht genehmigt werden. Die Mehrwertsteuerbefreiung für Schiffsdiesel, wie sie in den USA oder der EU praktiziert wird, ist dagegen als sogenannte unspezifische Subvention erlaubt. Darüber hinaus fördern viele Regierungen der reichen Länder und auch China ihre Flotten noch mit weiteren Geldern.

Experte Mari von "Brot für die Welt" fürchtet, dass die Industriestaaten beim jetzigen Abkommenstext an ihren großen Flotten gar nicht ändern müssen, obwohl sie in fremden Gewässern unterwegs sind und für den Hauptteil der bisherigen Überfischung verantwortlich seien.

"Wahnsinniger Aufwand für Entwicklungsländer"

Die EU habe ihre Fischereimethoden bereits mit viel Geld auf nachhaltig umgestellt. Auf die Entwicklungsländer, besonders die mit großen Küstenlinien, käme jetzt ein wahnsinniger Aufwand zu: "Deswegen fordern die Entwicklungsländer, vor allem auch Indien, einen viel, viel längeren Übergang bis tatsächlich eine Verwaltung und ein Management aufgebaut sind, dass die Regeln für die Ausnahmen zur Subventionierung überhaupt Erfolge werden können", so Mari.

Die Aussichten sind kompliziert: Indien will dem Vernehmen nach dem WTO-Fischereiabkommen nur zustimmen, wenn es im Agrarsektor Mindestaufkaufpreise für die Ernte eigener Bauern durchsetzen kann. Die hält die Regierung für notwendig, um über Lagerhaltung die eigene Bevölkerung in Notzeiten versorgen zu können. Große Agrarexportländer wiederum verdächtigen Indien, die Vorräte auch auf dem Weltmarkt absetzen zu wollen.

Tropen als Verlierer des Klimawandels

Doch egal, ob es zu einem Fischereiabkommen kommt oder nicht: In Genf fehlt ein wichtiger Player am Tisch: Die Klimaerwärmung. Und die hat Folgen, warnt Thünen-Wissenschaftler Zimmermann: "Nach allem, was wir wissen, wird der Klimawandel vor allen Dingen dafür sorgen, dass die Fischbestände polwärts wandern, nämlich den Temperaturen folgen."

Am anderen Ende der Skala würden dann die größten Verlierer in den Tropen sitzen. "Denn da werden sich die Gewässer so erwärmen, dass keine Fische aus noch wärmeren Gebieten nachkommen können." Also genau in den Gebieten, in denen die Abhängigkeit von Fisch als Proteinlieferant am höchsten ist.