Baukräne am Rheinauhafen in Köln

Positive Berichte über deutsche Wirtschaftspolitik Britische Presse lobt Rheinischen Kapitalismus

Stand: 10.11.2010 09:23 Uhr

Beim Thema Deutschland ist die britische Presse gerne auf Klischees fixiert. Doch derzeit gibt es ganz andere Töne: Grund ist die Wirtschaft, die in Deutschland brummt, in anderen Staaten aber eher schwächelt. "Sie lassen Großbritannien hinter sich", schreibt die "Times". Und auch sonst gibt es viel Lob.

Von Barbara Wesel, RBB-Hörfunkkorrespondentin London

Es war an einem schönen Oktobertag, da stand BBC-Korrespondent Stephen Evans im lichtdurchfluteten Foyer im Haus der Wirtschaft in Berlin und stimmte ein geradezu hymnisches Lob der jüngsten ökonomischen Erfolge Deutschlands an. "Die großen Unternehmen, die großen Arbeitgeber, die Industrie- und Handelskammer haben hier ihre Büros - es ist ein Ort, der Optimismus verströmt. 'Stark im Aufschwung' ist hier der Slogan, in diesem Gebäude gibt es kein Gefühl der Krise, und keines in dieser Wirtschaft", so der BBC-Mann. Solche Töne sind völlig neu in den britischen Medien, die vielfach noch auf die Klischees Hitler, Oktoberfest und die Band Kraftwerk fixiert sind. Aber Deutschland loben?

"Der britische Premier kann viel von Merkel lernen" 

Cameron und Merkel
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Cameron und Merkel bei einem Treffen Ende Oktober. Nach Ansicht britischer Kommentatoren könnte der Premier vor der Kanzlerin einiges lernen.

David Gow nahm in der Zeitung "The Guardian" den Stier regelrecht bei den Hörnern. "Vor zehn Jahren haben wir geglaubt, man könne die deutsche Wirtschaft abschreiben", meint er. "Heute aber kann der britische Premier viel von Angela Merkel und ihrem Wirtschaftsmodel lernen." Die Frage sei nur, ob sich der Rheinische Kapitalismus exportieren lasse, so wie deutsche Luxusautos und Umwelt-Technologie. Und ob Großbritannien aufhören könne, die Überlegenheit des angelsächsischen Modells herum zu trompeten, und stattdessen bereit sei, in Bescheidenheit ein paar Dinge vom EU-Partner zu lernen? Gow listet die stabile industrielle Basis auf, das Ausbildungssystem, weniger von Exzessen getriebene Banken, die jahrelange Lohnzurückhaltung, die deutsche Neigung zum Sparen und anderes mehr.

Nachdem im Oktober die Wachstums- und Arbeitsmarktzahlen veröffentlicht wurden, stimmte auch BBC-Wirtschaftsredakteur Hugh Pym das Loblied auf die deutschen Erfolge an. "Deutschland, das traditionelle wirtschaftliche Kraftwerk Europas, führt mit einem unerwartet hohen Wachstum, getrieben vom Export. Es war eine erfreuliche Überraschung für die Ökonomen." Denn viele erwarteten jetzt, dass die Wachstumslokomotive Deutschland den Rest der Eurozone aus der Krise ziehen könne.

"Neustart des wirtschaftlichen Schwerlastzuges"

Auch in der konservativen Zeitung "The Times" analysiert Wirtschaftsredakteur Sam Fleming den "Neustart des wirtschaftlichen Schwerlastzuges" Deutschland: "Sie lassen Großbritannien hinter sich", schreibt er. Eine lange Periode von Kostensenkungen bei den Großunternehmen habe die Wirtschaft wieder wettbewerbsfähig gemacht, und wenn die Löhne steigen und der Binnenkonsum anspringe, werde das Wachstum auch stärker und weniger vom Export anhängig sein.

Baukräne am Rheinauhafen in Köln
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Baukräne am Rheinauhafen in Köln (Archivbild). Für den "Rheinischen Kapitalismus" gibt es derzeit viel Lob aus London.

Auch die "Times" kommt zu dem Ergebnis, dass andere viel falsch und Deutschland eben in den vergangenen Jahren viel richtig gemacht habe. Während Spanien, Irland, Großbritannien sich in einen mit Schulden finanzierten Boom gestürzt hätten, habe Deutschland in der Zeit eine schlanke Exportmaschine geschaffen. Unternehmen wie VW, BMW und Siemens sowie der Mittelstand geben deutschen Exporten einen Auftrieb, von dem Briten und Amerikaner nur träumen könnten. 

Exportkurs nicht nachhaltig?

Bevor nun aber deutsche Wirtschaftsführer und Politiker angesichts von so viel Lob erröten, gießt Charles Dumas vom Finanzforschungsinstitut Lombard Street etwas Wermut in den Wein: "China kühlt schnell ab, die USA auch, dem folgen die Rohstoff-Länder, der Club Med - Griechenland, Spanien, Portugal - fällt in tiefe Rezession. Da ist dieser exportgetriebene Kurs nicht unbedingt nachhaltig. Wir warten darauf, etwas von den deutschen Verbrauchern zu sehen." Nämlich einen kräftigen Kaufrausch, meint der Ökonom, aber der stünde natürlich im Gegensatz zu dem, was die Briten sonst als typisch deutsche Charakterzüge beschreiben: Sie sind vorsichtig und sparsam.

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