Ein Café an der Hafenkante von Mugla - im Hintergrund die Yacht "My Solaris" des russischen Oligarchen Roman Abramowitsch. | EPA

Suche nach sicheren Häfen Türkei zieht Russen und Vermögen an

Stand: 09.04.2022 15:29 Uhr

Seit den jüngsten Sanktionen hat es viele Russen auch in die Türkei verschlagen. Türkische Banken merken längst, wie begehrt ihre Konten geworden sind - und wer genug investiert, kann auch einen türkischen Pass bekommen.

Von Uwe Lueb, ARD-Studio Istanbul

"Unsere russische Bankkarte sollte auch in der Türkei funktionieren - aber das tut sie nicht", klagt die 25-jährige Elisabeth. Sie ist eine von Tausenden jungen Russinnen und Russen, die aus ihrem Land weggegangen sind. Zu ihrem Glück hatte sie Rubel in bar, die sie allerdings zu einem sehr schlechten Kurs tauschen musste. Andere konnten Euro oder Dollar mitbringen. Doch sie gehören nicht zu den Reichen, die ebenso in die Türkei kommen - oder zumindest ihr Geld hierher bringen.

Uwe Lueb ARD-Studio Istanbul

Das Einfrieren russischer Oligarchenvermögen habe "unter russischen Staatsbürgern Panik ausgelöst, weshalb es definitiv eine Suche nach sicheren Häfen gibt", sagt der frühere Vize-Chef der türkischen Akbank, Kerim Rota.

Die Panik, von der er spricht, ist eher eine Sorge der bislang nicht Sanktionierten: Denn noch können sie frei über ihr Geld verfügen. Doch falls auch sie plötzlich auf einer Sanktionsliste stehen sollten, haben sie womöglich keinen Zugriff mehr darauf. Also schichten sie ihr Geld um.

Zehn Milliarden? "Klingt nach mehr, als es ist"

Türkische Banken merken längst, wie begehrt ihre Konten geworden sind. Doch hohe Beträge werden sie nicht annehmen, glaubt der frühere Vize-Bankchef Rota. Mit "hohen Beträgen" meint er Einmalüberweisungen ab 50 Millionen US-Dollar, weil dann der Verdacht auf Geldwäsche bestehe.

"Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Überweisungen kleinerer Beträge von jeweils ein paar Millionen kommt, ist größer" sagt er. "Ich gehe daher davon aus, dass zunächst keine Beträge in die Türkei fließen werden, die irgendeine Auswirkung auf die Türkei hätten, aber sich im Laufe der Zeit häufen und vielleicht ein Volumen von zehn bis 15 Milliarden US-Dollar erreichen könnten."

Das klingt nach mehr, als es ist, findet Rota - gemessen am Bruttoinlandsprodukt der Türkei von derzeit rund 800 Milliarden Dollar fielen zehn oder auch 15 Milliarden Dollar Geldzufluss nicht sonderlich ins Gewicht.

Und allzu viel dürfte nicht mehr kommen, sagt der Wirtschaftsautor der renommierten Zeitung "Dünya", Ussal Sahbaz: "Bisher sollen ungefähr drei Milliarden Dollar gekommen sein, das ist glaubwürdig und realistisch. Ob es am Ende mehr sein werden, vielleicht bis zu 30 Milliarden, ist kaum absehbar."

Per Immobilie zum türkischen Pass?

Besondere Auswirkungen auf die türkische Wirtschaft erwartet auch Sahbaz nicht. Die Türkei gebe sich zudem nicht ausgesprochen einladend, sondern eher neutral.

Bestrebungen der Türkei, die Situation zu nutzen und etwa Istanbul als neues Finanzzentrum schneller voranzubringen, sieht er nicht - und auch keine echten Chancen dafür: Mit London, Frankfurt oder auch Dubai könne Istanbul es gegenwärtig kaum aufnehmen.

Andererseits dürften Kapitalflüchtlinge zum Beispiel aus London unter großem Druck stehen, meint Sahbaz: "Natürlich ist es für manche jetzt schwierig, ihr Vermögen liquide zu machen. Nur wenn sie Vermögen haben, das nicht als Immobilie oder anderweitige Investition festliegt, also Geld, Gold, Edelsteine, Krypto-Geld, kann das ins Ausland geschafft werden." Aber auch dafür gebe es attraktivere Adressen als die Türkei. Zum Beispiel Dubai - denn dort wird ein angelsächsisches Rechtssystem angewandt.

Gleichwohl wirkt sich der Zustrom der Reichen in die Türkei aus. Denn sie parken ihr Geld nicht nur auf Bankkonten, sondern kaufen Immobilien. Das treibt die ohnehin schon gestiegenen Preise weiter in die Höhe. Zudem bekommt man ab einer Investition, also Kaufsumme, von 250.000 US-Dollar den türkischen Pass angeboten. Das, glauben die Fachleute, interessiert zumindest Oligarchen nicht. Für jemand wie die junge Russin Elisabeth ist das eher reizvoll. Doch die kommt nicht nur nicht an ihr Geld in Russland - sie hat auch keine 250.000 Dollar.

Über dieses Thema berichtete der „Weltspiegel“ im Ersten am 27. März 2022 um 19:15 Uhr.