Kupfernugget | picture alliance / Zoonar

Rezession voraus? Böses Omen von "Dr. Copper"

Stand: 15.07.2022 09:48 Uhr

Sein Spitzname kommt nicht von ungefähr: "Dr. Copper" alias Kupfer gilt als einer der besten Konjunktur-Frühindikatoren. Demzufolge steuert die globale Wirtschaft direkt auf eine Rezession zu.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Wer wissen möchte, wie es um die globale Konjunktur wirklich bestellt ist, sollte einen Blick auf die Rohstoffmärkte wagen: Der Kupferpreis gilt als hochsensibles Barometer für die Verfassung der Weltwirtschaft. "Kupfer ist ein Vorreiter, ein vorlaufender Indikator", erklärt Marktexperte Robert Rethfeld von Wellenreiter-Invest im Gespräch mit tagesschau.de.

Kein Wunder, kommt das rotglänzende Industriemetall doch unter anderem in der Elektroindustrie, dem Maschinenbau, der Bauindustrie und dem Fahrzeugbau zum Einsatz. Schwindet hier die Nachfrage, fällt der Kupferpreis direkt, noch bevor sich die abschwächende Konjunktur in fallenden Wachstumsraten widerspiegelt.

Beunruhigende Diagnose von "Dr. Copper"

In der englischsprachigen Welt ist daher auch oft von "Dr. Copper" die Rede. Die Diagnose, die "Dr. Copper" der Weltwirtschaft stellt, klingt allerdings alles andere als beruhigend. Denn der Kupferpreis befindet sich seit seinem Rekordhoch im März in einem Abwärtstrend; seit Anfang Juni hat sich die Abwärtsdynamik nochmals deutlich verschärft.

Zur Wochenmitte fiel der Preis für das Industriemetall auf 7202,50 Dollar je Tonne. So tief notierte Kupfer seit eineinhalb Jahren nicht mehr. Seit dem Hoch im März beläuft sich das Minus auf rund 30 Prozent. Experten sehen darin ein Symptom, dass es der Weltwirtschaft nicht gutgeht.

Industriemetalle im Abwärtstrend

"Der Kupferpreis signalisiert, dass die Inflation ihren Höhepunkt erreicht haben dürfte", erklärt Marktexperte Rethfeld. "Sollte Kupfer nun noch weiter fallen, dann verstärkt sich das Momentum in Richtung Rezession." Zumal nicht nur Kupfer, sondern auch andere Industriemetalle unter Druck stehen. "Die Metalle bleiben in ihrem Abwärtstrend gefangen."

Robert Rethfeld | Wellenreiter Invest

Für Marktexperte Robert Rethfeld von Wellenreiter-Invest ist der Kupferpreis ein verlässlicher Konjunktur-Frühindikator. Bild: Wellenreiter Invest

Auch Commerzbank-Rohstoffexperte Carsten Fritsch ist überzeugt: "Generell überwiegen an den Metallmärkten weiter Sorgen vor einer globalen Rezession." Deutlich steigende Corona-Zahlen in Shanghai hätten Sorgen ausgelöst, dass es zu neuerlichen Lockdowns kommt, im Zuge derer die Nachfrage nach Industrierohstoffen leiden dürfte.

Goldman Sachs dampft Kursziel für Kupfer ein

Dass der Wind bei Industriemetallen im Allgemeinen und bei Kupfer im Speziellen gedreht hat, mussten nun sogar die Experten von Goldman Sachs einsehen. Die Rohstoff-Analysten der US-Investmentbank, die bis vor kurzem noch Angebotsengpässe auf dem Kupfermarkt und damit steigende Preise prognostizierten, mussten in dieser Woche kräftig zurückrudern.

Die einstigen Kupfer-Bullen dampften ihr Kursziel für den Kupferpreis drastisch ein. Nach zuletzt 8650 Dollar je Tonne rechnen sie nun nur noch mit einem Kupferpreis von 6700 Dollar pro Tonne in den kommenden drei Monaten.

Die globalen Energieengpässe, die auf eine Eskalation im Winter zusteuerten, würden das globale Wachstum bedrohen, so die Experten um Nicholas Snowdon. Mit der sich verschärfenden Energiekrise in Europa dürften sowohl die Konsumausgaben als auch die industriellen Aktivitäten deutlich einbrechen.

Gas-Engpässe in Europa als Risikofaktor

Die ebenfalls ehemals positiv gestimmten Kollegen der Bank of America hatten ihre Kupferprognose bereits in der Vorwoche drastisch gekappt. In ihrem Worst-Case-Szenario mit weit verbreiteten Gas-Engpässen in Europa rechnen sie nunmehr mit einem Kupferpreis von 4500 Dollar je Tonne. Im Vergleich zum aktuellen Niveau käme das einem nochmaligen Rückgang um knapp 40 Prozent gleich.

Doch nicht nur der Kupferpreis deutet derzeit in Richtung Rezession. Unterstützung für diese Sichtweise kommt auch von den Anleihemärkten, wie Marktexperte Rethfeld gegenüber tagesschau.de betont: "Seit der Veröffentlichung der jüngsten US-Inflationsdaten ist die Zinsstrukturkurve nochmals deutlich inverser geworden."

Rezessionssignale auch vom Anleihemarkt

Von einer inversen Zinsstrukturkurve sprechen Experten, wenn die Rendite der zweijährigen US-Staatsanleihen diejenige der zehnjährigen Bonds übersteigt. Dabei hat sich der Bondmarkt in der Vergangenheit als verlässlicher Frühindikator für eine Konjunkturflaute erwiesen: Laut einer Studie der Federal Reserve Bank von San Francisco ging bis auf eine Ausnahme jedem wirtschaftlichen Abschwung in den USA seit 1955 eine inverse Renditekurve voraus.

"Von den Bondmärkten kommt ein starkes Rezessionssignal", betont Rethfeld. Die Entwicklungen bei Kupfer und Anleihen sind sehr kompatibel und deuten in die gleiche Richtung."

Kupfer-Tief wäre positiv für Konjunktur und Aktien

Hinzu kommt: Auch aus technischer Perspektive hat das rote Metall weiter Abwärtspotenzial. Der Kupferpreis ist an seinem alten Basisaufwärtstrend seit 2001 gescheitert, halten die Technischen Analysten von HSBC Trinkaus & Burkhardt fest.

Dabei wäre ein belastbares Tief im Kupferpreis nicht nur für die globale Konjunktur ein positives Signal. "Dann würden wir auch ein Ende des Bärenmarktes bei Aktien sehen", betont Marktexperte Rethfeld und verweist auf die Finanzkrise: Damals habe der Kupferpreis bereits im Dezember 2008 sein Tief markiert, die Aktienmärkte folgten erst mit drei Monaten Verspätung im März 2009.

Über dieses Thema berichteten MDR Thüringen Journal am 14. Juli 2022 um 19:00 Uhr und tagesschau24 am 15. Juli 2022 um 09:05 Uhr.