Die Fahnen Chinas und der EU | AFP

EU-Handelskammer warnt China geht zunehmend eigene Wege

Stand: 14.01.2021 16:48 Uhr

Die EU-Handelskammer in Peking schlägt Alarm: China kopple sich zunehmend von den USA und der EU ab - die Zukunft der Globalisierung mit dem Land stehe auf dem Spiel. Ein Grund sei der Handelskrieg mit den USA. 

Von Ruth Kirchner, ARD-Studio Peking, z. Zt. in Berlin

Angesichts eines Handelskriegs, der Corona-Pandemie und wachsendem Protektionismus befürchtet die EU-Handelskammer in Peking eine wirtschaftliche Entkopplung Chinas von den USA und der Europäischen Union. Ein neuer Bericht der Kammer, erstellt zusammen mit dem Berliner Think Tank Merics, listet auf, welche Folgen das für europäische Firmen haben könnte: störanfällige Lieferketten, Verlust von Marktanteilen in China, Investitionen und Jobs. Im schlimmsten Fall, warnt die Kammer, könnten europäische Unternehmen im Zuge des "Decoupling" ganz oder teilweise aus dem chinesischen Markt gedrängt werden.

Ruth Kirchner ARD-Hauptstadtstudio

"Weckruf" warnt vor "Wendepunkt"

"Wir sind an einem Wendepunkt", sagt Jörg Wuttke, Präsident der EU-Handelskammer in Peking vor Journalisten. Die Probleme bei Halbleitern hätten gerade erst wieder deutlich gemacht: "Man kann untergehen, wenn in der Produktionskette nur ein einziges Teil fehlt, denn dann kann ein Produkt möglicherweise nicht auf den Mark gebracht werden."

Entkoppelungstendenzen gibt es aber nicht nur bei Lieferketten. Auch bei Daten, im Digitalbereich oder bei Industriestandards gehe China einen eigenen Weg. "Die Zukunft der Globalisierung mit China steht auf dem Spiel", heißt es in der Analyse der EU-Kammer.

Eine Umfrage unter Mitgliedsunternehmen der Kammer macht es deutlich: Jedes zweite Unternehmen bekommt die negativen Folgen der Entkopplung der Märkte bereits zu spüren. Mehr als 70 Prozent rechnen mit einer Verschlechterung der Lage. Darauf vorbereitet sind allerdings bislang die wenigsten. "Unser Bericht soll ein Weckruf sein," sagt Wuttke. Die globalen Verschiebungen könnten europäische Unternehmen in China schwer treffen.

Die Pandemie als Katalysator

Die Corona-Pandemie hat die Abhängigkeit von China - etwa bei medizinischer Ausrüstung - im letzten Jahr schmerzhaft bewusst gemacht und in vielen Ländern zu einem Umdenken geführt. Angetrieben wird die Entflechtung aber vor allem durch die amerikanische China-Politik - und durch China selbst.

Die Entkopplung der beiden größten Volkswirtschaften der Welt wurde von US-Präsident Donald Trump angestoßen, unter dem neuen Präsidenten Joe Biden dürfte sich an der Stoßrichtung wenig ändern: strenge Exportkontrollen, Auflagen für chinesische Unternehmen in den USA, Strafmaßnahmen gegen große chinesische IT-Konzerne wie Huawei, ZTE oder Internetfirmen wie TikTok-Gründer Bytedance und WeChat-Entwickler Tencent. 

Die USA führen meist Sicherheitsbedenken ins Feld, um chinesische Firmen vom US-Markt auszuschließen. "Alles, was mit China zu tun hat, wird zu einer Frage der nationalen Sicherheit", sagt Jacob Gunter, Politik- und Kommunikationschef der EU-Kammer in Peking.

Europa wird in den USA-China-Konflikt hineingezogen

Europäische Unternehmen geraten dabei schnell zwischen die Fronten, wenn sie mit chinesischen Firmen zusammenarbeiten, die in den USA im Fokus stehen. Vor allem kleinere und mittlere Unternehmen seien betroffen, die ihre Lieferketten nicht einfach umstellen oder ausweiten könnten, um Restriktionen zu umgehen.

Auch Chinas Bemühen, technologisch eigenständiger zu werden, setzt die Europäer massiv unter Druck. "Diese Bemühungen gibt es schon lange, aber sie laufen jetzt auf Hochtouren", sagt Gunter. Der neue Fünfjahresplan, der im März verabschiedet werden soll, sieht eine weitere Stärkung chinesischer Hochtechnologie vor, was auf Kosten der internationalen Zusammenarbeit gehen dürfte - gerade im Bereich Digitalisierung. Während Autobauer und Hersteller von Konsumartikeln weiter wichtige Funktionen im chinesischen Markt erfüllten, spürten Unternehmen etwa im Internet- und Telekommunikationsbereich, dass sie in China nicht oder nicht mehr willkommen seien; sie hätten mit immer neuen Auflagen zu kämpfen, werden in Joint-Ventures gezwungen und gegenüber chinesischen Firmen benachteiligt. 

China wolle damit seine heimischen Firmen schützen, so die EU-Kammer. Ausländische Konkurrenz werde aus dem Markt gedrängt oder müsse sich mit einer Nischen-Rolle zufriedengeben. Ausländische Firmen bekommen auch zunehmend die politischen Spannungen zwischen China, Europa und den USA zu spüren - sei es wegen Hongkong, der prekären Menschenrechtslage in China oder den Vorwürfen von Zwangsarbeit in der Uiguren-Region Xinjiang.

EU-Handelskammer in Peking sieht Abwärtstrend

Insgesamt seien die Wirtschaftsbeziehungen zunehmend von Misstrauen und systemischen Rivalitäten geprägt, heißt es in dem EU-Kammerbericht. Und der Trend gehe weiter abwärts. Die Autoren gehen nicht davon aus, dass das neue Investitionsabkommen zwischen China und der Europäischen Union oder der Regierungswechsel in Washington an diesen eher düsteren Aussichten etwas ändern wird. Das Abkommen sei nur ein kleiner Schritt Richtung Marktöffnung, sagt Kammer-Präsident Wuttke, die Entkopplung hingegen eine viel einschneidendere Veränderung. Wuttke bringt es mit einem drastischen Vergleich auf den Punkt: Man könne eine Amputation nicht mit einem einfachen Pflaster behandeln.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 14. Januar 2021 um 14:22 Uhr.