Golf III | picture alliance / dpa

Mindestalter 30 Jahre Auf dem Weg zur Oldtimer-Inflation

Stand: 24.01.2022 19:26 Uhr

Die Zahl der Oldtimer steigt jedes Jahr. Das begehrte H-Kennzeichen bietet Besitzern nicht nur finanzielle Vorteile. Weil nun auch millionenfach verkaufte Pkw alt genug sind, fürchten manche eine Oldtimer-Inflation.

Von Andreas Clarysse, HR

Alte Autos aus den 20er-, 30er- oder 60er- und 70er-Jahren haben viele Fans. Der Rolls Royce Phantom I aus dem Jahr 1925, der Porsche 356, der ab 1948 hergestellt wurde, oder der Mercedes Pagode von 1970 sind Klassiker mit Seltenheitswert: wunderschön und häufig sehr teuer. Aber was haben diese Schätze aus dickem Blech mit dem Golf III, dem Audi 80 Avant oder dem Renault Twingo zu tun? Nichts? Doch.

Andreas Clarysse

Was ist ein Oldtimer?

Auch diese in Massenproduktion hergestellten Pkw sind jetzt 30 Jahre alt. Die Halter können seit dem 1. Januar 2022 ein H-Kennzeichen beantragen, damit ihre Autos als Oldtimer gelten. Laut Kraftfahrt-Bundesamt waren schon im vergangenen Jahr 983.289 in Deutschland zugelassene Fahrzeuge älter als 30 Jahre. Zahlen für 2022 liegen noch nicht vor. Doch seit Jahren verzeichnet dieses Segment ein stetes Wachstum.

Detlev Kroh, Geschäftsführer der "Automobil Manufaktur Kassel", restauriert mit seinem Team seit vielen Jahren Oldtimer. In der Werkstatt stehen Schätze wie dieser EMW von 1952. EMW steht für "Eisenacher Motorenwerke" Von diesem Modell, einem EMW 326/340 Kombi wurden insgesamt nur 137 Fahrzeuge gebaut. Heute existieren davon schätzungsweise nur noch zehn Exemplare.

EMW von 1938 | Andreas Clarysse, HR

Von diesem EMW 326/340 Kombi aus dem Jahr 1952 existieren nur noch wenige Exemplare. Bild: Andreas Clarysse, HR

Die 1990er Auto-Generation rostet kaum

Kroh meint, Renault Twingo und Co. hätten - trotz ihres Alters - nichts mit einem Oldtimer im klassischen Sinn zu tun. Für ihn sind Oldtimer "Liebhaberfahrzeuge mit geringen Stückzahlen, in einem guten Haltungszustand". Aber Pkw wie der Audi 80 Avant "haben nichts mit einem Oldtimer oder einem historischen Kulturgut zu tun", sagt er.

Ein Grund, warum es immer mehr alte Autos gibt, die die Altersgrenze von 30 Jahren locker erreichen, liegt an der Rostvorsorge. Um das Jahr 1990 herum wurden besonders haltbare Autos entwickelt, die bei guter Pflege sehr lange halten. Nicht nur die sichtbaren Karosserieteile wurden hochwertiger produziert, auch die mechanisch oder chemisch belasteten Komponenten wie Kurbeltrieb oder Antriebsstrang wurden langlebiger.

Oldtimer-Status nur mit Gutachten

Der Schritt vom normalen Pkw zum Oldtimer erfolgt nicht automatisch nach 30 Jahren. Erst einmal muss der Fahrzeughalter ein sogenanntes H-Kennzeichen beantragen. Größte Hürde bei der Zulassung eines Fahrzeugs mit H-Kennzeichen ist nicht das Alter. Es muss vielmehr ein Oldtimer-Gutachten vorliegen, das von einem anerkannten Sachverständigen von TÜV und DEKRA oder einer anderen Prüforganisation ausgestellt werden muss.

In der Fahrzeug-Zulassungsverordnung (FZV) ist nicht genau definiert, welche baulichen Voraussetzungen ein Oldtimer für die Zulassung mit H-Kennzeichen erfüllen muss. Die Formulierungen sind vage gehalten, weshalb es häufig auch vom Prüfer abhängt, ob das Lieblingsfahrzeug das historische Kennzeichen erhält. Grundsätzlich gilt: In allen Hauptbaugruppen muss das Kfz dem Original entsprechen. Umbauten sind nur erlaubt, wenn sie typisch und zeitgenössisch waren. Das Fahrzeug muss in einem guten Zustand sein. Es dürfen keine größeren Mängel oder Gebrauchsspuren vorhanden sein.

Porsche 356 | picture alliance / dpa

Der Porsche 356 ist ein klassischer Oldtimer. Bild: picture alliance / dpa

Finanzielle Anreize für Oldtimer

Aber warum ist es so wichtig, ob ein Fahrzeug sich Oldtimer nennen darf? Für die "alten Kisten" gelten eine ganze Reihe von Vergünstigungen, die nicht nur auf dem ersten Blick Vorteile mit sich bringen: Oldtimer gelten als "kraftfahrzeugtechnisches Kulturgut". Auch deshalb erhält ein Auto steuerliche Vergünstigungen. So zahlen alle Oldtimer einheitlich 191,73 Euro (Motorräder 46,02 Euro) Steuern.

Die meisten Versicherungen bieten außerdem günstige Tarife an - unter anderem deshalb, weil sie wissen, dass Oldtimer-Enthusiasten ihre Fahrzeuge hegen und pflegen und besonders achtsam mit ihnen umgehen. Und es gelten geringere Umweltauflagen: So dürfen beispielsweise alte Fahrzeuge mit H-Kennzeichen ohne Katalysator in Umweltzonen unterwegs sein. Eine grüne Plakette wird nicht benötigt.

Ein Rolls Royce Phantom I fährt auf einer Bergstraße | picture-alliance/ dpa

Für geprüfte Oldtimer wie den Rolls Royce Phantom I gelten nicht nur Steuervorteile. Bild: picture-alliance/ dpa

"Oldtimer-Inflation" in der Kritik

Das alles ist für die Besitzer sehr verlockend. Wirkliche Oldtimer-Experten wie Detlev Kroh schütteln aber den Kopf. Er hält nichts von dieser "Oldtimer-Inflation": "Wir sind jetzt aktuell bei über 980.000 H-fähigen Autos in der Zulassung, und wir waren vor 15, 18 Jahren nur bei knapp 40.000. Man sieht: Der Anstieg ist extrem."

Da höhere Produktionszahlen und längere Haltbarkeit zu immer mehr "Autos über 30" führen, fordert Kroh ein Umdenken: Der Gesetzgeber sollte neu definieren, was ein Oldtimer, ein Youngtimer oder ein Liebhaberfahrzeug ist. "Er sollte sich mit den Verbänden zusammensetzen, vielleicht auch mit Oldtimerspezialisten", fordert Kroh.

Und noch ein - nicht ganz ernst gemeinter - Reformvorschlag: Die Bezeichnung "Oldtimer" legt nahe, dass damit im Englischen alte Autos gemeint sind. In England heißen die "Oldtimer" aber meist classic, veteran, antique oder vintage, jeweils gefolgt von car, truck, motorcycle. Der Begriff "Oldtimer" ist hingegen ein Schein-Anglizismus. Es ist wie mit der Gruppe der Oldtimer generell: Kann man ändern, muss man aber nicht.

Angaben einer früheren Version dieses Textes zur Zahl der weltweit noch vorhandenen EMW-Modelle haben wir korrigiert.