Wirecard-Gebäude in München | LUKAS BARTH-TUTTAS/EPA-EFE/Shutt

Wirecard-Whistleblower Der Aufdecker kommt aus der Deckung

Stand: 19.05.2021 17:13 Uhr

Hartnäckige Recherche der "Financial Times" war entscheidend für die Enthüllung Wirecard-Skandals - und basierte maßgeblich auf Unterlagen eines bisher anonymen Whistleblowers. Jetzt gibt er seine Identität preis.

Von Lena Kampf, WDR/NDR

Ohne ihn würde es die Fintech-Firma aus Aschheim möglicherweise noch geben. Ohne ihn hätte der Vorstand vielleicht seinen Plan wahrgemacht, die Deutsche Bank zu übernehmen - und es damit womöglich geschafft, die Bilanzlöcher zu begraben. Es soll jedenfalls einmal das Ziel gewesen sein, dass die dunklen Geheimnisse von Wirecard in einem Mega-Finanzkonzern verschwinden. "Projekt Panther" nannten sie das.

Lena Kampf

Doch dem kam Pav Gill zuvor. Er holte die Geheimnisse ans Licht und gab nicht auf, bis er Wirecard aus der Ferne zusammenbrechen sah. "Ich habe es nie darauf angelegt, diese Firma entlarven", sagt er im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Er habe nur seinen Job gemacht, in der Hoffnung, "die Firma von ein paar faulen Äpfeln zu befreien".

Ein Jahr bei Wirecard genügte

Gill war nur ein Jahr bei der Wirecard angestellt, als Leiter der Rechtsabteilung in der Niederlassung in Singapur. Einer von 6000 Angestellten weltweit, die Wirecard bis zu ihrer Insolvenz im Juni 2020 hatte. Er machte den mutmaßlichen Betrug öffentlich, der so lang geheim gehalten wurde. Gill ist der Aufdecker, blieb aber selbst bislang im Verborgenen, auch weil man ihn eingeschüchtert hatte. Er habe nicht mehr schlafen können. "Ich hatte Panikattacken und meine Karriere war bedroht", sagt Gill der "SZ".

Beleuchteter Wirecard-Schriftzug | dpa
Der Wirecard-Skandal und seine Enthüllung

Der Name Wirecard steht für den atemberaubendsten deutschen Finanzskandal. Seit Monaten recherchiert auch ein Team von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" zum Aufstieg und Fall des ehemaligen DAX-Unternehmens und hat dafür Zehntausende E-Mails und interne Dokumente ausgewertet. Begonnen hat die Aufklärung aber mit einem Whistleblower, der sich zunächst an die "Financial Times" wandte und seit März 2019 in Kontakt mit "SZ"-Reporter Christoph Giesen stand. Nun tritt Pav Gill erstmals in die Öffentlichkeit. Er ist auch die zentrale Figur in einer 90-minütigen Wirecard-Dokumentation der Münchner Produzentin Gabriela Sperl, die auf Sky zu sehen ist und im Herbst auch in der ARD ausgestrahlt werden soll.

Schon kurz nachdem Pav Gill 2017 von einem Headhunter angeworben wurde, kamen ihm Dinge komisch vor. Eine Mitarbeiterin berichtete, sie habe den Finanzchef von Wirecard in Asien, Edo K., dabei beobachtet, wie er in einem Konferenzraum mit Filzstift Geldkreisläufe auf eine Präsentationstafel gemalt habe. Es sei offenbar um erfundene Firmen und Scheinumsätze gegangen. Ein möglicher Betrug, präsentiert von einem hochrangigen Manager? Die Mitarbeiterin soll Gill entsprechende Dokumente übergeben haben.

Er dachte erst, er solle aufklären

Gill hielt das alles zunächst für ein Problem, das er als Jurist ja beheben sollte. Dafür sei er eingestellt worden, dachte er. Gill informierte die Compliance von Wirecard in Singapur. Gemeinsam wandte man sich im Frühjahr 2018 an die Konzernzentrale in Deutschland.

"Es lief zunächst alles nach Lehrbuch. Es gab einen Verdacht, und wir haben ihn überprüft, mit Zustimmung der Rechtsabteilung in Deutschland", erinnert sich Gill im Interview mit der "SZ". Der damals stellvertretende Leiter der Rechtsabteilung in Deutschland überspielte Kopien der E–Mail-Postfächer von Edo K. und dessen engsten Mitarbeitern an Pav Gill und Royston N. "Wir haben die Nächte durchgeackert", erzählt Gill, und was sie fanden, "war unglaublich", sagt er. Es seien Rechnungen rückdatiert worden, Firmen erfunden und Logos auf Briefköpfe montiert worden. "Die Beweise waren unwiderlegbar", sagt Gill.

Eine Singapurer Anwaltskanzlei wurde hinzugezogen, die zum Ergebnis kam, der Anfangsverdacht gegen Edo K. habe sich bestätigt. Außerdem könnte es Betrug, Korruption oder Geldwäsche geben. Gut ein Dutzend Scheinbuchungen machten die Anwälte ausfindig. Bei Wirecard könnte Geld im Kreis zirkulieren, um immer wieder andere Finanzlöcher zu stopfen. "Mir war damals aber klar", sagt Gill der "SZ", "wenn das Asiengeschäft zu einem großen Teil falsch bilanziert ist, hat das Auswirkungen für den gesamten Konzern."

Die Spur führt zu Jan Marsalek

Der Indonesier Edo K. war damals der engste Vertraute von Jan Marsalek in Singapur. Er ist für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. In einer Vernehmung im Juni 2018 durch die Anwaltskanzlei gab er zu, eine Zahlung von 500.000 Dollar für Beratungsleistungen angewiesen zu haben, für die keine Gegenleistung existierte. "Alle Anweisungen, die er (Edo K.) erhielt, bekam er vom Vorstand der Wirecard AG", heißt es in der Zusammenfassung. Auch der Name des Vorstandsmitglieds fällt darin: Edo K. "unterschrieb etliche Verträge (…) auf Anweisung von Herrn Jan Marsalek".

Genau zwei Jahre vor der Insolvenz von Wirecard war das Problem damit zum ersten Mal schriftlich festgehalten: Marsalek, der im Wirecard-Vorstand für das Asiengeschäft verantwortlich war, hatte offenbar ein Schattenreich aufgebaut. Ausgerechnet er wurde daraufhin in Aschheim damit beauftragt, die Vorgänge in Singapur aufzuklären. Marsaleks Anwalt will zu den Vorgängen keine Stellung nehmen. Ein Sprecher des Vorstandsvorsitzenden Markus Braun sagt auf Anfrage, es stehe heute fest, dass Marsalek spätestens seit 2015 ein Doppelleben geführt und Herrn Braun bewusst darüber nicht beziehungsweise falsch informiert habe.

Die "FT" bringt die Recherchen ans Licht

Pav Gill muss das Unternehmen kurz darauf verlassen. Denn es war seine Mutter, die sich zunächst mit einer E-Mail an den Vorstandsvorsitzenden Braun wandte und ihn bat, den Bericht der Singapurer Anwälte genau zu lesen. Ob die E-Mail angekommen ist, kann nicht bestätigt werden - fest steht aber, dass keine Reaktion erfolgte.

Mitte Oktober 2018 schrieb Gills Mutter daraufhin E-Mails an Journalisten der "Financial Times". Diese trafen sich daraufhin mit Gill - und veröffentlichten am 30. Januar 2019 einen Text über die vielen Ungereimtheiten bei Wirecard Singapur. Dabei erwähnten sie auch, dass sie Dokumente von einem Whistleblower bekommen hätten, der besorgt sei, weil "offenbar keine Maßnahmen gegen potenziell kriminelle Handlungen in einem Unternehmen ergriffen wurden, das sich als Blue-Chip-Finanzinstitut präsentiert". Kaum war der Artikel erschienen, brach der Aktienkurs von Wirecard binnen Minuten um fast 25 Prozent ein.

Wirecard täuscht die BaFin

Was Gill zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Wirecard selbst stellte die Berichterstattung als Erpressungsversuch und Attacke von Shortsellern dar - also von Investoren, die auf fallende Wirecard-Kurse gewettet hatten. Und war damit bei den deutschen Behörden zunächst erfolgreich: Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) erließ daraufhin ein temporäres Leerverkaufsverbot von Wirecard-Aktien und zeigte die Journalisten der "FT" an. Die Staatsanwaltschaft München begann tatsächlich zu ermitteln - allerdings nicht gegen Wirecard, sondern gegen die Journalisten: wegen Marktmanipulation.

Das Kartenhaus bricht zusammen

Die Journalisten arbeiteten dennoch weiter systematisch mit dem Material, das ihnen Gill zur Verfügung gestellt hatte, und veröffentlichten weitere brisante Rechercheergebnisse. Kurz darauf beauftragte der Aufsichtsrat von Wirecard die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG mit einer Sonderuntersuchung - die Zweifel, die Gills Informationen gesät hatten, waren zu groß geworden.

Als die Wirtschaftsprüfer von EY sich im Juni 2020 weigerten, den Jahresabschluss 2019 zu testieren,  ging es plötzlich ganz schnell: Marsalek flüchtete, Vorstandschef Braun wurde festgenommen. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft München nicht mehr gegen die Journalisten, sondern gegen mehr als 30 Personen von Wirecard und aus dem Umfeld der Firma. Bandenmäßiger Betrug in Milliardenhöhe, Bilanzfälschung, Manipulation des Börsenkurses, Veruntreuung von Konzernvermögen, Geldwäsche lauten die Vorwürfe.

Als er vom Zusammenbruch seines früheren Arbeitgebers hörte, sagt Gill heute, "war ich sehr zufrieden. Der Gerechtigkeit war Genüge getan, die Wahrheit setzte sich durch".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. April 2021 um 14:50 Uhr.