Markus Braun in der Anhörung | dpa

Wirecard-Skandal Was vom U-Ausschuss übrig bleibt

Stand: 22.06.2021 09:16 Uhr

Vor einem Jahr ging der Finanzdienstleister Wirecard pleite. Ein U-Ausschuss des Bundestages versuchte zu ergründen, warum Kontrolleure und Aufsicht versagten. Nun hat das Gremium seine Arbeit abgeschlossen.

Von Tobias Betz, ARD-Hauptstadtstudio

Behördenleiter gefeuert, Insiderhandel aufgedeckt: Eine Reform soll Deutschlands Finanzaufsicht umkrempeln. Der Untersuchungsausschuss zum Wirecard-Skandal hat einiges angestoßen. Mehr als 100 Zeugen wurden dazu befragt, Tausende Dokumente gewälzt.

Tobias Betz ARD-Hauptstadtstudio

Für die FDP machte das Florian Toncar: Der Untersuchungsausschuss sei zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen. "Wir haben ganz klar herausgearbeitet, dass der Fall Wirecard keine Naturkatastrophe war, die niemand hätte vorhersehen und abwenden können", sagt er. Es habe Hinweise und Menschen gegeben, die frühzeitig gewarnt hätten. Das Verstörende am Fall Wirecard sei, dass das alles sehenden Auges und unter dem Radar der Kontrolleure habe ablaufen können.

Gütesiegel der BaFin?

Der zentrale Vorwurf der Opposition: Die Bundesanstalt für Finanzdienstleitungen (BaFin) sei frühen Hinweisen auf mögliche Unregelmäßigkeiten bei Wirecard nicht nachgegangen. Stattdessen hat die Behörde nach Einschätzung von Experten fatale Fehleinschätzungen getroffen. 

So war die BaFin davon überzeugt, dass Wirecard erpresst werde. Deshalb verhängte die Behörde im Februar 2019 ein Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien. Niemals zuvor hatte die BaFin ein solches Spekulationsverbot mit einer Einzelaktie ausgesprochen. Viele Marktteilnehmer verstanden dieses Signal als eine Art Gütesiegel: Ihr könnt Wirecard vertrauen, das Unternehmen ist sauber!

Viele Kleinanleger stiegen daraufhin ein. Als sich die seit Jahren kursierenden Gerüchte um aufgeblähte Bilanzen bei Wirecard im Juni 2020 doch als wahr herausstellten, rauschte der Aktienkurs in den Keller. Wirecard war pleite. Viele Kleinanleger verloren alles.

Minister und Kanzlerin mussten aussagen

Die Staatsanwaltschaft ermittelt seitdem unter anderem wegen bandenmäßigen Betrugs. Frühere Vorstandsmitglieder wurden festgenommen, einer von ihnen, Jan Marsalek, ist bis heute auf der Flucht. Weil die Kontrollbehörden Ministerien unterstehen, richtete sich die Kritik der Opposition auf die Regierung, sagt Lisa Paus, die für die Grünen im Untersuchungsausschuss sitzt.

"Wirecard war auch ein Wirtschaftsprüferskandal. Die Aufsicht unterstand Wirtschaftsminister Peter Altmaier", sagt Paus. Wirecard sei vor allem insgesamt ein breiter Aufsichtsskandal. "Die Finanzaufsicht unterstand dem SPD-Finanzminister Olaf Scholz."

Die Minister Scholz und Altmaier mussten im Untersuchungsausschuss aussagen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde stundenlang befragt. Fehler gestand keiner von ihnen ein. Dafür erhöhte die Arbeit des Untersuchungsausschusses aber ganz bestimmt den Druck auf den Bundesfinanzminister, die ihm unterstehende Finanzaufsichtsbehörde BaFin komplett zu reformieren, inklusive einem Wechsel an der BaFin-Spitze. 

Banker verloren ihre Reputation

Finanzexperte Fabio De Masi von der Linkspartei ist sich sicher, dass die Ergebnisse des Untersuchungsausschusses nicht nur politisch interessant sind: "Die Fehler der Wirtschaftsprüfer werden in Sammelklagen von Kleinanlegern eine Rolle spielen", sagt er. An der Spitze von Behörden seien noch nie in so kurzer Zeit so viele Köpfe gerollt.

Behördenleiter, Banker, Analysten, Fondsmanager und BaFin-Mitarbeiter - sie verloren ihre Jobs, ihre Boni, ihre Reputation. Das sind erste konkrete Auswirkungen des Untersuchungsausschusses zum Wirecard-Skandal. Der Zeugenstuhl im Untersuchungsausschuss war deshalb bei manchem bald gefürchteter als die Anklagebank eines Strafgerichts. 

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 22. Juni 2021 um 07:38 Uhr.