Ein Mitarbeiter verlegt die Kabelbäume zum Akku in einen Porsche Panamera Hybrid im Leipziger Porsche Werk.  | picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Folgen für deutsche Wirtschaft Wo der Krieg die Maschinen stoppt

Stand: 15.03.2022 13:45 Uhr

Stahlwerke und Papierkonzerne fahren ihre Fabriken herunter, Spediteure befürchten Pleiten, Fischer lassen ihre Kutter im Hafen. Der kriegsbedingte Energie-Preisschock setzt vielen Branchen hart zu.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Die binnen weniger Wochen dramatisch gestiegenen Öl- und Gaspreise als Folge des Ukraine-Kriegs bremsen zunehmend die deutsche Wirtschaft aus. Vor allem energieintensive Branchen ächzen unter dem Preisschock. Die Gefahr sei, dass sie "die immensen Strom- und Gaspreise" nicht mehr lange durchhalten könnten, klagt Siegfried Russwurm, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI).

Erstes Stahlwerk steht zeitweise still

Besonders die Stahlindustrie spürt die Krise. So haben die Lech-Stahlwerke im bayerischen Meitingen in der Nähe von Augsburg die Produktion gestoppt. Das Unternehmen betreibt ein Elektro-Stahlwerk, in dem Schrott geschmolzen wird. Dazu wird deutlich mehr Strom als im klassischen Hochofen benötigt. Dieses Verfahren ist wirtschaftlich momentan nun nicht mehr sinnvoll. "Wir legen die Produktion tageweise still", erklärte ein Sprecher der Lech-Stahlwerke.

Auch die Glasindustrie, ein wichtiger Wirtschaftszweig mit ihren 900.000 Beschäftigten, ist massiv beeinträchtigt durch die explodierenden Gaspreise. Denn sie ist besonders abhängig von dem Energieträger. "Die Glasindustrie benötigt eine Mindest-Erdgasmenge von rund 70 Prozent des Normalbetriebs, um die Glaswannen vor Schäden zu schützen", so eine Sprecherin des Branchenverbands. Erste Glashersteller haben ihre Produktion bereits heruntergefahren.

Chemieindustrie warnt vor Anlagen-Ausfällen

Stark betroffen von den hohen Energiepreisen ist ebenfalls die deutsche Chemieindustrie. Am Donnerstag will sich der Branchenverband VCI zu den Folgen und zur Konjunkturlage äußern. "Sollte Gas in Europa knapp werden, könnte die Lage äußerst problematisch werden", warnte vor wenigen Tagen Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des VCI. Schon jetzt stünden viele Betriebe mit dem Rücken zur Wand.

Die Branche setzt eigenen Angaben zufolge rund 2,8 Millionen Tonnen Erdgas als Rohstoff ein, vor allem für die Energieerzeugung. Das ist über ein Viertel des gesamten Gasverbrauchs hierzulande. Sollte es zu einem russischen Öl- und Gasembargo kommen, drohen längere Ausfälle von Anlagen. Das hätte massive Folgen für die Wertschöpfungsketten in Deutschland. Laut VCI benötigen etwa 95 Prozent aller Industriegüter Chemieprodukte - vom Auto über Chips und Dämm-Materialien bis hin zu Fernsehern.

Papierhersteller drosseln Produktion

Ähnlich düster sieht es in der Papierindustrie aus. Einzelne Papierkonzerne haben ihre Produktion gedrosselt. Der norwegische Papierproduzent Norske-Skog, der über eine Verzehnfachung der Erdgaspreise klagt, hat in Österreich die Fertigung bis April eingestellt. Ein Unternehmen aus der Hygienepapier-Branche, das seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will, hat in der Papierproduktion an deutschen Standorten punktuell Maschinen abgestellt. Weitere Abschaltungen seien nicht auszuschließen.

Die Folgen dürften bald auch die Verbraucher zu spüren bekommen: Toilettenpapier könnte künftig wieder teurer werden. Erinnerungen an die Anfänge der Corona-Krise werden wach, als es zu Hamsterkäufen kam und Toilettenpapier teilweise in Supermärkten vergriffen war.

Alarmruf aus der Logistik-Branche

Die lautesten Alarmrufe kommen momentan aus der Logistik-Branche. "Die Unternehmen sind wirklich verzweifelt", warnte Ende vergangener Woche Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Bundesverbands Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL). Viele Spediteure könnten derzeit die hohen Spritpreise nicht mehr stemmen. Einzelne Firmen ließen ihre Lkws bereits stehen.

Die Logistik-Branche hat noch ein anderes Problem: den Mangel an Fahrern. Gut 100.000 ukrainische Fahrer, die normalerweise über osteuropäische Betriebe für deutsche Spediteure unterwegs sind, fehlen jetzt.

Selbst für Fischer lohnt es teilweise nicht mehr, zur See zu fahren. Weil der Treibstoff zu teuer geworden ist, lassen viele deutsche Fischer an Nord- und Ostsee ihre Kutter in den Häfen. Der Betrieb ruhe weitgehend, ergab eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa bei mehreren Fischereigenossenschaften.

Deutsche Bank senkt Prognose für die Industrie

Die Deutsche Bank sieht schon jetzt klare Bremsspuren in der deutschen Industrie wegen der hohen Energiepreise und der Lieferengpässe. DB Research hat ihre Wachstumsprognose für die Industrieproduktion von fünf Prozent auf drei Prozent reduziert. Engpässe bei der Gasversorgung träfen am stärksten die energieintensiven Industrien der Chemie, die Metallerzeugung und Baustoffe. Zudem könnte der Ukraine-Krieg bei Metallen und anderen Zwischenprodukten die Lieferketten-Unterbrechung verschärfen. So haben VW, Mercedes und BMW haben in einigen ihrer Werke die Produktion gedrosselt, weil der Autoindustrie derzeit wichtige Kabelteile aus der Ukraine fehlen.

Maschinenbauer verlieren an Zuversicht

Auch Deutschlands Maschinenbauer stellen sich wegen des Ukraine-Kriegs auf schwächere Geschäfte in diesem Jahr ein. Der Branchenverband VDMA senkte am vergangenen Freitag seine Produktionsprognose deutlich. "Statt eines ursprünglich erwarteten Zuwachses von real sieben Prozent rechnen wir nun für das laufende Jahr nur noch mit einem Produktionsplus von vier Prozent", sagte VDA-Präsident Karl Haeusgen.

Sogar in der IT-Branche ist der Krieg angekommen. 13 Prozent der Firmen seien von den Sanktionen betroffen, erklärte der Branchenverband Bitkom. Sie haben Kunden verloren, leiden unter Rohstoffmangel oder klagen über den Ausfall von Mitarbeitern. Jedes fünfte deutsche IT-Unternehmen hat Mitarbeiter in der Ukraine.

Industrie gegen Öl- und Gasembargo

Die Lage in der deutschen Wirtschaft würde sich verschlimmern, sollte Deutschland kurzfristig gar kein russisches Gas oder Öl mehr beziehen. Ein solches Embargo lehne die Industrie ab, sagte BDI-Präsident Russwurm. Das Bruttoinlandsprodukt könnte dann ähnlich stark einbrechen wie im ersten Corona-Jahr, heißt es in einer noch nicht veröffentlichten Studie der Ökonomen Sebastian Dullien und Tom Krebs. Dagegen kommen Forscher der Universitäten Köln und Bonn in einer Studie zum Ergebnis, dass die Folgen eines Import-Embargos für russische Energie handhabbar wären.

Über dieses Thema berichteten am 15. März 2022 tagesschau24 um 09:05 Uhr sowie um 09:40 Uhr und NDR Info um 09:55 Uhr in den Nachrichten.