Erntehelfer schneiden Spätburgundertrauben von den Reben und sammeln diese in Leseboxen für den Transport zur Kelter | dpa
Reportage

Ahrtal-Winzer nach Flut Weinlese mit Aufbruchstimmung

Stand: 15.09.2021 15:00 Uhr

Die Flutwelle hat die Winzer im Ahrtal hart getroffen: Viele Weinberge, Flaschenlager und Maschinen wurden zerstört. Doch dank einer Welle der Solidarität beginnt nun die Weinlese mit viel Optimismus.

Von Christin Jordan, SWR

"Jetzt gilt's. Jetzt holen wir den Jahrgang 2021 nach Hause." Winzer Michael Kriechel klettert ins Führerhaus des alten Unimog und startet den Motor. Dröhnend setzt sich das Gefährt in Bewegung. Es geht in die Weinberge - hoch über dem Ahrtal. Hier hat Kriechel seinen Frühburgunder stehen und der wird heute gelesen.

Christin Jordan

Ein Dutzend Helfer wartet bereits im Weinberg: Mitarbeiter, Freunde, aber auch viele freiwillige Helfer, wie es sie seit nun fast neun Wochen überall an der Ahr gibt. Die Welle der Solidarität ist ungebrochen. Auch für die Winzer sind sie überlebenswichtig. "Als die Katastrophe kam, habe ich nicht zu hoffen gewagt, dass wir die Weinlese dieses Jahr stemmen!", erinnert sich Kriechel.

Komplette Elektrik unbrauchbar

Sein Weingut liegt ein gutes Stück vom Fluss entfernt. Aber die Wucht der Wassermassen zerstörte einen Teil seines Flaschenlagers, überspülte sämtliche Maschinen im Keller, machte die komplette Elektrik unbrauchbar. Nur mit Hilfe der Freiwilligen konnte das Gebäude von Schlamm und Unrat befreit werden. Noch immer ist nichts wieder richtig hergerichtet. "Die Stromleitungen haben wir notdürftig repariert. Vor drei Tagen haben wir zwei Weinkeltern als Leihgeräte geliefert bekommen - ohne die ginge hier nichts", sagt der Winzer.

Etwa 27 Hektar bewirtschaftet Kriechel. Sein Weingut ist der größte familiengeführte Hof an der Ahr. Rotwein macht rund 80 Prozent seines Geschäfts aus. Durch die Flut hat er knapp einen Hektar Weinberg verloren.

Schlammfläche statt Weinberg

Ein Stück flussaufwärts steht Oliver Schell auf einer braunen Schlammfläche, die bis vor zwei Monaten ein Weinberg war. Eigentlich hätte er in diesen Tagen ebenfalls Frühburgunder geerntet. Doch seine komplette Fläche, die mit dieser Rebsorte bestockt war, ist zerstört. "Dies hier war der erste Weinberg, den mir mein Opa geschenkt hat. Vor drei Jahren habe ich ihn neu angelegt, jetzt hätte ich zum ersten Mal ernten können", sagt er. Glück im Unglück: Seine Kelterhalle hat den Wassermassen Stand gehalten. Sie liegt etwas erhöht, so kann er die eigenen Geräte für die Lese ((auf seinen verbliebenen) Weinbergen nutzen.

Durch die Flut wurden 50 Hektar Weinberge im gesamten Tal zerstört - zwei Drittel davon unwiderruflich. Ein schwerer Schlag für das Weinanbaugebiet Ahr, das mit 560 Hektar Rebfläche eines der kleinsten in Deutschland ist. Der Wein ist hier der entscheidende Wirtschaftsfaktor. Gastronomie, Hotellerie, Tourismus hängen alle am Tropf des Weinbaus. Als Naherholungsgebiet für den Großraum Köln-Bonn ist das Tal seit Jahrzehnten ein beliebtes Ausflugsziel. An vielen Wochenenden wird die Region regelrecht überrannt - vor der Flut war das so.

Lese kann trotz Flut weitgehend vor Ort verarbeitet erden

85 Prozent der Ernte könne direkt hier an der Ahr verarbeitet werden, so Weinbaupräsident Hubert Pauly. Danach sah es zunächst nicht aus. Anfangs gab es Überlegungen, Trauben zu Winzern an die Mosel zu fahren. Das wäre ein großer logistischer Aufwand gewesen. Winzer aus ganz Deutschland haben zudem in den vergangenen Wochen bei ihren Kollegen an der Ahr mit angepackt - zusätzlich zu ihrer Arbeit in den eigenen Betrieben, die in diesem Jahr noch mehr Aufwand und Sorgfalt als sonst erfordert.

Pilzkrankheiten wie der falsche Mehltau haben sich vielerorts stark ausgebreitet. Das feucht-warme Wetter der vergangenen Tage kann auch dazu führen, dass reife Trauben faulen. Das Deutsche Weininstitut spricht trotzdem von einem bisher guten Jahrgang mit durchschnittlicher Menge ((für ganz Deutschland)). Allerdings hat die Hauptlese gerade erst begonnen. Für eine belastbare Einschätzung ist es noch zu früh.

Flaschenhälse verschlammter Weinflaschen | dpa

Verschlammte Weinflaschen aus dem Hochwassergebieten wurden teils als Flutwein verkauft. Bild: dpa

"Die Menschen schauen nach vorne"

Zurück an der Ahr - noch immer wird aufgeräumt und abgerissen. An Wiederaufbau ist noch nicht denken. Umso wichtiger findet Pauly, dass es im Weinbau weiter geht: "Die Menschen schauen nach vorne. Wir haben hervorragend ausgebildete Winzer. Wir haben keine Nachwuchsprobleme. Wir haben tolle Weinlagen - das Ahrtal lebt vom Wein - auch in Zukunft."

Und auch Michael Kriechel ist optimistisch. "Wir haben gesagt, wir packen es an. Und jetzt bekommt auch das Gefühl: Der Aufbruch ist da."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. September 2021 um 20:00 Uhr.