Chardonnay-Trauben hängen am Weinstock. | JAVIER BLASCO/EPA-EFE/Shuttersto

Neues Weingesetz Die hohe Kunst des Etikettenlesens

Stand: 18.12.2020 09:24 Uhr

Verbraucher stehen im Laden oft ratlos vorm Weinregal: "Wie schmeckt der wohl?" Das neue Weingesetz soll Abhilfe schaffen. Es wird heute im Bundesrat beschlossen.

Von Werner Eckert, SWR

Das neue deutsche Weingesetz soll die Geschäfte der deutschen Winzer verbessern und Weinliebhabern mehr Orientierung bieten, sagt Julia Klöckner, Bundeslandwirtschaftsministerin qua Amt und Winzertochter qua Herkunft. Doch in erster Linie ist die Regierung schlicht von der EU verpflichtet worden, ihr nationales Recht dem gemeinschaftlichen anzupassen.

Werner Eckert

Mit Zucker nachgeholfen

Denn seit 1971 hat Deutschland einen sehr eigenen Begriff von Qualität in der Weinwelt etabliert: Der Erfolg hängt vom Zucker ab. Je mehr die Trauben davon haben, desto besser. Das ergab Sinn in Zeiten, als in Deutschland - dank Massenernten, schlechtem Klima und schlechter Praxis - der Riesling etwa oft gar nicht reif wurde. Man verdünnte die Säure dann mit Wasser - bis 1984 an der Mosel erlaubt -, half dem Alkohol mit Zucker auf die Beine und machte die Weine süß mit sogenannter "Süßreserve". Dazu mischte man dem fertigen, in der Regel meist trockenen Wein Traubensaft zu. Das kann man auch Cocktail nennen.

Darüber sind die Winzer längst hinweg. Ihr Problem ist in Zeiten des Klimawandels eher, dass die Weine zu alkoholreich werden. Und deshalb war eine Reform sicherlich ebenfalls erforderlich. Doch das "Neue" ist eben auch nicht unbedingt schöner, nur anders.

Künftig gilt das "Herkunftsprinzip"

Grundsätzlich wird jetzt übernommen, was die Verbraucher von südländischen Weinen kennen: das so genannte "Herkunftsprinzip". Also: sage mir, wo du herkommst, und ich sage dir, wie du schmeckst. Das ist bei einem Rioja ziemlich klar, jeder kann mit Chianti etwas verbinden oder einem Bordeaux.

Ganz besonders lehnt sich die neue Regelung etwa an die Verhältnisse im französischen Burgund an. Da gibt es eben den einfach Landwein, dann einen Standardwein des Weinguts - den so genannten Gutswein -, einen besseren, der aus einer einzelnen Gemeinde stammt - den Ortswein - und eine kleine Menge von Spitzentropfen aus wenigen, bevorzugten Lagen - die Lagenweine mit Zusätzen die meist mit dem Wort "Cru" zu tun haben, dem französischen Wort für die Lage.

Klimawandel lässt Böden leiden

Soweit die Theorie. Die Wahrheit ist: eine gute Lage macht noch keinen guten Wein. Und auch nicht jedes gute Beispiel ist übertragbar. Denn erstens sind der Boden und das Mikroklima zwar wichtig, aber ambivalent. Traditionell sind die bevorzugten Steillagen mit Südausrichtung wertvolle Terroirs - in Zeiten des Klimawandels leidet die Qualität dort aber schon mal unter Hitze und Trockenheit.

Es wird wohl eher andersherum ein Schuh daraus. Das französische Beispiel zeigt: je höher die Qualitätsstufe, desto höher die Qualitätsanforderungen. Nur bestimmte traditionelle Sorten, weniger Ertrag, längere Lagerung und so weiter: das sind allesamt qualitätsfördernde Maßnahmen. Und wenn spezielle Lagen besonders hervorgehoben werden können, dann erzielen die Winzer bessere Preise für ihre Weine und können auch mehr in Qualität investieren. So schafft das Gesetz dort die Realität, die es eigentlich schon voraussetzt.

Taugt das französische Modell?

Außerdem resultiert der Erfolg des romanischen Systems daraus, dass das Produkt klar definiert ist. Burgund - wenn rot, dann aus der Spätburgunder-Traube und trocken. Nichts anderes. Da weiß man, was man kriegt, und das eben in unterschiedlichen Qualitätsstufen.

Die Übertragung ins Deutsche wird aber genau an dieser Stelle schwierig. Denn die Regeln für das neue System soll die Branche in den einzelnen Regionen selbst bestimmen. Und die Beteiligten tun sich schwer damit, Lagen abzugrenzen, weil das viele von den Fleischtöpfen abschneidet. Sie tun sich schwer, die Sortenvielfalt zu beschränken in der Spitze und die Erträge drastisch zu begrenzen. Da gibt es überall noch Konflikte.  

Das Gesetz ist deshalb auch ein Kompromiss. Im Kern übernimmt er vieles, was der Nobelwinzer-Verein VdP entwickelt hat und haben wollte. Aber er kommt auch den Kellereien und Genossenschaft ein bisschen entgegen. Die wollten ihre "Großlagen" und "Regionen" auf dem Etikett erhalten mit dem Ziel, möglichst große Mengen Ware unter einem bekannten Namen verkaufen zu können. Das, so sagen ihre Vertreter, komme ja auch den vielen Winzer zu Gute, die eben nicht Renommierweine in Flaschen, sondern Alltagsware im Fass verkauften. Erst ab dem Jahrgang 2026 soll dann "Herxheimer Herrlich" nur noch als "Region Herrlich" vermarktet werden dürfen, um Verwechslungen mit einer Einzellage zu vermeiden. Allerdings schwindet die Bedeutung der Großlagen ohnehin.

Mehr staatliche Zuschüsse

Das Weingesetz hat aber noch zwei weitere wichtige Aspekte: Zum einen wird die Rebfläche begrenzt, und zum anderen werden die staatlichen Zuschüsse für die Weinwerbung erhöht. Auch hier gibt es aber Streit. Während andere Länder verstärkt neue Weinberge anlegen, will die Bundesregierung die Ausweitung in Deutschland weiter auf nur 0,3 Prozent pro Jahr begrenzen. Die Kellereien vor allem fürchten, dass gerade erfolgreiche Konzepte am Markt ausgebremst werden - mangels Nachschub. Viele Winzer sind aber angesichts einer weltweiten Weinschwemme eher daran interessiert, dass die Menge begrenzt bleibt, so lange das hilft, die Preise zu stabilisieren.

Die Bundesmittel für die Weinwerbung soll von anderthalb auf zwei Millionen Euro pro Jahr erhöht werden. Über mehr Geld freuen sich zwar alle, aber einige Regionen fürchten, davon nichts abzubekommen. Der Präsident des fränkischen Weinbauverbands, Arthur Steinmann, kritisiert: die Mittel dürfen werbend nur für den Export außerhalb der EU eingesetzt werden. Und exportiert wird vor allem Wein aus Rheinland-Pfalz.

Großbetriebe profitieren

Alles in allem ist das Weingesetz zwar für die Branche ein heißes Eisen. Aber der Verbraucher am Regal wird den Unterschied nicht wirklich wahrnehmen. Der Markt hat viele der Regelungen schon vorweggenommen. Im Discounter oder Lebensmittelhandel spielt ohnehin das Marketing die größte Rolle.

Profiteure der Entwicklung sind große Winzerbetriebe mit bekannten Namen. Sie haben sich längst die Premium-Segmente in den Regalen gesichert - mit Weinen, für die sie Trauben und Weine zukaufen. Da werden sie Kellereien zusagen. Das ist völlig rechtens, denn sie stehen ja auch mit ihrem guten Namen dafür ein. Sie dürfen dann nur nicht "Erzeugerabfüllung" oder "Gutsabfüllung" draufschreiben, sondern müssen schlicht als "Abfüller" auftreten. Trotz neuem Gesetz bleibt also die Erkenntnis: Weinetiketten waren noch nie wirklich einfach zu lesen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 in der Wirtschaft am 18. Dezember 2020 um 11:30 Uhr.