Ein Arbeiter montiert in der Montagehalle im Volkswagen Werk Emden in einen VW Passat Variant. (Archivbild: März 2018) | picture alliance / Jörg Sarbach
Reportage

VW-Fabrik Emden Wenn 8000 Mitarbeiter umdenken müssen

Stand: 19.06.2021 10:18 Uhr

Im VW-Werk in Emden sollen künftig nur noch Elektroautos vom Band rollen. Für den Konzern bedeutet das Milliardenkosten - und für die Beschäftigten viele Umstellungen. Und manche Jobs werden wohl wegfallen.

Von Sebastian Duden, NDR

"Was ist das nochmal?" Andreas Buse sieht seinen Ausbilder fragend an und zeigt auf ein Magnetbild, das er an die richtige Stelle auf einer Tafel hängen soll. "Das ist der Heizer für die Batterie, der ist auch vorne im Fahrzeug." Es geht um Grundlagenwissen zu den neuen Elektroautos, die hier im Volkswagen-Werk Emden ab 2022 gebaut werden sollen. Die Schulung durchlaufen alle 8000 Mitarbeiter des Standorts.

Ohne Stecker geht es nicht

Spezieller wird es an der nächsten Station für die Produktionsmitarbeiter. Da muss Buse noch genauer aufpassen. Hier geht es um Stecker. Er versucht, ein Kabel an das Ladegerät eines Elektroautos zu bauen. Das funktioniert nicht, und er muss den Fehler finden. "Ah, okay, da ist ein Pin verbogen, deswegen klappt das nicht." Sein Ausbilder nickt. "Also nicht nur die Stecker kontrollieren, sondern auch immer am Bauteil schauen, ob da nix verbogen ist."

Stecker - sie werden in Zukunft noch viel wichtiger werden also bisher schon. Ohne Stecker kein Stromfluss, und dann können sie die Autos nicht einmal aus der Halle fahren. "Das zu wissen, dass das Fahrzeug gar nicht ausgeliefert werden kann, und dass dann aufwändig ein Fehler gesucht werden muss, davor habe ich schon großen Respekt", sagt Buse.

Kein Öl, kein Motorraum

Eine Halle weiter steht der ID.4 - das Elektroauto, das hier ab 2022 vom Band rollen soll. Es handelt sich um einen SUV, mehr als zwei Tonnen schwer. Einen großen Teil des Gewichts verursacht die große Batterie. Je nach Modell soll man mit dem ID.4 bis zu 500 Kilometer weit kommen.

"Den Ölmessstab gibt es nicht mehr, ölige Finger, die Zeit ist vorbei", sagt Projektleiter Hanno Greune. Er öffnet die "Motorhaube" des Autos, die diesen Namen eigentlich gar nicht mehr verdient, denn einen Motor sucht man hier vergebens. Das sei nicht viel mehr als ein "Technikraum" räumt er ein, hier finden sich jetzt zum Beispiel Lüfter und Heizer. "Der Motor liegt bei unseren Fahrzeugen auf der Hinterachse", sagt Greune. Er zeigt auf eine schlichte schwarze Abdeckung im Kofferraum. Darunter liegt ein vergleichsweise kleines Aggregat - etwa so groß wie eine Sporttasche.

VW-Werk in Emden | picture alliance / Jochen Tack

Bislang vor allem Standort für die Produktion des VW Passat, in einigen Jahren reines Elektro-Werk: Die Fabrik in Emden. Bild: picture alliance / Jochen Tack

Das VW-Werk in Emden hat jetzt schon die Größe eines ganzen Stadtteils. Es wird nun in Richtung Ems noch einmal erweitert. 30 Meter tief mussten dafür Gründungspfähle in den schlammigen Untergrund getrieben werden. Die größte Halle hat 45.000 Quadratmeter. Insgesamt kommen sechs neue Hallen und Logistikgebäude dazu. Eine Milliarde Euro wird der Ausbau kosten.

"Der Umbau ist der massivste, den der Standort bisher durchlaufen hat", sagt Werksleiter Uwe Schwartz. "Wir sind in allen Strukturen massiv drin. Wir schaffen mehr als 100.000 Quadratmeter neue Flächen." Schwartz ist extra für den Umbau geholt worden. Vorher hat er den Planungsstab im Stammwerk in Wolfsburg geleitet, nun kann er die dort entwickelten Ideen vor Ort umsetzen.

Simplere Technik, weniger Jobs

Volkswagen setzt voll und ganz auf den Elektroantrieb. Der Umbau soll ein klares Bekenntnis zum Elektroantrieb sein - auch wenn sich Experten in Zukunft weitere Antriebsarten vorstellen können, etwa in Kombination mit synthetischen Kraftstoffen. Für eine Übergangsphase von drei Jahren will VW in Emden allerdings parallel auch noch Autos mit Verbrennungsmotoren bauen.

"Emden ist der erste Standort in Niedersachsen, der dann komplett umgestellt wird auf Fahrzeuge mit Elektroantrieb", sagt Schwartz. Bislang liefen in dem Werk vor allem die "Passat"-Modelle vom Band. Elektrofahrzeuge haben indes einen deutlich simpleren Antrieb als Benziner und Diesel. Die haben meist nicht nur komplexere Motoren, sondern auch fein abgestufte Getriebe und Schaltungen. Das alles fehlt in einem Elektro-Auto. Dadurch brauchen die Hersteller eigentlich auch weniger Mitarbeiter, um sie zu bauen.

Weniger Beschäftigte für E-Auto-Bau nötig

Der Betriebsrat in Emden sieht das Problem, rechnet auch mit dem Verlust einiger Arbeitsplätze. Allerdings würden an anderer Stelle auch neue Mitarbeitende gebraucht, sagt Betriebsratschef Manfred Wulff. Zum Beispiel in der Digitalisierung. "Wir brauchen nach wie vor Karossen, die müssen gepresst und lackiert werden, da werden wir nicht viel Beschäftigung verlieren. Dass wir den klassischen Motor nicht mehr haben, das wird wegfallen."

Experten rechnen vor, dass es im schlimmsten Fall ein Drittel der Beschäftigten im Fahrzeugbau in der Transformationsphase treffen könnte. Aber das sehen sie im Betriebsrat in Emden anders. Dort haben sie sich sogar gewünscht, schnell auf den E-Auto-Bau umzustellen. Schließlich haben sich die Absatzzahlen der klassischen VW-Modelle nicht gerade positiv entwickelt. Die Alternative wäre gewesen, weitere Modelle mit Verbrennungsmotoren am Standort Emden zu bauen, um die Kapazitäten auszulasten. Dann schon lieber eine klare Zukunftsperspektive, heißt es aus dem Betriebsrat.

So sieht das auch Andreas Buse, der mittlerweile wieder am Fertigungsband steht und den Motorraum der Modelle Passat und Arteon verkabelt. "Sicherlich, es wird Umstrukturierungen geben, aber Angst davor habe ich nicht." Eine Menge seiner Kolleginnen und Kollegen werden im Zuge der Umstrukturierung wohl in Altersteilzeit gehen. Er ist allerdings erst 32 Jahre alt. Und er freue sich auch auf die Veränderungen. Auch wenn er den Passat vermissen wird, wie er auf Nachfrage einräumt.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 18. Juni 2021 um 13:00 Uhr im ARD-Mittagsmagazin.