Manager Oliver Blume | dpa
Analyse

Neuer Konzernchef Wie es bei Volkswagen weitergeht

Stand: 25.07.2022 15:34 Uhr

Mit Porsche-Chef Oliver Blume rückt ein Mann ruhiger Töne an die Führungsspitze bei VW. Was bedeutet der Chefwechsel für Europas größten Autohersteller? Und wo sind die größten Baustellen?

Von Till Bücker und Bianca von der Au, tagesschau.de

Zweimal soll Herbert Diess in der Vergangenheit knapp vor dem Aus als VW-Konzernchef gestanden haben. Am Freitagabend war es dann soweit: Es wurde bekannt, dass der immer wieder wegen seiner Kantigkeit und Sprunghaftigkeit kritisierte Vorstandsvorsitzende tatsächlich gehen muss.

Zum 1. September soll Porsche-Chef Oliver Blume seine Nachfolge antreten und den Autobauer neu ordnen. Konzernkreisen zufolge wird Diess danach aber weiter für das Unternehmen tätig sein. Der 63-Jährige bleibe als Berater zunächst regulär bis zum Vertragsende im Herbst 2025 und werde weiterbezahlt, berichtet die Nachrichtenagentur dpa.

Doppelfunktion für Blume

Mit einer kurzen Mitteilung nach einer Sitzung des Aufsichtsrats stand am Freitag das Ende der Ära Diess nach knapp sieben Jahren Amtszeit fest. Die Entscheidung über den Wechsel an der Spitze war laut VW "einvernehmlich". Diess habe "sowohl in seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender der Marke Volkswagen als auch des Konzerns die Transformation maßgeblich vorangetrieben", dankte Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch dem scheidenden Konzernchef.

Besonders den Umbau von VW hin zur E-Mobilität und die Erweiterung des Geschäfts um Mobilitätsdienstleistungen schob der ehemalige BMW-Manager an. Ohne ihn stünde der Konzern mit seinen Elektromodellen nicht dort, wo der größte europäische Automobilhersteller heute steht, meinen Experten.

Blume, der gleichzeitig Porsche-Chef bleiben soll, galt als schon länger als "Kronprinz" und potenzieller Nachfolger an der Konzernspitze. Er wird als hochtalentierter Manager bezeichnet und gilt eher als ruhig - sowohl in seiner Kommunikation als auch in seinem strategischen Vorgehen. Im Tagesgeschäft bei VW soll Blume Unterstützung von VW-Finanzchef Arno Antlitz erhalten.

Schwierigkeiten mit neuer IT-Plattform

Eine spannende Frage ist nun, wie viel Blume im Konzern verändern wird. Diess ist in der Branche hoch angesehen - besonders wegen seiner Elektro-Offensive. Allerdings: Zuletzt gab es auch Schwierigkeiten, vor allem bei der mühsamen Entwicklung eigener Software. Bei einer Sitzung vor zwei Wochen hatte der Aufsichtsrat über die Unstimmigkeiten beim Ausbau der IT-Sparte Cariad beraten.

Beim Cariad-Projekt geht es um ein Betriebssystem, das künftig als einheitliche Programm- und Elektronikplattform für alle Modelle eingesetzt werden soll. "Es gibt bei VW nicht wenige Menschen, die sagen: Das brauchen wir gar nicht, da sind andere kompetenter", erklärt der Mobilitätsexperte Guido Reinking im Gespräch mit tagesschau.de.

Trotz Einwänden etwa der Töchter Audi und Porsche läuft das Projekt erst einmal weiter. Die Probleme mit der Software sollen eine Rolle beim Aus von Diess gespielt haben. Vermutlich sei der Manager am Ende darüber gestolpert, dass VW bei diesem wichtigen Thema "nicht wirklich vorankommt", sagte auch Stefan Bratzel, Direktor des Forschungsinstituts Center of Automotive Management (CAM) an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach, gegenüber tagesschau24.

"VW liegt gegenüber Tesla um Jahre zurück"

Vernetzung und Digitalisierung im Auto sei für die Zukunft der Branche viel entscheidender als der Antrieb, so Reinking. "Das ist das, was VW jetzt dringend anfassen muss. Denn da liegt das Unternehmen tatsächlich gegenüber dem Wettbewerber Tesla um Jahre zurück."

Nach Einschätzung des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer wird Blume die Sparte daher neu ausrichten. "Cariad bleibt nicht so, wie es war", sagte der Duisburger Professor. "Der Plan, alles eigenständig und zentral zu machen, dürfte überdacht werden."

Beobachter sind gespannt, ob Blume den Aufbau einer gemeinsamen IT-Plattform für die Automodelle des Konzerns beschleunigen kann. Fachmann Bratzel traut ihm das durchaus zu: "Es ist immer so gewesen, dass Blume es geschafft hat, für Porsche eine gute Strategie zu entwickeln." Nicht umsonst sei der Sportwagen-Hersteller ein Renditebringer für Volkswagen.

Auch Blume steht für Elektromobilität

Ansonsten spricht viel dafür, dass Blume die Strategie von Diess fortsetzt. Darauf deutet auch die neue Beratertätigkeit des bisherigen VW-Konzernchefs hin.

Nach seinem Abitur in Braunschweig studierte und promovierte Oliver Blume an der dortigen Technischen Universität Maschinenbau. Den VW-Konzern mit seinen vielen verschiedenen Marken kennt der 54-Jährige sehr gut. Schon 1994 startete er als Trainee bei Audi und arbeitete sich hoch. Es folgte eine Station bei Seat, ehe er 2009 Leiter der Produktionsplanung bei der Marke Volkswagen wurde. Vier Jahre später landete Blume als Vorstand bei der Sportwagentochter Porsche in Stuttgart. Bevor er 2015 zu Vorstandsvorsitzenden berufen wurde, verantwortete er die Bereiche Produktion und Logistik.

Blume richtete Porsche früh auf die Elektromobilität aus und verwendete dafür Milliarden. Gleichzeitig erwirtschaftete er aber weiterhin zuverlässig Gewinne. Seit Einführung seines ersten vollelektrischen Sportwagens Taycan Ende 2019 hat Porsche weltweit über 75.000 Stück ausgeliefert. Bis 2030 will das Unternehmen 80 Prozent seiner Autos als reine Batteriemodelle verkaufen. Den Dieselantrieb strich Blume dagegen komplett.

Der neue VW-Konzernchef könnte nun für einen Wechsel im Führungsstil stehen. Kritiker vermissten bei Diess etwa die Wertschätzung für seine Beschäftigten und prangerten seine Alleingänge an. "Bei allen Verdiensten, die er sich erworben hat beim Umstieg auf die Elektromobilität, hat er doch auch deutliche Defizite gezeigt - vor allem wenn es darum ging, die Belegschaft mitzunehmen", sagt auch Reinking. Der Manager habe offenbar Schwierigkeiten mit Teamplay gehabt. Diese Führungsqualität werde jedoch bei Volkswagen mehr als bei jedem anderen Autohersteller gebraucht. Die Gewerkschaft IG Metall hatte Diess sogar in einem offenen Brief das Misstrauen ausgesprochen.

Kehrt nun Ruhe im Konzern ein?

Auch mit dem Aufsichtsrat hatte Diess häufig seine Konflikte. Im Sommer 2020 warf Diess Mitgliedern des Kontrollgremiums "Straftaten" und "fehlende Integrität" vor, weil sie sensible Informationen durchgestochen hätten. Später monierten manche, dass er zusätzliche Rückendeckung durch eine vorzeitige Vertragsverlängerung einforderte. Für Unmut sorgte ebenfalls die schwache Auslastung vieler Werke wegen der Chipkrise.

Mit dem neuen Konzernchef verbinden viele nun die Hoffnung, dass er den Zusammenhalt im Konzern stärkt. "Ich erwarte von ihm, dass er Ruhe reinbringt und die Belegschaft mitnimmt, was die Veränderungen der Zukunft betrifft", so Autoexperte Reinking. Eine harmonischere Zusammenarbeit erhofft sich offenbar auch der Aufsichtsrat. "Blume soll mit dem gesamten Vorstand die Transformation weiter vorantreiben - mit einer Führungskultur, die den Teamgedanken in den Mittelpunkt stellt", hieß es in der VW-Mitteilung vom Freitag.

Anleger reagieren nervös

Anleger blicken indes skeptisch auf den Chefwechsel bei VW. Die Aktien des Autobauers und seines Großaktionärs Porsche SE verloren heute zeitweise bis zu 3,2 beziehungsweise 2,5 Prozent. Die Personalie schüre kurz vor dem geplanten Börsengang der Porsche AG Verunsicherung, kritisierte ein Aktienhändler. Bei Investoren hatte Diess viel Zuspruch erhalten für sein konsequentes Umsteuern in Richtung E-Mobilität.

Die Experten des US-Analysehauses Bernstein Research stören sich vor allem an Blumes geplanter Doppelrolle als Chef von VW und Porsche. "Volkswagen macht eine schlechte Situation in der Unternehmensführung noch schlimmer", schrieb Analyst Daniel Roeska in einer Studie. Der Zeitpunkt für eine Neubesetzung der Führungsspitze sei falsch, denn der Konzern steuere auf ein herausforderndes Jahr 2023 zu.