Ein Mehrfamilienhaus des Immobilienkonzerns Vonovia in Bochum | dpa

Große Wohnungskonzerne Fusionspläne alarmieren Mieter

Stand: 01.06.2021 07:52 Uhr

Mit der Fusion zwischen Vonovia und Deutsche Wohnen soll Europas größter Wohnungskonzern entstehen. Mieter und Verbände sind in Sorge: Entsteht hier ein Gigant mit zu viel Macht?

Von Tobias Brunner, BR

Gerade hat Franz Obst wieder einen Brief bekommen. Angeforderte Unterlagen der Vonovia, nach sechs Monaten Wartezeit - also alles wie immer, erzählt er. Obst wohnt schon seit 48 Jahren in der Siedlung im Münchner Norden und ist dort im Vorstand der Mietergemeinschaft. Seit Jahren streitet er mit Vonovia über steigende Betriebskosten und Tochterfirmen: Amtsgericht, Landgericht, jetzt liegt seine Revision beim Bundesgerichtshof (BGH).

Wenn Obst über die geplante Fusion mit der Deutsche Wohnen spricht, fällt das Wort "Wohndiktatur". Aus seiner Sicht verfolgt der Konzern nur einen Plan: "Gewinne erzielen und so wenig Leistungen erbringen wie möglich." Dafür spiele es keine Rolle, ob Vonovia wie bisher etwa 415.000 Wohnungen (355.000 davon in Deutschland) oder in Zukunft mehr als 500.000 besitzt.

Mehr Marktmacht nach dem Zusammenschluss

Entsteht hier ein Immobilien-Gigant mit immer mehr Macht, dem keine Grenzen gesetzt sind? Das jedenfalls ist die Befürchtung von vielen Verbänden, Mieterinnen und Mietern. Diese könnten "die Kosten der Fusion tragen müssen, ohne dass sich für sie dadurch irgendetwas verbessern wird", heißt es beim Deutschen Mieterbund.

Denn eine Übernahme, die voraussichtlich rund 18 Milliarden Euro kosten wird, dürfte wohl Sparmaßnahmen mit sich bringen. Auch Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) befürchtet, dass es "dadurch weniger Wettbewerb geben dürfte und die Marktmacht des neuen Konzerns noch stärker wird".

Viele Kleinvermieter

Faktisch kommen Vonovia und Deutsche Wohnen nach einem Zusammenschluss auf einen Marktanteil von etwa zwei Prozent. Von einem Monopol oder ähnlichen Strukturen könne deshalb keine Rede sein, sagt Stephan Kippes vom Immobilienverband Süd (IVD): "Der Immobilienmarkt ist relativ stark im Streubesitz mit sehr vielen kleinen Eigentümern."

Kippes geht dabei von etwa 40 Millionen Wohnungen in Deutschland aus, von denen mehr als 14 Millionen Kleinvermietern gehören. Neun Millionen wiederum seien im Besitz von gewerblichen Anbietern, wozu auch öffentliche Unternehmen im kommunalen Wohnungsbau oder Genossenschaften zählen. Etwa vier Millionen Einheiten sind laut dem Immobilien-Experten Konzernen wie Vonovia und andere zuzurechnen.

Diese Zahlen wird auch das Bundeskartellamt betrachten, wenn es den Zusammenschluss wie sonst üblich noch prüft.

Zugeständnisse in Berlin

Eine stärkere Konzentration wird es hingegen künftig auf dem Berliner Mietmarkt geben. Hier stehen etwa 73 Prozent der 155.000 Objekte der Deutsche Wohnen, auch Vonovia ist dort mit mehr als 43.000 vertreten. Zusammen kommen sie auf etwa neun Prozent der Wohnungen in der Hauptstadt.

Als Zugeständnis hat Vonovia-Chef Rolf Buch deshalb bereits angekündigt, dass die Stadt 20.000 Wohnungen übernehmen könne. "Wir werden unsere Größe nutzen, um unserer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden", sagte er. Außerdem sollen die Mieten dort drei Jahre lang um maximal ein Prozent und zwei weitere Jahre um maximal die Höhe der Inflationsrate steigen.

Unterschriften für Enteignungs-Initiative

"Zusagen, die zwar gut klingen, sich aber bei näherem Hinsehen zum Teil als Selbstverständlichkeiten entpuppen, die den Unternehmen wenig abverlangen”, kommentiert Lukas Siebenkotten, Präsident des Deutschen Mieterbundes. Er fordert weiterhin einen bundesweiten Mietenstopp für Bestandswohnungen.

Zugleich formiert sich in der Hauptstadt schon länger Widerstand gegen steigende Preise. Die Initiative "Deutsche Wohnen & Co. enteignen" hat bereits mehr als 130.000 Unterschriften gesammelt. Dass das Bundesverfassungsgericht im April den Mietendeckel in der Hauptstadt kippte, spornt viele Unterstützer nun erst recht an.

In München klingt Franz Obst da schon fast lakonisch, wenn er sagt: "Es wird sich gar nichts ändern." Als Kapitulation sollte man das aber nicht verstehen, im Gegenteil. So wie der Konzern wächst, wird auch Obst weiter Betriebskosten prüfen, bei Modernisierungen genau hinsehen und Antworten fordern. 

Vonovia teilt dazu mit: "Es ist uns wichtig, den Dialog mit unseren Mieterinnen und Mietern zu pflegen, deshalb sind wir jederzeit für sie erreichbar und beantworten Anfragen schnell und zuverlässig.“ 

Franz Obst bleibt dabei: Notfalls werde er wieder vor Gericht ziehen. Zunächst einmal will er noch die Entscheidung des Bundesgerichtshofs abwarten. Doch die Widersprüche gegen weitere Betriebskostenabrechnungen hat er bereits vorbereitet.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 25. Mai 2021 um 20:00 Uhr.