Das VW-Logo steht auf einer Rad-Felge Kopf. | dpa

Autokonzern Wer hat bei VW eigentlich das Sagen?

Stand: 23.07.2021 11:05 Uhr

Auf der heutigen Hauptversammlung muss sich Volkswagen wegen seiner eigenwilligen Eigentümerstruktur erneut heftige Kritik von Aktionären anhören. Doch wer hat eigentlich das Sagen in dem Konzern?

Auch sechs Jahre nach seinem Auffliegen beherrscht der Dieselskandal noch immer die Aktionärstreffen von Volkswagen. Diesmal geht es um einen Vergleich mit dem früheren Konzernchef Martin Winterkorn. Er soll elf Millionen Euro Schadensersatz zahlen. Zu wenig, finden zahlreiche Aktionäre. Finanzinvestoren wie die Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken, Union Investment, machen vor allem die ungewöhnlichen Eigentümerstrukturen für den aus ihren Augen unzureichenden Vergleich mit Winterkorn verantwortlich. Grund sei die fehlende Unabhängigkeit des Aufsichtsrats.

Volkswagen habe die Lektion aus dem Dieselskandal nur halb gelernt, erklärte Janne Werning von der Fondsgesellschaft Union Investment in seiner vorab verbreiteten Rede zur virtuellen Hauptversammlung. "Bei grüner Elektromobilität nimmt VW eine globale Vorreiterrolle ein, aber die schlechte Corporate Governance ist nach wie vor die Achillesferse des Konzerns." Mit Corporate Governance sind die Regeln guter Unternehmensführung gemeint. Auch Ingo Speich von der Fondsgesellschaft der Sparkassen, Deka, wirft dem Aufsichtsrat mangelnde Unabhängigkeit vor.

Familien besitzen Mehrheit der Stimmrechte

Laut Aktienrecht können die Aktionäre die vorab getroffene Vereinbarung mit Winterkorn zwar kippen, wenn zehn Prozent des Grundkapitals dagegen stimmen. Wirklich fürchten müssen die Anteilseigner den Zorn der Investoren nicht. Angesichts der Mehrheitsverhältnisse bei dem Wolfsburger Konzern dürften alle Tagesordnungspunkte mit großer Mehrheit angenommen werden.

Denn mehr als 90 Prozent der Stammaktien liegen in den Händen der Hauptanteilseigner, allen voran der in Stuttgart ansässigen Porsche Automobil Holding SE. Sie gehört den beiden österreichischen Familien Piech und Porsche. Diese besitzen knapp 32 Prozent aller Aktien des VW-Konzerns und verfügen über 53,3 Prozent der Stimmrechte. Damit bleibt einer der weltgrößten Autokonzerne mehrheitlich in Familienbesitz.

Vor feindlichen Übernahmen geschützt

Zu den anderen großen Anteilseignern gehört das Land Niedersachsen, dem 11,8 Prozent der Aktien und 20,0 Prozent der Stimmrechte gehören, sowie das Emirat Katar (14,6 Prozent der Aktien, 17,0 Prozent der Stimmrechte). Die restlichen Anteilseigner, darunter große Fondsgesellschaften aus dem In- und Ausland, sowie zahlreiche Privatanleger, verfügen über 9,7 Prozent der Stimmrechte, obwohl sie über 40 Prozent der Aktien besitzen. Dieses Missverhältnis erklärt sich dadurch, dass 206 von gut 500 Millionen Aktien aus stimmrechtslosen Vorzugsaktien bestehen, die an der Börse gehandelt werden und dadurch frei zugänglich sind.

Dank dieser Eigenart sowie auch dank des sogenannten VW-Gesetzes, das dem Land Niedersachsen eine Sperrminorität einräumt, ist Volkswagen vor feindlichen Übernahmen gut geschützt. Nicht aber vor Streitigkeiten zwischen den Gründerfamilien Porsche und Piech. Vor allem Ferdinand Piech, ein Enkel des Firmengründers Ferry Porsche und langjähriger Vorstandschef des VW-Konzerns, hatte seinerzeit zu einem großen Konflikt zwischen den Familien gesorgt. Dabei hatte er vergeblich versucht, nach dem Abgang von Porsche-Chef Wendelin Wiedeking die Oberhand im Familienverbund zu erringen.

Vermittlerin Louise Kiesling

Der Streit zwischen den beiden Familien hat Tradition und gehört Experten zufolge zum Beständigsten, was die Unternehmen Porsche und Volkswagen seit ihrer Gründung hervorgebracht haben. Seit dem Tod von Ferdinand Piech vor zwei Jahren ist es allerdings ruhiger geworden. Das liegt auch an Louise Kiesling. Die 64-Jährige ist die Nichte von Ferdinand Piech, hat aber bei der Heirat den Familiennamen ihres Ehemanns Andreas Kiesling angenommen - und ist somit in der breiten Öffentlichkeit unbekannt.

Doch als Familienvertreterin sitzt sie seit 2015 im Aufsichtsrat von Volkswagen und strebt auf der heutigen Hauptversammlung ihre Wiederwahl für fünf weitere Jahre an. Insidern zufolge soll sie rund sechs Prozent der Anteile der Stuttgarter Porsche Holding besitzen, die über die Mehrheit der Stimmrechte bei Volkswagen verfügt. Damit gehört Kiesling zu den einflussreichsten Mitgliedern im Aufsichtsrat von Europas größtem Autokonzern - und zu einer Vermittlerin zwischen den Familien.

Denn obwohl Louise Kiesling aufgrund ihrer Herkunft zum Piech-Clan gehört, hat sie ihre Anteile mit der Porsche-Seite gebündelt. Damit bekommen die Porsches bei Abstimmungen immer ein wenig mehr Macht als die Piechs. Kiesling folgt damit der Entscheidung ihrer Mutter, gemeinsam mit den Porsches einen Pool zu bilden. Damit dürfte die derzeitige Eigentümerstruktur vorerst bestehen bleiben.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 22. Juli 2021 um 16:00 Uhr.