Ein id3 von Volkswagen in der Fertigung | dpa

Auslieferungsprognose gesenkt Chipmangel bremst Volkswagen aus

Stand: 28.10.2021 12:58 Uhr

Deutschlands größter Autohersteller Volkswagen spürt immer deutlicher die Folgen der Chipmangels. Der Umsatz sinkt und der Konzern senkte auch die Schätzung für die Auslieferungen in diesem Jahr.

Beim Volkswagen-Konzern hinterlassen die Produktionsstopps wegen des Chipmangels Spuren. Aufgrund der Versorgungsengpässe und Lieferausfälle bei elektronischen Bauteilen muss das Unternehmen Abstriche bei den Auslieferungen machen. Sie würden im laufenden Jahr nur noch auf dem Niveau des Vorjahres liegen, teilte Volkswagen mit. Bisher war der Absatz für 2021 spürbar über dem Vorjahresniveau erwartet worden.

Finanzvorstand Arno Antlitz stellte fest, der Halbleiterengpass habe im dritten Quartal deutlich vor Augen geführt, dass Volkswagen noch nicht widerstandsfähig gegen Auslastungsschwankungen sei. VW-Chef Herbert Diess sprach in einer Telefonkonferenz von rund 600.000 Autos, die wegen der fehlenden Halbleiter nicht gebaut werden konnten.

In der Bilanz sind die Folgen des Chipmangels ebenfalls zu erkennen: Der Umsatz ging im dritten Quartal um 4,1 Prozent auf 56,9 Milliarden Euro zurück. Das um Sondereinflüsse bereinigte operative Ergebnis fiel um 12,1 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro. Unter dem Strich stand allerdings überraschend ein Gewinnanstieg: Das Nettoergebnis legte um 5,6 Prozent auf 2,9 Milliarden Euro zu. Dabei spielten Veränderungen im Finanz- und Beteiligungsergebnis sowie bei den Steuern eine Rolle. In der Markengruppe Volumen, zu der die Kernmarke VW sowie die Marken Skoda und Seat gehören, verzeichnete der Konzern sogar einen operativen Verlust.

Mitarbeiter bangen um ihre Jobs

Volkswagen musste in den vergangenen Monaten wegen fehlender Teile wiederholt die Bänder anhalten und Mitarbeiter vorübergehend nach Hause schicken. Im Stammwerk Wolfsburg etwa sind nach Betriebsratsangaben viele Beschäftigte verunsichert und bangen um ihre Jobs. Während der Kurzarbeit fallen die sonst üblichen Zuschläge weg, auf die viele Menschen in der Region bauen.

Neben Materialengpässen, die sich nach Meinung von Experten bis ins nächste Jahr hinziehen dürften, muss das Werk die Transformation bewältigen. Derzeit arbeitet der Konzern weiter an der Steigerung der Produktivität in den Werken und will die Fixkosten senken, auch um mit der neuen Fabrik des US-Elektrorivalen Tesla bei Berlin mithalten zu können. Dieses sei "die Herausforderung, der Wolfsburg sich gegenübersieht", sagte Diess. Wolfsburg hat als eines der wenigen VW-Werke noch keinen Zuschlag zum Bau eines volumenfähigen Elektroautos, das für genügend Auslastung sorgen könnte.

Diess will Stellen in Wolfsburg streichen

Diess machte indes klar, dass er am Stammsitz in den kommenden Jahren mit dem Wegfall von Stellen rechnet. In einigen Bereichen würden durch die Umstellung auf den Bau von Elektroautos deutlich weniger Arbeitskräfte benötigt. "Wir brauchen mehr Geschwindigkeit in der Entwicklung neuer Fahrzeuge und bei der Entscheidungsfindung", erklärte er am Donnerstag. Das Wolfsburger Werk müsse produktiver werden. "Sicherlich brauchen wir dazu einen Abbau von Stellen", sagte Diess und nannte dabei Jobs in der Produktion als auch Stellen in Verwaltung und Entwicklung.

Derzeit spreche das Unternehmen mit den Arbeitnehmern über einen Plan, wie das Werk bis 2030 fit für den Wettbewerb gemacht werden könne, sagte Diess. Am Vortag habe man im Aufsichtsrat entschieden, eine gemeinsame Vision auszuarbeiten. Dahingehend seien sich Betriebsrat und Management einig. In den vergangenen Wochen wurde unter anderem über einen Abbau von rund 30.000 Stellen in der Kernmarke VW Pkw spekuliert. Zu konkreten Zahlen wollte sich Diess nicht äußern. "Das ist noch nicht ausgemacht, wir werden in den kommenden Wochen daran arbeiten."

Aussagen von Diess, er sehe in Deutschland bis zu 30.000 Arbeitsplätze in Gefahr, wenn der von ihm vorangetriebene Umbau von Volkswagen zu einem führenden Hersteller von E-Autos und softwarebasierten Diensten nicht gelänge, hatten zuletzt für Unruhe gesorgt.

Ford sieht Hoffnungszeichen

Beim Konkurrenten und Opel-Mutterkonzern Stellantis hat der Chipmangel ebenfalls Konsequenzen: Auf Jahressicht werde der weltweit viertgrößte Autobauer über 1,4 Millionen Neuwagen weniger produzieren als ursprünglich erwartet. Im vergangenen Quartal sank der Fahrzeug-Absatz um 27 Prozent, der Umsatz ging um 14 Prozent auf 32,6 Milliarden Euro zurück. Im September gab der Autobauer bereits bekannt, sein Werk in Eisenach mindestens bis Jahresende zu schließen.

Auch Ford klagt im abgelaufenen Quartal über sinkenden Umsatz und Gewinn: Unter dem Strich verdiente das Unternehmen 1,8 Milliarden Dollar und damit rund 600 Millionen weniger als vor einem Jahr, die Erlöse gingen um fünf Prozent auf 35,7 Milliarden Dollar zurück. Analysten hatten aber stärkere Einbußen erwartet. Ford erklärte zudem, dass sich die Versorgungslage inzwischen deutlich entspannt habe.

Insgesamt rechnet die Branche damit, dass sich die Chipversorgung im nächsten Jahr stabilisieren wird und sie einen Teil der ausgefallenen Produktion aufholen kann. Einige Manager, darunter Daimler-Chef Ola Källenius, halten es jedoch für möglich, dass sich die Auswirkungen der Lieferengpässe bis ins Jahr 2023 hinziehen werden.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 14. Oktober 2021 um 17:38 Uhr.