Das Kohlekraftwerk in Hamburg-Moorburg  | dpa

Abgeschaltetes Kohlekraftwerk Moorburg halbiert Vattenfalls Gewinn

Stand: 04.02.2021 16:57 Uhr

Der Gewinn des schwedischen Energieriesen Vattenfall hat sich im Jahr 2020 fast halbiert. Grund dafür war nicht etwa wie bei vielen anderen Firmen die Corona-Krise, sondern vor allem die Energiewende.

Von Till Bücker, tagesschau.de

2020 war für den schwedischen Versorger Vattenfall, einen der größten Stromkonzerne in Deutschland, ein extremes Jahr - und das nicht etwa wegen der Corona-Krise. Auf dem schwedischen Heimatmarkt seien die Strompreise wegen des milden Wetters und der hohen Niederschlagsmengen auf ein historisches Tief gefallen, erklärte Konzernchefin Anna Borg. Zudem habe es teils riesige Preisunterschiede in den verschiedenen Regionen gegeben. Dagegen hätten sich die Folgen der Pandemie in Grenzen gehalten.

Noch viel wichtiger und damit der Hauptgrund für den Gewinnrückgang war allerdings die Energiewende in Deutschland - und die damit verbundenen Wertminderungen. "Der Wertverlust von Kohlekraft ist eine natürliche Entwicklung, aber hatte einen stark negativen Einfluss auf Vattenfalls Finanzergebnisse 2020, betonte Vattenfall-Chefin Borg, die das Unternehmen im November übernommen hatte.

Gewinn halbiert

Unter dem Strich stand bei den Schweden ein Jahresgewinn von rund 7,7 Milliarden Kronen (763 Millionen Euro), wie der Energieversorger am Donnerstag mitteilte. Das war im Vergleich zum Vorjahr, in dem der Konzern noch 14,9 Milliarden Kronen erwirtschaftete, ein Rückgang von mehr als 48 Prozent. Auch die Einnahmen sanken um fünf Prozent auf 158,8 Milliarden Kronen (15,7 Milliarden Kronen).

Den größten Wertverlust verzeichnete das Kohlekraftwerk im Hamburger Stadtteil Moorburg. Es ist eines von elf Anlagen, die im Zuge des deutschen Kohleausstiegs in diesem Jahr vom Netz genommen werden.

Seit Jahresbeginn ist das Werk abgeschaltet. Dabei war es erst 2015 nach heftigen Protesten von Umweltverbänden in Betrieb gegangen und galt als eines der modernsten und effizientesten Kohlekraftanlagen in ganz Europa. Bis zu elf Terrawattstunden Strom konnte das rund drei Milliarden Euro teure Kraftwerk laut Vattenfall pro Jahr erzeugen und war damit ein wichtiger Baustein in der norddeutschen Stromversorgung. Umweltschützer bezeichneten das Werk dagegen als Drecksschleuder und Klimakiller.

Kohlekraft zu teuer und ohne Zukunft

Mittlerweile wollen die Stromkonzerne raus aus der Kohle. Selbst jüngere Anlagen scheinen sich wirtschaftlich nicht mehr zu lohnen. Denn die Betreiber müssen sich die Berechtigungen für den umweltschädlichen Ausstoß im europäischen Emissionshandel (EU-ETS) teuer erkaufen.

Der Preis dafür steigt seit Jahren und lag Mitte Dezember erstmals bei mehr als 32 Euro pro Tonne Kohlendioxid. Zum Vergleich: Anfang 2018 hatte ein Zertifikat noch acht Euro gekostet. Unter Volllast hatte das Kraftwerk in Moorburg Konzernangaben zufolge jährlich etwa acht Millionen Tonnen Kohlendioxid ausgestoßen.

Vor dem Hintergrund des Kohleausstiegs, den Bundestag und Bundesrat im vergangenen Sommer bis 2038 beschlossen hatten, hatte Vattenfall im Rahmen des ersten Auktionsverfahrens zur Reduzierung der Steinkohleverstromung ein Gebot abgegeben - und Anfang Dezember seitens der Bundesnetzagentur den Zuschlag erhalten. Der kommerzielle Betrieb ist seit knapp einem Monat eingestellt. Die Kosten für die Abschaltung übernahm der Bund. Wie hoch die Stilllegungsprämie ist, wurde bislang nicht bekannt.

Stilllegung entspricht Strategie

Noch steht das Kraftwerk aber mindestens bis Mitte des Jahres für die Reserve bereit. Erst wenn klar ist, dass es im Notfall nicht systemrelevant ist, soll es im Juli endgültig vom Netz gehen. Ansonsten läuft es auf unbestimmte Zeit weiter. Die Entscheidung der Bundesnetzagentur steht noch aus und wird spätestens im März erwartet.

Die frühzeitige Stilllegung entspreche sowohl den Plänen der Bundesregierung als auch der Strategie von Vattenfall, erklärte Konzernchefin Borg. Wie auch der Bund setzt Vattenfall nun auf einen massiven Ausbau der Erneuerbaren Energien. Während die Regierung das Ziel verfolgt, im Jahr 2030 gut 65 Prozent Ökostrom zu nutzen, wollen die Schweden in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten komplett klimaneutral werden und schon 2030 ohne Kohle auskommen.

Das könnte schwierig werden. Allein 2019 erzeugten sie nach Informationen des "Handelsblatts" noch knapp ein Viertel des Stroms mit fossilen Brennstoffen und waren für etwa 18 Millionen Tonnen Kohlendioxid verantwortlich. Das soll sich nun ändern. "Wir werden weiter in Windenergie investieren - und aus der Kohle aussteigen", kündigte Borg jüngst auf dem "Handelsblatt Energie-Gipfel" an. Zwei Drittel aller Investitionen fließe in den Bereich.

Vattenvall-Chefin Anna Borg

Seit November leitet Anna Borg den Konzern Vattenfall.

Windkraft und Wasserstoff als Alternativen

Derzeit gebe es Projekte in den Niederlanden, Dänemark und Großbritannien. Nach eigenen Angaben ist Vattenfall Marktführer in der Offshore-Windkraft und betreibt 50 Windparks in fünf Ländern. Als einer von drei Partnern habe der Konzern auch in Deutschland den ersten Windpark errichtet. Seit 2010 wird in der Nordsee - 90 Kilometer vor Borkum - grüner Strom erzeugt.

Aktuelle neue Pläne gibt es hierzulande aber nicht. "Wir würden sehr gerne auch in Deutschland in Offshore-Windenergie investieren", sagte die Vatenfall-Chefin auf dem Gipfel weiter. Allerdings seien die Rahmenbedingung hierzulande kompliziert. Es fehle etwa ein CfD-System ("Contracts for Difference"), das die Betreiber von Windenenergieanlagen finanziell absichert. Zudem hake es an Genehmigungen und Netzanschlüssen.

Wasserstoff-Großprojekt in Hamburg

Anders als die Konzerne in Deutschland setzt Vattenfall, das in Deutschland vor allem in Hamburg und Berlin aktiv ist, noch stark auf die umstrittene Atomenergie. Aber auch Wasserstoff sieht Borg als sinnvolle Alternative.

So soll am Standort Moorburg langfristig Wasserstoff aus Wind- und Solarkraft erzeugt und im Umfeld genutzt werden. Gemeinsam mit Shell, Mitsubishi Heavy Industries und der stadteigenen Firma Wärme Hamburg unterzeichnete Vattenfall kürzlich eine entsprechende Absichtserklärung - vermittelt vom Hamburger Senat. 2025 soll das Projekt starten.

Wasserstoff ist im Gegensatz zu Kohle oder Wind keine Energiequelle, sondern ein Energiespeicher. Die Speicherung von Strom gilt als ein wichtiger Schlüssel in der Energiewende.

Über dieses Thema berichtete NDR 90,3 am 02. Dezember 2020 um 13:00 Uhr.