Eine Drohnenaufnahme zeigt das Ausmaß der Zerstörung in Erftstadt nach dem Unwetter. | dpa

Flutkatastrophe Hochwasser trifft zahlreiche Firmen

Stand: 19.07.2021 16:46 Uhr

Neben privaten Anwohnern sind auch viele Unternehmen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz vom Unwetter hart getroffen worden. Vielerorts lassen sich die Kosten noch nicht abschätzen.

Stillliegende Produktionsanlagen, verwüstete Werke oder Geschäfte, überflutete Lagerhallen und zerstörte Infrastruktur: Das Hochwasser in Deutschland hat auch bei zahlreichen Unternehmen massive Schäden verursacht. Das genaue Ausmaß ist vielerorts noch nicht abzusehen. Doch auch für die Wirtschaft könnte der Schaden durch den verheerenden Starkregen in die Milliarden gehen.

"Es sind etliche Firmen von uns betroffen", sagte etwa ein Sprecher des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau NRW der Nachrichtenagentur dpa. Namen von Unternehmen nannte er allerdings nicht. Ein Werk des Autozulieferers ZF im rheinland-pfälzischen Bad Neuenahr-Ahrweiler steht nach Unternehmensangaben seit dem Hochwasser ebenso still wie die Maschinen des Kupfer-Recyclers Aurubis in Stolberg bei Aachen.

Auch RWE musste die Förderung im Braunkohletagebau Inden unterbrechen und die Produktion in seinem Kraftwerk Weisweiler reduzieren. Das Outlet-Center Bad Münstereifel meldet auf seiner Homepage: "Auf unbestimmte Zeit geschlossen". Hinzu kommen zerstörte Hotels und beschädigte Leitungen der Netzbetreiber in den Krisenregionen.

Keine Wiederaufnahme der Produktion bei ZF in Sicht

In dem durch Hochwasser verwüsteten ZF-Werk in Bad Neuenahr-Ahrweiler ist nach Unternehmensangaben vorerst keine Wiederaufnahme der Produktion in Sicht. Das Ausmaß der Schäden sei noch immer nicht klar, sagte ein Sprecher des Konzerns mit Hauptsitz in Friedrichshafen. In dem betroffenen Werk arbeiten nach ZF-Angaben regulär rund 280 Mitarbeiter.

Durch das Hochwasser seien in der Nacht zum vergangenen Donnerstag unter anderem Produktions- sowie Lagerhallen geflutet worden. Das Wasser habe in dem Werk bis zu zwei Meter hoch gestanden. Von außen seien zwölf Fahrzeuge, darunter ein Wohnwagen, in die ZF-Hallen gespült worden. Das Werk sei stark verwüstet, der Boden mit einer dicken Schlammschicht bedeckt worden. Verletzte habe es nicht gegeben.

"Ein Teil der Nachtschicht-Mitarbeiter konnte durch schnelles Handeln der Kollegen noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden", sagte Ralf Hunke, Leiter des Stoßdämpferwerks, dem "Handelsblatt". Sieben Mitarbeitern sei der Weg nach draußen jedoch versperrt gewesen. Sie hätten sich in die oberen Stockwerke retten können.

Auswirkungen "schockierend"

Der Kupfer-Recycler Aurubis hatte in der vergangenen Woche berichtet, dass aufgrund des Starkregens bereits am frühen Mittwochabend die Produktion bei der Aurubis Stolberg GmbH & Co. KG in Stolberg bei Aachen gestoppt sowie das Gelände evakuiert werden musste. Deshalb könne das Werk mit seinen rund 400 Beschäftigten seine Lieferverpflichtungen nicht mehr erfüllen.

"Die Auswirkungen des Unwetters für unser Werk in Stolberg sind für uns alle schockierend", sagte Aurubis-Chef Roland Harings. Die Überflutung habe das gesamte Firmengelände betroffen. "Wir werden alles dafür tun, das Werk wiederaufzubauen und die Produktion so schnell wie möglich wieder anzufahren."

Kraftwerke von RWE betroffen

Beim Stromversorger RWE waren der Braunkohletagebau Inden und das angeschlossene Kraftwerk Weisweiler stark betroffen. Das Kraftwerk lief auch am Montag noch mit reduzierter Leistung, wie ein Unternehmenssprecher berichtete. Am Donnerstag hatte der Fluss Inde bei Lamersdorf einen Deich überspült und war in den Tagebau gelaufen. Die Kohleförderung musste eingestellt werden und durfte erst Ende der Woche wiederaufgenommen werden. Das Kraftwerk arbeitet seitdem mit verminderter Leistung.

Auch zahlreiche Wasserkraftwerke von RWE in der Eifel, an der Mosel, Saar und Ruhr mussten den Betrieb zeitweise einstellen. Die Schäden könnten einen mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Betrag erreichen, prognostizierte RWE. Hart getroffen wurde auch das Outlet-Center Bad Münstereifel. Das Fachblatt "Textilwirtschaft" berichtete, fast alle Geschäfte in dem Outlet-Center seien zerstört worden.

Telefonnetz und Post mit Einschränkungen

Probleme gibt es ebenfalls bei der Deutschen Post. "Derzeit kommt es vor allem in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen zu Laufzeitverzögerungen sowie zu Zustellausfällen", so ein Sprecher gegenüber dem "Handelsblatt". Einige Straßen und Autobahnen seien nicht befahrbar. An einigen Orten seien Abholungen und Zustellungen gar nicht oder nur teilweise möglich. Das führe zu Verzögerungen.

Große Schäden haben auch die Strom- und Telefonnetze erlitten. Durch das Unwetter waren etwa 130 Telekom-Standorte in den Krisenregionen ausgefallen, wie das Unternehmen mitteilte. Es gebe Orte, in denen die komplette Infrastruktur neu aufgebaut werden müsse. Dort seien ganze Straßen mit den Leitungen weggerissen worden. Mittlerweile seien aber mehr als die Hälfte der ausgefallenen Mobilfunkstandorte wieder am Netz.

Auch Vodafone und Telefónica waren betroffen. Das genaue Ausmaß und die Dauer der Reparaturarbeiten können auch die drei Netzbetreiber noch nicht abschätzen.

VW kommt glimpflich davon

Bei Volkswagen halten sich die Auswirkungen der Hochwasser-Katastrophe auf die Logistik nach eigenen Angaben dagegen in Grenzen. Wie Ende vergangener Woche gebe es auch derzeit "nur lokale Störungen bei wenigen Lieferanten-Standorten", hieß es am Montag aus der Wolfsburger Konzernzentrale. Insgesamt funktioniere das Netzwerk der Teileversorgung trotz der Unwetterfolgen. Die Produktion sei deshalb nicht eingeschränkt.

VW hat im besonders stark von den Überschwemmungen getroffenen Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen keine eigenen Standorte. In Sachsen, wo es ebenfalls heftige Niederschläge gab, stehen dagegen mehreren Werke - und Zulieferer gibt es darüber hinaus in vielen weiteren Regionen der Bundesrepublik. Wegen fehlender Chips ist die Produktion bei VW derzeit allerdings sowieso deutlich zurückgefahren worden. Der Konzern spendete eine Million Euro für die Sofort- und Nothilfe.

Klöckner fordert Fluthilfen für die Landwirtschaft

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner forderte unterdessen, dass Fluthilfen nach der Hochwasserkatastrophe auch der Landwirtschaft zugutekommen müssten. Ersten Eindrücken zufolge nähmen die Schäden an landwirtschaftlichen Flächen, Gebäuden und Infrastruktur in den betroffenen Gebieten ein "teils existenzbedrohendes Maß" an, teilte das Landwirtschaftsministerium heute mit.

So seien etwa Getreidebestände vielerorts komplett vernichtet, ganze Tierbestände ertrunken und Einrichtungen von Weingütern und Winzergenossenschaften komplett zerstört worden. Über die Soforthilfen des Bundes soll kommenden Mittwoch im Bundeskabinett beraten werden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Juli 2021 um 13:37 Uhr.